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Bericht aus der Pflege„Ich habe Angst, nie wieder lachen zu können“

6 min
Dr. Susanne Rauprich in ihrem Garten

Dr. Susanne Rauprich hat ihren Mann nach einer Hirnverletzung bis zu seinem Tod gepflegt und darüber ein Buch geschrieben.

Die Pflege eines geliebten Menschen kann in der Rückschau viel Schönes mit sich bringen. Wer drinsteckt, erlebt oft vor allem die ganz großen Gefühle: Wut, Verzweiflung, Angst, Abneigung. Eine Kölnerin hat alles in einem Buch konserviert.

Im Arbeitszimmer hängen neben dem Schreibtisch zwei Fotos: Ein sportlicher Mann sitzt da rechts vom Tisch im Sand, Turnschuhe, Fleecejacke, ein entspanntes Lächeln. Gegenüber blicken fragende Augen aus einem Schwarz-Weiß-Porträt, als wäre dahinter eine Flamme erloschen. Wer nach Spuren sucht, der findet sie überall in diesem Haus: im Garten zwischen dem hundert Jahre alten Birnbaum und der Terrasse, wo bemalte Steine neben Muscheln aus Texel liegen. Im Wohnzimmer steht sein brauner Ledersessel, in dem die Familie heute gerne sitzt.

Wenn Susanne Rauprichs Blick an diesen Fotos hängenbleibt, durchlebt sie mehrere Epochen ihres Lebens gleichzeitig: die Zeit mit Gernot vor dem Unfall. Die Zeit mit Gernot nach dem Unfall. Die Zeit ohne Gernot. Zwei Jahre trennen das erste Foto vom zweiten. Am 4. August 2011, ein Sommertag, stürzte ihr Mann vom Fahrrad. Ein „Herzereignis“ nannten es die Ärzte im Nachhinein etwas unspezifisch. Eine Notärztin mühte sich länger als 30 Minuten lang ihn wiederzubeleben. Gernot wachte auf, allerdings nicht als er selbst.

„Im Nachhinein verblassen ja die traumatischen Erinnerungen. Das ist ein normaler Schutzreflex." Susanne Rauprich sitzt am großen Holztisch ihres Hauses in Köln. Draußen fegt der Wind durch den Garten, der sich wie ein großes Handtuch bis zu einem Schuppen erstreckt, in dem früher Kaninchen und Schafe gehaust haben. Rauprich hätte über die neun Jahre der Pflege ein Buch schreiben können, das in warmem Ton von Zusammenhalt handelt, von Respekt und von Liebe, die auch nach einem Schicksalsschlag geeignet ist, ein Familienleben zu tragen. Ein Buch, in dem die einst schlimmen Erfahrungen im goldenen Vergessen versunken wären, erträglich gemacht durch den gnädigen Blick des zeitlichen Abstands und versteckt hinter wohldurchdachten Formulierungen.

Ich lebe wie in einer Nebelwolke – ziemlich gefühllos und ohne Elan, ohne Kraft und ohne Lebensfreude
Susanne Rauprich

Rauprich hat sich gegen so ein Buch entschieden. Sie wollte anderen weitergeben, was sie wirklich erlebt hat, roh, unmittelbar, ungefiltert. Deshalb hat sie ihre Tagebucheinträge hervorgeholt und unter dem Titel „Leben auf den Kopf gestellt“ veröffentlicht. Wer sie liest, sitzt nicht in Rauprichs Erinnerung, sondern mitten im Sturm. So wie all die anderen Menschen, die einen Angehörigen pflegen. Rauprich will ihnen Mut machen und ihnen Worte für ihre eigenen Gefühle geben. Offenbar ist ihr das gelungen. Eine Leserin schreibt als Rückmeldung: „Ich habe auch lange, viel zu lange meinen Mann durch die Hölle begleitet und die ganze Bandbreite der Gefühle genau so empfunden, wie Sie sie beschreiben. Jahrelang habe ich deswegen mit mir gehadert und mich mancher heftiger, negativer Reaktionen geschämt.“

Susanne Rauprich mit ihrem Buch

Rauprich mit dem Buch „Leben auf den Kopf gestellt“.

Das Tagebuch wirft den Leser zurück in den späten Nachmittag des 4. August 2011, die Koffer für den Familienurlaub waren schon gepackt, Rauprich stand auf dem Hockeyfeld in Dünnwald. Bis die Polizei kam. Ihr Mann sei im Wald gefunden worden, vom Rad gestürzt, er liege im Krankenhaus. Zunächst lief der Autopilot: Tochter bei einer Freundin unterbringen, nach Leverkusen in die Klinik fahren. „Und dann sah ich meinen Mann im Koma. An Geräten, der Körper runtergekühlt", sagt sie. „Das ist nicht schön, und keiner wusste, was passiert ist." Und erst recht nicht, was passieren wird.

Was dann folgte, ist eine Geschichte von der Hoffnung, die immer mehr verschwindet. Vier Wochen auf der Intensivstation. Ein halbes Jahr in der Reha. Dann der bittere Satz: Kümmern Sie sich um ein Heim. Rauprich will kein Heim. Sie will ihren Mann. Sie will es zumindest versuchen, auch wenn der Kraftakt enorm ist. „Das ist Psychoterror. Denn Sie wissen genau: Sie haben noch zwei Wochen bis zur Entlassung, dann müssen Sie für ein komplett neues Leben bereit sein." Ein Krankenhausbett im Arbeitszimmer, Baustelle im Badezimmer, damit ein Rollstuhl durch die Tür passt, Montage von Haltestangen an allen Wänden, eine Pflegerin für die ersten vier Wochen. Und dann: Warten auf das Wunder, das nicht eintraf. Im Buch heißt es: „Ich lebe wie in einer Nebelwolke – ziemlich gefühllos und ohne Elan, ohne Kraft und ohne Lebensfreude.“

Dabei gab es durchaus Fortschritte: Gernot sprach in ganzen Sätzen. Gernot erkannte seine Frau und seine Kinder. Er konnte kurze Strecken laufen, physikalisch genau erklären, was Higgs-Teilchen sind oder wer Willy Brandt war. „Manchmal nahm er sogar den Federballschläger und schlug ein paar Bälle. Das funktionierte aber nur solange er nicht wusste, was er da tat.“ Alte Reflexe. Trotzdem blieb der Gernot, den die Familie kannte, seltsam verschwunden. „Er verstand nicht, was passiert war. Worüber wir redeten. Konnte keinem Gespräch folgen. Wurde aggressiv, vergaß alles sofort.“ Ein Gehirn in Trümmern.

Dr. Susanne Rauprich in ihrem Garten

Susanne Rauprich schreibt in ihrem Buch: „Ich habe Angst, depressiv zu werden. Ich habe Angst, das Lachen zu verlieren und nie mehr lachen zu können. Ich habe Angst, nie mehr glücklich werden zu können.“

Die Krankheit habe ihr jede Freiheit geraubt, sagt Rauprich. „Ich konnte nicht schnell ein Brötchen kaufen gehen. Ich konnte nicht in den Garten, nicht an den Schreibtisch im Nebenzimmer, nicht auf die Toilette. Mein Mann hat sofort ausdauernd und penetrant nach mir geschrien." Auch nachts. Manchmal fünf Minuten lang, ohne Unterlass. 

Rauprich rieb sich auf zwischen Geldsorgen und der Pflege rund um die Uhr. Dazu zwei Teenager, denen sie möglichst viel normales Leben zugestehen wollte. „Ich habe in all dem Chaos sogar noch eine Austauschschülerin aufgenommen.“ Sie war wütend, hilflos, sie konnte ihren Mann an manchen Tagen kaum ertragen. „Ich habe Angst, depressiv zu werden. Ich habe Angst, das Lachen zu verlieren und nie mehr lachen zu können. Ich habe Angst, nie mehr glücklich werden zu können“, schreibt Rauprich. Hilfe tat not. „Schließlich musste ich auch Geld verdienen.“ Sie versuchte, eine Wohngruppe zu gründen, sie beantragte eine Pflegeassistenz, sie tauschte sich aus, sie schrieb Briefe an die Krankenkasse, an Politiker. Am Ende blieb sie ein tragischer Einzelfall, für den es keine Regel gab und auch keine strukturelle Hilfe. Auch das soziale Netz bekam Risse in diesen Jahren. „Es gab viele ehemalige Freunde, die uns nicht mehr eingeladen haben", sagt Rauprich. „Sie sagten: Das deprimiert uns alle zu sehr. Wir kennen ihn ja von früher." Einige Freundinnen hätten sich zu Hilfe bereiterklärt. Aber das, was Rauprich sich wünscht, bietet ihr niemand an: Sich einfach eine Stunde neben ihn setzen. Sie gehen lassen.

Rauprich fand schließlich selbst eine Lösung, auch wenn die sehr kostspielig war. Sie mietete eine barrierefreie Wohnung zwei Straßen entfernt. Dazu eine 24-Stunden-Betreuung. Sie war zwar weiterhin verantwortlich für alles – Medikamente, Ärzte, Hygiene. Aber sie konnte weggehen. Sie konnte wiederkommen. „Wir haben aufgeatmet.“

Als Gernot im Dezember 2020 starb, sangen die Beatles „Imagine“ zur Beerdigung. Rauprich, die Freunde und die Familie tranken gemeinsam ein Glas Rotwein. „Mit dem Tod kam der erste Gernot wieder zu uns zurück. Plötzlich konnten wir ihn wieder so in Erinnerung haben, wie er früher war.“

Ein bisschen Gold schimmert am Ende des Buches dann doch auf, natürlich. Wenn Rauprich heute zurückdenkt, dann ist da ja auch viel Dankbarkeit. Sie hat einen neuen Partner kennengelernt, von dem sie auch Gernot noch erzählen konnte. Dass das Umfeld in Teilen mit Unverständnis reagierte, ignoriert Rauprich. Gernot selbst habe in einem seiner hellen Momente die neue Liebe gutgeheißen: „Ich hoffe, er ist gut zu dir.“ Sie hat ihre Kinder durch die Katastrophenjahre hindurch großziehen können. Sie ist derzeit im Senftöpfchen mit ihrem Bühnenprogramm zur Kölner Stadtgeschichte zu sehen. Trotzdem will sie die Momente der Verzweiflung, der Wut, der Ablehnung nicht vergessen. Vor allem will sie davon erzählen für diejenigen, die gerade jemanden pflegen. „Es liegt mir am Herzen, dass das Buch die Menschen erreicht, die Ähnliches erlebt haben.“ Schließlich sei Pflege ein Vollzeitkampf.


Susanne Rauprich: „Leben auf den Kopf gestellt“ – eine Familiengeschichte über Verlust und Zusammenhalt. Raupe Edition, 19,95 Euro.