200 Jahre Preußen am RheinWie Köln und das Rheinland preußisch wurden

Lesezeit 6 Minuten

Friedrich Wilhelm III.

Köln – Es sind hehre Worte, derer sich der Monarch bedient: „Im Vertrauen auf Gott und auf die Treue und den Mut meines Volkes habe ich die Rheinländer in Besitz genommen und mit der preußischen Krone vereinigt. Und so, Ihr Einwohner dieser Länder, trete ich jetzt mit Vertrauen unter Euch, gebe Euch Eurem deutschen Vaterlande wieder und nenne Euch Preußen! Kommt mir mit redlicher, treuer und beharrlicher Anhänglichkeit entgegen! Ihr werdet gerechten und milden Gesetzen gehorchen.“

Noch von Wien aus, wo der Kongress der europäischen Mächte damit beschäftigt ist, Europa nach dem Sturz Napoleons neu zu ordnen, wendet sich der preußische König Friedrich Wilhelm III. im April 1815 an seine neuen Untertanen am Rhein – nachdem er zuvor mit einem „Besitzergreifungs-Patent“ die neuen Provinzen formell seinem Königreich angegliedert hat. Auch in diesem Patent sagt der König den Rheinländern „den wirksamsten Schutz ihrer Person, ihres Eigentums und ihres Glaubens“ zu – und er verspricht, „die Bildung einer Repräsentation anzuordnen“. Am 30. April wird dieses schöne Dokument im Verlauf des Hochamtes im Kölner Dom verlesen.

Ausbau zur Festungsstadt

Köln, im Frühjahr 1815: Die Honoratioren der Stadt, die die Wiederherstellung der alten reichsstädtischen Freiheiten erhoffen, blicken gebannt nach Wien – schon im Februar war bekanntgeworden, dass Österreich und England darauf drängen, den Preußen große Gebiete im Westen Deutschlands zuzusprechen. Die aber wollen lieber das unter französischer Protektion entstandene Königreich Sachsen annektieren – und den sächsischen König mit einem neu zu schaffenden Territorium auf dem linken Rheinufer entschädigen, man hat sogar schon eine Hauptstadt ausgeguckt – Bonn.

Kaum zu glauben: Das Rheinland soll sächsisch werden – doch die großen Strippenzieher des Kongresses, der Engländer Lord Castlereigh und der österreichische Staatskanzler Metternich (übrigens ein Rheinländer), durchkreuzen diesen Plan: Sie setzen durch, dass die Militärmacht Preußen die „Wacht am Rhein“ übernehmen soll, als Barriere gegen jedwede erneute französische Aggression.

Die preußischen Unterhändler müssen klein beigeben – und sich mit Westfalen und den Rheinlanden „begnügen“, schon am 11. März 1815, noch vor der offiziellen Inbesitznahme, ordnet König Friedrich Wilhelm II. den Ausbau Kölns zur Festungsstadt an.

Ein Jahr zuvor hatten die letzten französischen Truppen Köln verlassen – nachdem die Stadt ziemlich genau 20 Jahre lang unter französischer Herrschaft gestanden hatte; 1801 war Köln sogar ganz offiziell eine französische Stadt geworden, „la ville de Cologne“. In diesen 20 Jahren hatten die Franzosen aus der mittelalterlichen Reichsstadt eine für damalige Verhältnissen „moderne“ Provinzstadt geformt – die Auflösung der Gaffeln, die Abschaffung des Zunftzwanges, die nun erlaubte Zuwanderung von Juden und Protestanten, in der Mehrzahl bergische Textilfabrikanten, die Umstellung des Münzsystems auf Francs und Centimes, die das rheinische Münzgewirr von Stübber, Blaffert, Fettmengen, Albus und so weiter abgelöst hatten, durch all diese Maßnahmen waren der Kölner Wirtschaft starke Impulse gegeben worden, vor allem war endlich wieder Kapital in großgewerbliche Betriebe geflossen.

Säkularisierung verändert Köln

Zum wirtschaftlichen Aufschwung hatte auch die Säkularisation beigetragen – gerade im „hilligen Coellen“ mit seinen elf Stiftskirchen, 19 Pfarrkirchen, annähernd 70 Klöstern, mehr als 150 Beginen-Konventen und zahlreichen öffentlichen Kapellen waren umfangreiche geistliche Besitztümer in Staatsbesitz überführt worden. Die Mehrzahl der geistlichen Institute war im Sommer 1802 – nachdem ein Konsularbeschluss die Aufhebung der geistlichen Kongregationen angeordnet hatte – beschlagnahmt und anschließend „umgenutzt“, verkauft oder einfach abgebrochen worden.

Einer typischen Kölner Legende zufolge sollen nur Juden und Protestanten ehemaliges Kirchengut erworben haben – das genaue Gegenteil war der Fall gewesen: Nicht nur Kölner Bankiers und Unternehmer hatten gute Geschäfte beim Kauf geistlicher Immobilien gemacht, im Regelfall waren es biedere mittelständische Bürger gewesen, die die von den Behörden angebotenen Objekte zu günstigen Preisen an sich gebracht hatten – auch unter den katholischen Kölnern war die Säkularisation auf Zustimmung gestoßen.

Charakter und Gesicht Kölns waren auf jeden Fall durch die Säkularisation entscheidend verändert worden. Und Napoleon, der Köln zweimal, 1804 und 1811, besucht hatte, war von der Bevölkerung als der Mann gefeiert worden, der dem Rheinland Frieden und Gesetzmäßigkeit und ein einheitliches Rechtssystem gebracht hatte. Bei der katholischen Bevölkerung hatte er Sympathien gewonnen durch den Abschluss des Konkordates, und mit der Errichtung des Bistums Aachen hatte er endlich für religiösen Frieden gesorgt – so waren im Januar 1804 die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln zurückgebracht worden. Zur Belohnung für die ihm erwiesene Anhänglichkeit hatte der Kaiser Köln in die Reihe der „bonnes villes“ (der guten Städte) erster Ordnung aufgenommen.

Als die Franzosen im Januar 1814 abziehen, schickt ihnen der patriotischste aller Kölner, das kauzige Universalgenie Franz Ferdinand Wallraf, der Napoleon in den Jahren zuvor als den Allergrößten gefeiert hatte („größer als Alexander, größer als Cäsar, größer als Karl der Große“), ein böses Gedicht hinterher: „Weg Ehrenlegion, fort Legion von Ratten! Der Rhein ist befreit von der Franzosen Plag!“ Die französischen Jahre gelten auf einmal als „Fremdherrschaft“, auch in Köln werden die Preußen als „Befreier“ gefeiert; dabei war der erste Befreier, der die „gute Stadt“ betrat, ein Kosake – und der erste, von den Alliierten eingesetzte Stadtkommandant ist ein russischer Offizier.

Als aber auch in Köln bekannt wird, dass die gesamten Rheinlande unter preußische Herrschaft gestellt werden sollen, macht sich Enttäuschung breit – der Traum von der Rückkehr reichsstädtischer Verhältnisse war ausgeträumt. Damals soll der Kölner Bankier Abraham Schaaffhausen seinen vielzitierten Stoßseufzer ausgestoßen haben: „Jesse, Maria un Joseph, do hierode mir ävver in en ärm Famillisch!“

Katzenjammer nach dem großen Jubel. Es gibt aber auch weniger pessimistische Stimmen. In der „Kölnischen Zeitung“ schreibt der Verleger Marcus DuMont (1784-1831) in einem Leitartikel, die Wiener Entscheidung bedeute auch, „dass wir einem großen Staat angehören werden, der unsere Erwartung einer glücklichen Zukunft erfüllen kann und erfüllen wird. Die begeisterte Verehrung, womit alle Untertanen Preußens ihrer Regierung anhängen, liefert die sicherste Gewähr, dass diese Regierung mild und rechtliebend sei.“ Diese Erwartung wird noch geschürt, als der König am 22. Mai 1815 ausdrücklich eine Verfassung zusagt – „es soll eine Repräsentation des Volkes gebildet werden“, er werde eine Kommission mit der „Ausarbeitung einer Verfassungsurkunde“ beauftragen. Zu diesem Zeitpunkt wird in Europa allerdings schon wieder Krieg geführt – Napoleon hat Elba verlassen und ist wieder in Paris eingezogen. Und die Alliierten haben schon ihre Heere in Bewegung gesetzt, um dem Usurpator endgültig den Garaus zu machen.

In der nächsten Folge lesen Sie: Die neuen Herren richten sich ein

Nachtmodus
KStA abonnieren