Köln – Mehrere ehemalige Mitglieder des Vereins "Little Home", der Mini-Häuschen baut und an Wohnungslose verschenkt, haben den Gründer des Projekts angezeigt. Es geht unter anderem um den Vorwurf der Untreue. Ein Anfangsverdacht hat sich laut Staatsanwaltschaft erhärtet, ein Ermittlungsverfahren läuft.
Vor einem Jahr hatte Sven Lüdecke begonnen, rollende Wohnhäuschen für Obdachlose zu bauen. Sein Projekt „Little Home“ wuchs auch dank des gewaltigen öffentlichen Interesses schnell - rund 30 aus Holzpaletten gezimmerte Mini-Häuschen hat der 40-jährige Kölner inzwischen an Wohnungslose verschenkt. Dutzende Medien berichteten über das Projekt, darunter fast alle großen deutschen Zeitungen, auch der "Kölner Stadt-Anzeiger", etliche Rundfunksender, sogar das chinesische Staatsfernsehen.
Immer mehr Menschen unterstützten das Projekt. So kam das US-Militär mit 40 Soldaten für ein Wochenende auf Lüdeckes inzwischen ehemaligen Hof, um beim Bauen zu helfen, Schüler und Berufsschüler zimmerten mit, Unternehmer und Privatleute unterstützten das Projekt mit Geld, Holz, Transportern und Gerätschaften. Einige der Obdachlosen erhielten dank der Öffentlichkeit einen festen Arbeitsplatz und fanden eine Wohnung.
Ein Mann spendete gleich 10 000 Euro
Fast täglich gingen vergangenen Winter Spenden auf dem Konto von Little Home ein, ein Mann gab gleich 10 000 Euro, ohne eine Spendenquittung zu wollen, Lüdecke dehnte das Projekt nach Berlin aus und sprach davon, es "in jeder deutschen Großstadt" etablieren zu wollen. Wenn man ihn traf, sprach er euphorisch von seinem Verein, seine Arbeit als Fotograf für eine Hotelkette schien er nebenher zu stemmen, er sprach von einem Investor, überlege, 100 000 Euro zu spenden. "Ich arbeite nur noch", sagte er. Bei der Hotelkette arbeitet er inzwischen nicht mehr, sein Vertrag dort wurde nicht verlängert. Auf Nachfrage bestätigte Lüdecke vor einigen Wochen, privatinsolvent zu sein.
Vor einiger Zeit wendeten sich inzwischen ehemalige Vereinsmitglieder an den "Kölner Stadt-Anzeiger". Ein damaliges Mitglied warf dem Initiator unter anderem vor, nicht sorgsam mit Spendengeldern umzugehen. Immer wieder, sagen mehrere ehemalige Unterstützer des Projekts, sei es zum Streit gekommen – auch darüber, wie das durch Spenden eingenommene Geld ausgegeben wird.Auch menschlich äußerten sich etliche Menschen aus dem Dunstkreis des Vereinsgründers enttäuscht oder wütend, mehrere fühlten sich bedroht.
Viele ehemalige Unterstützer haben sich distanziert
Viele der Unterstützer aus den ersten Wochen des seinerzeit in Gründung befindlichen Vereins sind inzwischen ausgetreten, mehrere haben Anzeige erstattet. In einem Fall geht es um den Verdacht der Untreue, in anderen um Diebstahl.
Als die Reporter sich vor einigen Wochen mit dem Gründer trafen und ihn mit den Vorwürfen und Austrittsgründen konfrontierten, sagte Lüdecke: "Das stimmt alles nicht. Die Sache ist den Leuten über den Kopf gewachsen, so wie mir zum Teil auch selbst."
Gegenüber dem "Kölner Stadt-Anzeiger" begründen ehemalige Unterstützer des Sozialprojekts ihre Abkehr zum Beispiel so: "Ich fühlte mich von ihm immer wieder massivbedroht und unter Druck gesetzt." "Er hat vorgeschlagen, dass wir die Boxen künftig nur noch für die Öffentlichkeit bauen könnten, um dann Leute einzustellen." "Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, für ihn zu arbeiten."
16 Strafanzeigen gegen Sven Lüdecke
"Das ist alles nicht wahr, das ist unglaublich. Es gibt momentan 16 Strafanzeigen gegen mich, ich verstehe das selbst nicht, alle Anzeigen werden ganz sicher wieder fallengelassen", erklärte der Beschuldigte im Gespräch mit dieser Zeitung. Er könne es nicht fassen, dass es so viele Anzeigen und Vorwürfe gegen ihn gebe.
"Ich wollte mit Little Home neu anfangen", sagte Lüdecke dem "Kölner Stadt-Anzeiger" seinerzeit. Ihm sei das Projekt dann selbst nach den ersten Berichten "viel zu groß" geworden. "Hätte ich gewusst, was da alles kommt, hätte ich das nie angefangen." Er wolle jetzt "alle Bücher offenlegen", habe nichts zu verbergen. Die überwältigenden Reaktionen der Obdachlosen und auch der Öffentlichkeit hätten ihn bestärkt. Er wolle weitermachen. "Ich lasse mir das nicht kaputtmachen."
