Frankfurt-Peking-Tokio-Falkland-Inseln. Die meisten Menschen wären mit einer solchen Reiseroute bereits überfordert, wenn sie sie einmal im Leben bewerkstelligen müssen. Michael Dal Grande legt sich rund 42 000 Flugkilometer so kompakt, dass er zwei Wochen später wieder an seinem Schreibtisch im beschaulichen Lörrach an der Schweizer Grenze sitzt, kurz durchatmet und seinen Koffer für den Kundenbesuch in Italien umpackt. Reisen gehören zu seinem Beruf wie zum Metzger das Beil. Michael Dal Grande ist Edelhaarhändler – und in gewisser Weise auch Jäger.
„Ich bin auf der Suche nach den besten Tierhaaren – und die finde ich leider nicht an den Südausläufern des Schwarzwaldes“, sagt der 50-Jährige. Dal Grande reist in die entlegensten Regionen der Erde. Edles, feines Tierhaar ist in unserem gemäßigten Klima eben nicht zu finden. Regionen, wo die Wiesen saftig sind, die Bäche genügend Wasser führen und ein gemäßigter Wechsel von Kalt und Warm das Klima bestimmen, sind nicht prädestiniert für Edelhaar.
Dort, wo Dal Grande seidigen Flaum findet, herrschen Extreme: Ziegen stäuben durch trockene Wüsten, Kamele kauen auf spärlichen Stängeln; nachts herrscht bei bis zu minus 65 Grad abnorme Kälte und tagsüber unerträgliche Hitze. Dal Grande durchstreift Klimazonen, in denen man sich ernsthaft fragt, wie auch nur die anspruchsloseste Ameise überleben kann. Aber paradoxerweise sind es genau diese Landstriche, wo Kamele, Yaks, Ziegen und Schafe trotz dürrster Grasbüschel überleben können. „Je extremer das Klima und je größer der Nährstoffmangel, desto feiner das Haar“, erklärt dal Grande. Und deshalb ist er acht Monate im Jahr unterwegs, im Himalaya, in den Anden, in Zentralasien – zwischen Sandhügeln und Schneegipfeln.
Seit 30 Jahren Wollhändler
Michael Dal Grande ist in einer italienischen Textilfirma aufgewachsen, nach seinem Betriebswirtschaftsstudium beschloss er, sein Unternehmen im Naturfaserhandel zu gründen, und seit nunmehr 30 Jahren agiert er mit klar definiertem Ziel: Wolle – und auch ein bisschen Seide. Theoretisch könnte er sich auch auf das Urteil seiner 60 für ihn tätigen Ein- und Verkaufsagenten verlassen, die er zwischen Südamerika und Zentralasien beschäftigt. Aber Dal Grande muss selbst los, das sei eben das Spannende an seinem Beruf. „Ich muss die beste Faser der Welt finden.“ Dafür reist er in die kargsten und menschenleersten Regionen der Welt, „in denen zuvor noch kein Händler war“. Das ist sein Anspruch.
Pilling
Manchmal erkennt man die minderwertige Qualität schon im Geschäft, wenn der Pullover da schon Knötchen bildet
Sehr kuscheliger Griff?
Das scheint verführerisch, trotzdem sollte man sich nicht vom ersten Reflex leiten lassen. Es ist von kurzen Fasern auszugehen, die schnell pillen.
Sehr regelmäßige Maschen?
Das spricht für den Kauf. Dann kann man von langen Fasern ausgehen, die eine hohe Elastizität aufweisen.
Wie ist die Struktur des Pullovers?
Weich und labberig? Das deutet auf kurze Fasern und geringere Langlebigkeit hin
Sind die Fasern echt?
Wieviel Prozent andere Fasern dem 100 prozentigen Kaschmir zugefügt sind, lässt sich nur unterm Mikroskop erkennen – und dann auch nur schwierig.
„Einmal war ich im Norden Afghanistans und konnte mit den Bauern das Haar der Ziegen von den Büschen einsammeln. Der Wind hat es dahin getragen.“ Die Bauern in dieser Region leben heute noch wie vor 200 Jahren, erinnert sich Dal Grande – von Maschinen träumen sie noch nicht einmal.“
Er ist der größte deutsche Edelhaarhändler und beliefert vor allem Abnehmer in Italien und ein paar anderen europäischen Staaten. Rund 100 Tonnen Kaschmirwolle durchlaufen jährlich sein Lager in Bremen, wo die Wolle in Containerschiffen ankommt. „Ein paar Abnehmer habe ich auch in Japan und China“, sagt Dal Grande, aber der größte Teil geht an die europäischen Qualitäts -Spinnereien. Am Ende sieht er seine Fasern versponnen, verstrickt oder verwoben bei noblen Marken wie Loro Piana, Brunello Cucinelli, Etro oder Johnstons of Elgin.
100 Tonnen Kaschmir
Wenn man sich vorstellt, dass eine Ziege gerade mal 100 Gramm ihres kostbaren Unterfells im Jahr verliert, dann erscheint die Menge noch unglaublicher. „Etwa 300 Gramm werden für einen ordentlichen Pullover benötigt“, erklärt Dal Grande – was wiederum den hohen Preis an der Ladentheke erklärt. „Aber ein Pullover für unter 300 Euro lässt mich grundsätzlich zweifeln.“ Denn Kaschmir ist leider nicht gleich Kaschmir. Es kommt auf die Herkunft an, auf die Feinheit, und schließlich auf die Haarlänge. „Das ist wie bei Erdbeerjoghurt, da sind auch nicht in jedem Becher ordentliche Beeren drin“, sagt Dal Grande. Und bei den Ziegen ist es eben so, dass sie gekämmt werden und die Entgrannungsmaschine das Haar vom Schmutz befreit, feines von grobem trennt und langes von kurzem. Nur langes, feines Haar genügt für die 1a-Qualität mit einem Kilopreis bis zu 150 Euro.
Das kostbare Kaschmirziegenhaar zeichnet sich durch seine unglaubliche Leichtigkeit und Weichheit aus. Recht nahe kommt diesen Eigenschaften das Haar der Angorakaninchen. Zweihundert Tonnen hat Dal Grande, der größte Importeur von Angorahaaren in Europa, im vergangenen Jahr noch gehandelt, in diesem Jahr seien es allerdings deutlich weniger. Was nach Einschätzung des Händlers mit „dem zweifelhaften Film“ zu tun hat, den die Tierschutzorganisation Peta über die angeblich gängigen Rupfmethoden der chinesischen Bauern veröffentlicht hat.
Werden Angora-Kaninchen gequält?
Die Aktivisten, bekannt für ihre medienwirksame Aktionen – vor ein paar Jahren haben sie während der New York Fashion Week Anna Wintours Pelzmantel mit Lack besprüht – zeigten in ihrem Film, wie sich unter Schmerzen windenden Kaninchen das Fell Haar ausgerissen wurde. Dal Grande ist derartige Handhabe vieler chinesischen Produzenten nicht bekannt, das Angorakaninchen wird üblicherweiße geschoren. Er weiß aber: „Schwarze Schafe gibt es immer.“ Diese Handhabe ist mit Sicherheit nicht die Regel, da die Tiere für Ihre Halter sehr wertvoll sind. Trotzdem hat er eine Zertifizierung nach europäischem Standard, welches das Tierwohl respektiert, bei seinen Zuchtfarmen eingeführt. Mit der Marke „Caregora“ garantiert er für seine Betriebe, dass der natürliche Haarwechsel alle 90 Tage respektiert werde und die Kaninchen ausschließlich geschoren werden (siehe auch www.angora-rabbits.de) und nicht schmerzhaft gerupft.
Aber seit China um die Jahrtausendwende im ganz großen Stil selbst in die Verarbeitung sowohl von Kaschmir- wie Angorakaninchenhaar eingestiegen ist, sei nichts mehr so, wie es einmal war. „Auch dass die Chinesen Kaschmirwolle mit minderwertigerem Haar vom Schaf oder Rind mischen, ist kein Geheimnis mehr“, sagt Dal Grande.
Betrug, der sich allerdings nur schwer nachweisen lässt. Selbst Materialprüfer vom Hohenstein-Institut in Ludwigsburg hätten Schwierigkeiten, die Mischungen aufzudecken. Tierhaar bleibt nun mal Tierhaar, wenn Viskose oder gar Kunstfasern beigemischt werden, dann sieht die Sache anders aus. Aber einige chinesische Produzenten trügen die dickere Schuppenschicht der Schafhaarfaser einfach ab, kippten noch Silikon und Chlor als Weichmacher dazu – und imitierten Kaschmir damit.
„Einen Kaschmirpullover für 79 Euro gibt nicht“
Der Unterschied sei am Ende leider kaum mehr zu erkennen, nur der Preis: „Einen Kaschmirpullover für 79 Euro – den gibt es eigentlich gar nicht.“ Natürlich handelt auch Dal Grande mit minderwertigerem Kaschmirhaar, aber immer mit echtem. Kürzeres Haar zum Beispiel, das bei der ersten und zweiten Längensortierung durchfällt. Denn gerade für Mischungen mit anderen Tierfasern oder Baumwolle genügt die geringere Qualität. „Aber ich muss immer sehen, woher das Haar kommt und wie die Produzenten arbeiten.“ Dafür nimmt der Unternehmer in Kauf, wochenlang in Zelten und Hütten in unwirtlichen Gegenden zu wohnen. „Umso mehr kann man ein Bett mit ordentlicher Matratze im beschaulichen Lörrach wieder schätzen.“

