Noch vor dem Frühstück schnappt sich Birgit Zunklei ihren Holzbogen und ein paar Pfeile, geht raus in den Garten und stellt sich an der langen Hauswand auf, an deren Ende eine weiße Zielscheibe steht. Die 57-Jährige atmet tief durch, legt den Bogen an, spannt mit einer tiefen Ausatmung die Sehne – und lässt los. „Ein paar Schüsse jeden Morgen reichen schon, um mich auszurichten“, sagt Zunklei, die mit ihrem Hund Filou in Bensberg lebt. Nach dieser Meditation könne der Tag beginnen.
„Einfach den Kopf leer kriegen“
Meditation – beim Bogenschießen? Hier das entspannte Nichtstun, dort das kraftvolle Spannen der Bogensehne. Hier das Absehen von äußeren Zielen, dort das Fixieren eines Punkts auf einer Scheibe. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oft nicht viel, sagt Birgit Zunklei, als wir uns in einem Kölner Fortbildungsinstitut treffen.
In einem großen Saal im Untergeschoss gibt sie, die vor 20 Jahren selbst zum ersten Mal mit Pfeil und Bogen in Berührung kam, heute Kurse in Intuitivem Bogenschießen (s. Kasten). Man könne das als Sport begreifen, bei dem es darum geht, immer besser ein Ziel zu treffen, sagt Zunklei. In ihre Kurse kämen aber auch viele, die „einfach den Kopf leer kriegen wollen“. Die auf sich selbst zielen, wie es in Flyern zum Intuitiven Bogenschießen oft leicht esoterisch heißt, und nicht auf die Scheibe.
Bogenschießen nach dem Burn-out
Marita Müller wollte nie wieder Ziele haben, als sie vor zwei Jahren einen Kurs bei Birgit Zunklei belegte. Die Grundschullehrerin aus Bergisch Gladbach hatte gerade wegen eines Burn-outs den Schuldienst quittiert. In einer Psychologischen Tagesklinik lernte sie Achtsamkeitsübungen kennen. „Als die Behandlung vorbei war, habe ich nach Möglichkeiten gesucht, Elemente der Meditation in mein Leben zu holen“, sagt die 55-Jährige. Dabei sei sie auf das Bogenschießen gestoßen.
Ironie des Schicksals, findet Müller: „Eigentlich war mir ja alles zu viel geworden – bloß kein Ziel mehr verfolgen, nicht mehr anstrengen müssen. Und dann gucke ich plötzlich wieder auf eine Zielscheibe und spanne einen Bogen.“ Verrückt, oder?
Sich selbst loslassen
Am Anfang konzentriere man sich stark auf die Technik, erklärt Birgit Zunklei: Wie lege ich den Pfeil ein, wie stehe ich, wie ziele ich? Oft bemerkten Anfänger erst nach einer Weile, dass es für Treffsicherheit mehr brauche als das. „Und kommen dann langsam immer mehr dahin, loszulassen – sich selbst und auch das Ziel.“ Zunklei spricht so angenehm ruhig, als könnte diese Frau nichts erschüttern.
Die gebürtige Ostwestfälin hat Sozialpädagogik studiert und sich später in München als Atemtherapeutin ausbilden lassen. Dort kam sie Mitte der Neunziger in Kontakt mit dem Bogensport. Sie habe sich zum meditativen Schießen sofort hingezogen gefühlt, sagt sie. So stark, dass sie sogar überlegt habe, nach Japan zu gehen, um dort Kyudo, das traditionelle Bogenschießen, zu lernen. Das stellte sich als zu aufwendig heraus. Aber als sich die Atemtherapeutin später in der Nähe von Paderborn niederließ, eröffnete im Nachbardorf gerade ein Bogenplatz. „Den habe ich dann mitaufgebaut. Und dreimal die Woche dort trainiert.“
Wenn der feste Stand fehlt
Marita Müller schießt seit zwei Jahren fast jede Woche im Keller des Kölner Instituts Pfeile auf eine Scheibe. Nur langsam habe sie gelernt, dass es beim Bogenschießen vor allem um Details gehe, die man im Alltag meist nicht beachtet. „Zum Beispiel darum, wie man sich auf die Füße stellt und einen festen Stand findet.“
Am Anfang habe sie mit solchen Dingen nicht viel anfangen können. „Später merkt man dann, was das heißt, wenn die Füße den Boden spüren können.“ Heute bemerke sie viel früher, wenn ihr mal wieder der feste Stand fehle. „Und wenn das beim Schießen so ist, kann ich davon ausgehen, dass mir auch im Leben die Standfestigkeit fehlt“, glaubt Müller. Das eben sei das Großartige: „Dass mir nichts so exakt mein Leben widerspiegelt wie das Bogenschießen.“
Alltägliche Metaphern
Tatsächlich ist es so abwegig nicht, die uralte Kulturtechnik als Meditation aufs und Metapher für das Leben zu verstehen. Die Alltagssprache macht das ständig: Wir haben den Bogen raus, erzielen gute Ergebnisse, treffen ins Schwarze, sind gespannt wie ein Flitzebogen und lassen wieder locker. Wir setzen uns Ziele, überspannen den Bogen, wollen Dinge festhalten und müssen sie doch loslassen. Offenbar sind Pfeil und Bogen eine gute Sprache, um innere Zustände zu beschreiben. Eben das sei das Meditative am Bogenschießen, findet Birgit Zunklei: sich auf das innere Erleben zu konzentrieren statt, wie gewöhnlich, auf äußere Reize.
Besser mit Fehlschlägen umgehen
Und was ist mit der Zielscheibe? „Das Treffen ist nur ein angenehmer Nebeneffekt“, erklärt Zunklei. Sie sage ihren Schülern immer: „Das Ziel steht fest, damit müsst ihr euch nicht beschäftigen.“
Die Aufgabe sei vielmehr, sich zu sammeln, auf den Stand und die Atmung und – loszulassen. Der Effekt sei, dass man immer besser mit Fehlschlägen umgehen könne. „Man lernt, nicht länger eine »Ich will«- oder »Ich muss«-Haltung einzunehmen, sondern eine »Ich gebe mein Bestes«-Haltung.“ Paradoxerweise seien die Ergebnisse, die man auf diese Weise erziele, meist besser als solche, die unter Druck entstehen.