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Anuga-Messe in KölnSekt, Wein und Whiskey ohne Alkohol: „Ein Megatrend“

Lesezeit 4 Minuten
Junger bärtiger Mann schenkt ein Glas Wein ein

Dennis Brunnemann präsentiert alkoholfreien Sekt, Wein und Schorle

Viele Spirituosen-Hersteller bieten neuerdings eine Zero-Variante an. Vor allem beim Gin gibt es ein großes Angebot alkoholfreier Alternativen. 

Das Außergewöhnlichste bei der Lebensmittelmesse Anuga 2023 sind neben interessanten Neuheiten vor allem die Begleitumstände. Hat man je so viele Herren mit kurzärmeligen Hemden gesehen, die Trolleys durch die Gänge schieben? Auch die Piazza zwischen den Messehallen schien angesichts der sommerlichen Temperaturen so bevölkert wie nie. Auffällig war auch der Run auf Erfrischungsgetränke, womit wir bereits beim Thema wären.

Die Weltmesse der Ernährung wird zwar primär mit Essen in Verbindung gebracht, aber natürlich geht es auch ums Trinken, was diesmal besondere Aufmerksamkeit verdient. Noch vor Jahren wäre man torkelnd oder schwankend aus Halle sieben und acht gekommen, hätte man dort all die dargebotenen Gläschen geleert. Inzwischen haben nicht nur Bierbrauer, sondern auch Spirituosenhersteller die Zeichen der Zeit erkannt.

Bei jeder vierten Online-Bestellung wird alkoholfrei verlangt

„Kein Alkohol ist ein Megatrend“, bringt es Abbass Khatami auf den Punkt. Der Geschäftsführer des Kölner Unternehmes Gin de Cologne hat sogar zwei alkoholfreie Sorten am Stand, die „Zéro de Cologne“ heißen und ein derart großes Interesse finden, dass er bereits darüber nachdenkt, auch noch die Geschmacksrichtungen Mediterran und Orange als alkoholfreie Alternativen anzubieten. Bei jeder vierten Online-Bestellung drehe es sich um 0,0 Prozent. Anders als viele Biere, die entgegen der Flaschen-Deklaration „alkoholfrei“ 0,5 Prozent Restalkohol enthielten, sei in ihren Produktionen, so Khatami, wirklich keiner drin. 

Wer in den Hallen mit Getränke-Anbietern spricht, hört immer wieder dasselbe: Verantwortlicher trinken, weniger trinken, gar nicht mehr trinken. Dahin gehe die Entwicklung. Gesundheitsbewusstsein ist ein Riesenthema. Entsprechend stark vermehrt haben sich Cocktail-Ingredienzen, die ein katerfreies Erwachen garantieren. Großabnehmer dafür, heißt es, seien vor allem die USA, aber auch England oder die Vereinigten Arabischen Emirate, wo die Religion den Menschen den Spirituosen-Konsum verbiete, aber trotzdem gern westlicher Lebensstil gepflegt werde.

Cocktail-Klassiker wie Hugo oder Americano in der Flasche

Vittorio Brasca (Ciemme Liquori) vertreibt neben dem klassischen Bitter nach Campari-Art auch Cocktail-Klassiker in der Flasche wie den Americano oder Hugo. Ferner gehört ein „Ver-Mut“ zum Sortiment. Der alkoholfreie Limoncello sei in der Mache, sagt der Italiener.

Die belgische Firma Univers Drinks liefere seit 2009 jährlich rund zwei Millionen Flaschen in alle Welt, erklärt Jordan Daniels, Export-Manager des Unternehmens. Nacheinander gießt er Kostproben ins Probier-Becherchen. Beim alkoholfreien Whisky ist es ein bisschen wie mit veganem Käse, den direkten Vergleich zum echten macht man besser nicht. Aber als Mixgeränk kann man sich mit dem „umdrehungsfreien“ Pastis beispielsweise durchaus anfreunden.

Alkoholfreier Wein als Gastgeschenk

Daniels stellt auch zwei Merlot-Rotweine mit null Prozent auf die Theke und erzählt, dass es in Belgien inzwischen recht verbreitet sei, so etwas als Gastgeschenk zu einer Party mitzubringen.

Bei der italienischen Distillati Group stehen 85 verschiedene Sirups im Regal; einige davon – etwa Triple Sec, Gin Flavour oder Sprizz – eignen sich hervorragend für alkoholfreie Longdrinks. Beim venezianischen Unternehmen Fonte Margherita gibt es den Zero-Spritz oder Zero Gin Tonic bereits fertig gemischt in der kleinen Flasche.

Weniger süße Essensbegleiter

Das Unternehmen Winu setzt hingegen auf alkoholfreie Trauben-Erzeugnisse und hat nach Worten von Sales-Manager Dennis Brunnemann „als einzige Firma in Deutschland“ neben Wein und Sekt auch Schorle im Angebot.

Wer einen sprudeligen und im Gegensatz zu den meisten Erfrischungsgetränken weniger süßen Essensbegleiter sucht, könnte es alternativ auch mit „Cooper‘s Cider“, dem alkoholfreien Cidre der hessischen Kelterei Heil versuchen.

Alkoholfreies Bier in Riesenauswahl

Beim Bier muss man nicht lange nach Etiketts mit Nullen fahnden. Das Angebot ist riesig geworden. Egal ob deutsches Weizenbier, belgisches Craftbeer oder ukrainisches Helles aus dem Hause Volynski Browar. Nach Angaben von Uwe Aichele, Verkaufsdirektor der Privatbrauerei Eichbaum, ist der Anteil von alkoholfreiem Bier in den letzten Jahren „weltweit um sechs bis acht Prozent gestiegen“.

Natürlich sind die den Getränken vorbehaltenen Hallen sieben und acht auch reich mit Säften, Tees und Limonaden bestückt. Es gibt Tafelwasser in derart edlen Flaschen, dass man gar nicht nach dem Preis fragen möchte. Ein Schweizer Unternehmen präsentiert sogar ein – mit Vitaminen angereichertes – Wasser speziell für Katze oder Hund.

In manchen Gängen sieht man vor lauter Kaffee-Kapseln kaum die einzelne Bohne. Auf der anderen Seite erkennt man eines der Unternehmen, die „niemals zu Aluminium-Umhüllungen greifen“ würden, optisch fast nicht wieder. Auf Drängen von Kunden habe man die für das Erscheinungsbild von Lucaffé jahrzehntelang typische Galionsfigur, den lachenden „Mohr“ im Ringelshirt, „in Pension schicken“ müssen, erklärt Silke Ferrari. Für die norditalienische Firma wirbt nun eine an Marilyn Monroe erinnernde, hellhäutige Blonde namens Mamma Lucia.

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