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Interview

Abgehängt in Köln
„An Bildung zu sparen, ist das Dümmste, was man machen kann“

5 min
Bildungsforscher Marcel Helbig

Bildungsforscher Marcel Helbig plädiert für mehr frühe Förderung und nach Möglichkeit eine Kita-Pflicht. 

Sozialwissenschaftler Marcel Helbig erklärt, warum die Bildungsschere bis zur Grundschulzeit weit auseinandergeht und wie sie verkleinert werden könnte. 

Herr Helbig, in Köln-Mülheim gibt es eine Kita, in die fast ausschließlich Kinder mit Migrationsgeschichte gehen, und 200 Meter entfernt eine Kita, in der die Herkünfte sehr gemischt sind. Viele Kinder aus der einen Kita werden in der ersten Klasse nicht richtig Deutsch können. Wenn man nach Ihrer aktuellen Studie geht, wonach die Kluft zwischen Chancenreich und Chancenarm bis zum siebten Lebensjahr gewaltig wächst und danach fast gleichbleibt, ist das ein Problem, oder?

Marcel Helbig: Das Beispiel deckt sich mit den Befunden unserer Studie. Daraus geht hervor, dass Kinder von Eltern mit hoher Bildung früher in die Kita gehen. Kinder von Eltern mit niedriger Bildung und mit Migrationshintergrund gehen im Schnitt später in die Kita. Dazu kommt, dass Zugewanderte sich gerade bei der Suche nach einem Kitaplatz oft nicht zurechtfinden. Weil die sozial und migrationsbedingten Leistungsunterschiede beim Wortschatz, aber auch bei mathematischen Fähigkeiten schon bei dreijährigen Kindern klar erkennbar sind und danach wachsen, führt eine solche Konstellation wohl dazu, dass auch die Kluft zwischen einzelnen Kitas noch größer wird.

In Deutschland gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kitaplatz ab einem Jahr. Der wird offenbar oft nicht genutzt.

Fragt man die Eltern ohne einen Betreuungsplatz, ob sie sich einen wünschen, sieht man insbesondere bei jenen mit Migrationshintergrund, dass ihre Bedarfe seltener gedeckt sind. Dass sich gerade diese Eltern im Kita-Dschungel weniger zurecht finden, keinen Platz einklagen, sondern ihre Kinder im Zweifelsfall zu Hause lassen, liegt nahe.

Frühkindliche Bildung zur Sprachförderung ist gerade in der Politik in aller Munde – aber es scheitert schon daran, dass Kinder früh genug in die Kita gehen. Wo sehen Sie einen Ausweg?

Verringern ließe sich die Kluft bei den Sprachkenntnissen durch eine stärkere Förderung spätestens ab dem dritten Lebensjahr, nach Möglichkeit noch früher. Eine Kitapflicht mindestens im letzten Kitajahr wie jetzt von der grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg beschlossen, reicht zwar nicht aus, ich halte das aber für ein richtiges Signal, um alle Kinder in dieser frühkindlichen Bildungseinrichtung partizipieren zu lassen. Von den wenigen Kindern, die gar keine Kita besucht haben, wissen wir, dass sie die größten Defizite in den Einschulungsuntersuchungen aufweisen.

Sollten nach Möglichkeit alle Kitas für Kinder unter drei Jahren geöffnet werden, um die Durchmischung innerhalb eines Stadtteils zu verbessern?

Es hat wohl Gründe, warum das so geregelt ist – der Bedarf für Kinder unter drei Jahren ist insgesamt geringer. Aber natürlich ließen sich die Kinder unter drei Jahren bei entsprechender Ausstattung der Kitas auch so verteilen, dass überall Kinder ohne Altersbeschränkung betreut werden. Ich hielte das für sinnvoll.

Was halten Sie von einer Kitapflicht ab dem dritten Lebensjahr?

Bei unter vierjährigen Kindern sind wir schnell beim elterlichen Erziehungsauftrag, der im Grundgesetz verankert ist und im Widerspruch zu einer Kitapflicht bei unter vierjährigen steht. Die Bildungspolitik setzt gerade große Hoffnungen in frühe Sprachtests und verpflichtende Sprachförderung im Bedarfsfall. Das ist grundsätzlich begrüßenswert, bringt aber auch Fragen mit sich: Wollen wir bei Eltern, die ihre Kinder nicht zum Sprachtest schicken, die Polizei vorbeischicken?

Wir sollten beim Thema Bildung das Thema Migration nicht ausklammern und Probleme auch klar benennen. Es geht aber weniger um die ethnische Herkunft der Menschen als um deren sozialen bzw. wirtschaftlichen Status
Marcel Helbig, Bildungsforscher

Kitas und Schulen mit viel zu wenig Personal sollen immer gravierendere Sprach- und Entwicklungsdefizite ausgleichen. Populistische Parteien fordern auch deswegen Grenzschließungen, Abschiebungen oder „Remigration“. Ihr Argument: Es kämen zu viele ungebildete Ausländer nach Deutschland, die auch das Bildungssystem überfordern würden. Was würden Sie darauf antworten?

Dass wir beim Thema Bildung das Thema Migration nicht ausklammern dürfen – und Probleme auch benannt werden sollten. Wir haben allerdings in unserer Studie klar festgestellt, dass es weniger um die ethnische Herkunft der Menschen geht als um den sozialen bzw. wirtschaftlichen Status. Neben der Migrationspolitik geht es bei der Frage von Bildungschancen aber auch um die Sozialpolitik und Wohnungsmarktpolitik. Schulen können nur begrenzt soziale Belastungen in einzelnen Quartiere ausgleichen, die durch mangelnde Steuerung in diesen Politikfeldern entstanden sind und miteinander zusammenhängen.

Aber soziale Ungleichheiten zeigen sich auch an anderen Stellen des Bildungssystems. Dazu gehört auch, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien bei gleichen Kompetenzen schlechtere Noten und seltener eine Gymnasialempfehlungen bekommen als Kinder mit privilegierter Herkunft.

Warum ist das so?

Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Akademisch gebildeten Lehrkräften fällt es oft schwerer, sich in Menschen aus wenig privilegierten Familien hineinzuversetzen und sie trauen den Schülern weniger zu. Sie halten z. B. Kinder aus höheren Schichten für begabter und anstrengungsbereiter und geben ihnen deshalb bessere Noten. Ob dies die Realität widerspiegelt oder eine sozial verzerrte Einschätzung der Lehrkräfte, ist offen. Hier würde man aber sicherlich nicht von einer bewussten Diskriminierung durch die Lehrkräfte sprechen. Bei der Empfehlung für eine höhere Schule spielt auch hinein, dass Lehrer davon ausgehen, dass Kinder von gebildeten Eltern zu Hause mehr Unterstützung bekommen.

Was wohl auch so ist, oder?

Im Schnitt bestimmt – es sollte aber im besten Fall nicht zu einer anderen Beurteilung der Fähigkeiten des Kindes führen.

Menschen, die in Köln im Bildungsbereich arbeiten, sagen: Es gibt nicht zu wenig Hilfen und Förderungen – sondern zu viel Bürokratie und zu wenig Arbeit im Netzwerk. Im Jugendamt würden die Zugewanderten oft als „Fälle“ betrachtet, aber kaum darüber aufgeklärt, welche Möglichkeiten sie haben. Teilen Sie die Einschätzung?

Der nationale Bildungsbericht, der vor kurzem veröffentlicht wurde, hat Länder und Bund befragt: Welche Maßnahmen habt ihr, um soziale Ungleichheiten zu bekämpfen? Rund 370 Programme kamen da zusammen. Ohne all die Projekte und Initiativen, die die Kommunen in Eigenregie machen, ohne all das, was Stiftungen und Zivilgesellschaft tun! Das große Problem ist also nicht der Mangel an Programmen, sondern die fehlende Abstimmung. Man kann die vielen Maßnahmen gar nicht mehr koordinieren, weil sie aus so vielen verschiedenen Quellen kommen. Die eine Schule ist ein bisschen schlauer und meldet sich bei verschiedenen Programmen an und kann auch Synergien nutzen, die andere weniger.

Das klingt dann eher nach einem Luxusproblem, das sich lösen lassen müsste mit weniger Bürokratie, Künstlicher Intelligenz, besserer Zusammenarbeit der einzelnen Stellen. Trotzdem klagen viele, dass das Bildungssystem komplett überlastet sei – und nicht genug Personal da ist, um Entwicklungsdefizite nur annähernd auszugleichen.

Diese Überlastung gibt es. Und wenn an dieser Stelle nicht massiv investiert wird  – ob im Krippenbereich oder in der Grundschule – was ist die Konsequenz? Dass ein Großteil der Kinder nicht richtig Deutsch kann, wenn sie in die Grundschule kommen. Dass die Anzahl der Wiederholer steigt und jene der Schulabbrecher. Ohne Abschluss dann oft keine Ausbildung, am Ende steht eine Bürgergeldkarriere.

Jeder früh investierte Euro zahlt sich am Ende mehrfach aus. Sonst werden Schulen wirklich zu reinen Reparaturbetrieben
Marcel Helbig

Die Kommunen sind extrem klamm und unterfinanziert. Es geht auch in Köln um die Schließung von Bibliotheken, Schwimmbädern – und die Kürzung von freiwilligen Leistungen, unter die viele Träger fallen, die Entwicklungsdefizite auffangen. Wie soll da massiv investiert werden?

Bund, Land und Kommunen müssen gemeinsam überlegen, wo sie kürzen – und wo nicht. An der Bildung zu sparen, ist das Dümmste, was man machen kann. Jeder früh investierte Euro zahlt sich am Ende mehrfach aus. Sonst werden Schulen wirklich zu reinen Reparaturbetrieben.

Das sind sie aus Ihrer Sicht noch nicht?

Dass die Kluft bei den Kompetenzen zwischen Kindern aus sozial benachteiligten Familien und jenen von privilegierten ab dem Grundschulalter nicht noch größer wird,  lässt sich als Versagen des Schulsystems interpretieren, Unterschiede zu verkleinern – ich tendiere eher dazu, es als großen Erfolg des Schulsystems zu bewerten, dass die Unterschiede nicht noch größer werden.