Das Cotell im Kölner Mauritiussteinweg bietet Fine-Dining-Atmosphäre und einen spannenden fleischlosen Ansatz. Unser Kolumnist sieht Potenzial nach oben
Henns GeschmacksacheDas Cotell versucht sich als veganer Balkan – es gelingt nur teilweise

03.06.2026, Köln: Gastrokritik von Carsten Henn („Henns Geschmackssache“) über das „Cotell“ in der Innenstadt. Inhaber: Vladimir Dimitrov. Foto: Arton Krasniqi
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Mit seinem schlichten Interieur bietet das Cotell den Gästen, die von einer maximal uncharmanten Straßenecke eintreten, eine Oase der Ruhe. Eine konzentrierte, moderne Fine-Dining-Atmosphäre, geprägt von langen, grauen Falten-Vorhängen, mit klugem Lichtkonzept und bequemen Stühlen. Man soll sich fühlen wie in einem Kessel (Cotell) in dem man über den Abend erhitzt wird – so erklärt es zumindest der Service. Dazu kommt – eine Seltenheit – eine Musikanlage mit glasklarem Sound, die soften Pop spielt.
Genauso auf das Wesentliche konzentriert ist die Speisenauswahl. Nur ein Menü mit vier Gängen, bei der Hauptspeise stehen zwei Gerichte zur Auswahl. Außerdem ist noch ein Zusatz-Gang möglich. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass die angebotene „Seasonal Plant Based Cuisine“ aktuell rein vegan ist – obwohl auf der Speisekarte Sauerrahm erwähnt wird (der aber rein pflanzlich ist). Auf der Homepage findet sich diese Info erst nach einigem Suchen. Warum wirbt man damit nicht offensiver? Schließlich gibt es genau dafür ein Publikum.
Angeboten werden auch eine Weinbegleitung, sowie eine nicht-alkoholische, aber auch Flaschenweine sind vorhanden. Allerdings gerade einmal elf, noch dazu ohne Jahrgang aufgelistet, von denen es sechs offen gibt. Alles konsequenterweise vegan. Aus dieser winzigen Auswahl wird auch die Weinbegleitung zusammengestellt, und ich greife mal vor: Sie funktioniert leider gar nicht (das Gleiche gilt für die alkoholfreie, bei der es unter anderem gerösteten grünen Tee mit Hafer und Erbsen gibt). Zudem agiert der Service nicht aufmerksam: Leere Gläser werden nicht bemerkt, die Weine zum Teil nicht annonciert, und wenn dann zum Teil ohne Erwähnung des Weingutes. Zudem werden die Flaschen am Gast nicht gezeigt. Der erste Wein erscheint parallel zum Aperitif, weil die bestellte Weinbegleitung vergessen wurde.

Geviertelte, rohe Minigurken auf einem cremigen Mandel-Tahini-Bett, on top Beluga-Linsen, crunchy Pistazien und Dill
Copyright: Carsten Henn
Kulinarisch geht es gut los mit dicken Brotscheiben und – zu wenig – grünem Pesto. Der erste Gang bietet geviertelte, rohe Minigurken auf einem cremigen Mandel-Tahini-Bett, on top Beluga-Linsen, crunchy Pistazien und viel Dill. Auch das fruchtig-herbe Gewürz Sumac spielt eine Rolle, definiert das Cotell sich doch selbst wie folgt: „Unsere Küche trägt Balkan in sich. (…) Unsere mediterrane Handschrift ist näher an Türkei und Griechenland als an Westeuropa.“ Das ist innovativ und reizvoll. Und bei diesem Gang funktioniert es auch prima.
Mehr Mut zu den Aromen des Balkans würde der Küche gut stehen
Beim nächsten dagegen nicht. Zwei Stangen dicker weißer und zwei grüner Spargel liegen, ganz leicht angebraten (hätte man sich dann gleich sparen können, besser wäre eine starke Röstung gewesen), in einer belanglosen, sämigen Tomaten-Bohnensauce, obenauf Senfkörner. Auch Bärlauch und Samardala (traditionelles, bulgarisches Lauchsalz) spielen eine Rolle, aber entfalten nur wenig Wirkung. Zudem ist der Teller am Rand nicht ganz sauber abgewischt – und warm ist er auch nicht.
Bei den Hauptgängen gelingt der herzhafte Spieß vom Austernpilz und knusprigem Seitan mit erfrischender Erbsen-Minz-Creme auf fermentiertem Brot mit Soja. Die Gnudi (Ricottabällchen) aus Cashew, Spinat und Brennnessel bleiben dagegen aromatisch flach, und die Avgolemono-Soße (im Original eine seidige, griechische Zitronen-Ei-Hühnersuppe) wirkt wie eine dünne Käsetunke. Die Bohnen und Schoten bieten allerdings Biss und Knack.

Bunter Spargel in einer Bohnensauce, obenauf Senfkaviar, Bärlauch und Samardala
Copyright: Carsten Henn
Der Zusatz-Gang sind gebackene neue Kartoffeln samt Schale (könnten geschmacklich genauso gut gekocht sein), etwas Paprikasauce (keine Schärfe), ein paar Bohnen, und kaum geröstete Pimientos. Insgesamt okay, aber ohne kreativen Dreh. Für recht stolze 17 Euro.
Das „Eis Melba“ hätte Loriot unter diesem Namen sicher verschmäht. Eine Kugel leicht mehlig und einen Tick salzig schmeckendes Erbsen-Holunder-Eis auf einer Brotmiso, dazu ein paar Erdbeeren, und obenauf eine runde Scheibe Erdbeergelee, die geschmacklich schwerfällig wirkt. Alles zurückhaltend in der Süße, aber ohne fruchtiges Aufspiel, ohne Frische-Akzente.

Gelungen: der Spieß vom Austernpilz und Seitan mit erfrischender Erbsen-Minz-Creme
Copyright: Carsten Henn
Die Ansätze stimmen hier fraglos, aber der Küche würde insgesamt mehr Mut zu den Aromen des Balkans gutstehen, und mehr Exaktheit in der Balance der Zutaten. Etwas erratisch erscheinen die Reservierungsmöglichkeiten: An einigen Tagen gibt es nur ein Seating um 19 Uhr, an anderen zwei (17.30/17.45 sowie 20 Uhr).
Fazit: Ein sehr gelungen eingerichtetes Restaurant mit spannendem, veganem Ansatz. Braucht vermutlich noch etwas, um sich bei Speisen, Service und Weinkarte einzugrooven.
Bewertung: 2 von 6
Cotell, Mauritiussteinweg 2, 50676 Köln, Tel. 0221-93115678, Di-Sa Abend, www.cotell.de
Henns Auswahl:
- 4 Gänge inkl. Brot & 0,25l gefiltertem Wasser 59 Euro
- Gebackene neue Kartoffeln / Paprikasauce / Pimientos 17 Euro


