Kinofilm „Klasse Deutsch“Wie eine Kölner Lehrerin Flüchtlingskindern ins Leben hilft

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Die Kölner Lehrerin Ute Vecchio zeigt im Dokumentarfilm „Klasse Deutsch“ ihre Arbeit mit Flüchtlingskindern.

  • Der in Schwarz-Weiß gedrehte Dokumentarfilm „Klasse Deutsch“ ist der Gewinner des Hauptpreises beim Kinofest Lünen.
  • Er zeigt die engagierte Arbeit der Kölner Lehrerin Ute Vecchio, die an der Henry-Ford-Realschule in Chorweiler unterrichtet.
  • Der Kölner Filmemacher Florian Heinzen-Ziob hat sie ein Jahr mit der Kamera begleitet.

Köln – Es sind diese Momente, in denen Ute Vecchio (60) spürt, dass sie „am richtigen Platz ist“, wie sie sagt. Als die Kölner Lehrerin zuletzt im Krankenhaus lag, zogen ihre Schüler spontan vor ihre Wohnung und riefen auf der Straße lautstark „Gute Besserung, Frau Vecchio.“ Immer wieder. Ihr Mann hat ihr das dann im Krankenhaus erzählt.

Ihre Klasse mit dem sperrigen Namen B206 ist eine Vorbereitungsklasse an der Henry Ford Realschule in Chorweiler. Darin sitzen Flüchtlinge zwischen zehn und 16 Jahren. Sie kommen aus Syrien, Eritrea, aus Albanien, aus Irak und Afghanistan.

Zwei Jahre hat die Pädagogin Zeit, die Kinder auf die Regelklasse vorzubereiten. Der Kölner Filmemacher Florian Heinzen-Ziob hat sie ein Jahr mit der Kamera begleitet. Entstanden ist der Kino-Film „Klasse Deutsch“, der am Sonntag im Odeon Premiere feiert.

Probleme mit der Technik und dem inneren Schweinehund

Der in Schwarz-Weiß gedrehte Dokumentarfilm – Gewinner des Hauptpreises beim Kinofest Lünen - zeigt die Arbeit der Pädagogin mit dem Fokus auf vier Schülern: das ist die ehrgeizige Pranvera (12), da ist Ferdi (15), der gerne Automechaniker werden möchte, aber große Probleme hat mit dem Rechnen.

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Die Kinder in Ute Vecchios Klasse kommen aus Syrien, Eritrea, aus Albanien, aus Irak und Afghanistan.

Und noch mehr mit dem inneren Schweinehund. Da sind der Klassenclown Kujtim (13) , der auf seiner Odyssee durchs Leben vier Sprachen lernen musste und keine richtig kann, und Schach (13), dem der Ehrgeiz seiner Eltern schwer zu schaffen macht.

Wer Vecchio und ihre Schützlinge beobachtet, der versteht zweierlei: Erstens wie vielschichtig die Herausforderung ist, die die geflüchteten Kinder und die Schulen bewältigen. Wie sie eindrucksvoll um und mit dieser Sprache ringen. Und zweitens, dass alles Lernen Beziehung ist. Dass sich das Gelingen von Integration an den Personen entscheidet, auf die die Kinder treffen.

Zum Beispiel auf Frau Vecchio, die das so gar nicht geplant hatte, und die ihre Lebensaufgabe darin gefunden hat, „den Kindern ein Ankommen zu ermöglichen“. Mit unendlicher Geduld addiert Vecchio mit Ferdi, der mit Zahlen auf Kriegsfuß steht. Sie erklärt den Unterschied zwischen „finden“ und „erfinden“ und dass „Albert Schweinsteiger“ in Wahrheit zwei Personen sind.

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Es geht ihr nicht nur um Deutsch und Mathe. Vecchio will, dass ihre Schützlinge hier ankommen. 

„Vier Kinder großgezogen zu haben war eine gute Schule in Geduld“, meint sie lachend. Aber nicht nur das qualifiziert Vecchio für diese Arbeit: Auch ihr Weg an die Schule verlief nicht gerade. Als Studentin heiratete sie ihren ersten Mann, einen Italiener, bekam während des Lehramtsstudiums drei Kinder. Mit der Geburt des vierten Kindes legte sie ihr zweites Staatsexamen ab und kümmerte sich fortan um die Familie. Bis ihr erster Mann früh starb.

Lesepatin für Flüchtlingskinder

Um die Familie zu finanzieren, übernahm sie dessen deutsch-italienische Handelsvertretung. Aber als 2015 ihr Jüngster auszog, war sie da, die Sinnfrage. Sie übernahm ein Ehrenamt als Lesepatin für Flüchtlingskinder, wodurch der Schulrektor auf sie aufmerksam wurde und ihr die Stelle anbot. Keinen Moment habe sie gezögert, neu anzufangen. In einem Alter, in dem sich andere mental auf die Rente einrichten.

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Vier Kinder großgezogen zu haben war eine gute Schule in Geduld, sagt die Lehrerin.

Vecchio begreift ihre Aufgabe ganzheitlich: Es geht ihr nicht nur um Deutsch und Mathe. Sie will, dass ihre Schützlinge hier ankommen. Sie will Regeln vermitteln, aber auch ein Anker sein. „Die Kinder wissen: Wenn was ist, dann ist jemand da, den sie ansprechen können.“

Sie geht mit ihnen in die Eisdiele, damit sie lernen, beim Bestellen der Bedienung in die Augen zu schauen, sie besuchen das Römisch-Germanische Museum, erkunden die Stadt und die Stadtbibliothek. Sie lernen, dass man hier allen die Hand gibt, und wenn die Jungs sich beim Kehren der Klasse oder beim Kochen drücken wollen, weil das eine Aufgabe für Mädchen ist, wird sie deutlich: „In Deutschland kochen Männer und Frauen. Ihr seid hier in einem Land, wo ihr die Freiheit habt, zu kehren und zu kochen.“

Dann geht es ran an den Rührlöffel. Die Odyssee der Flucht habe bei ihren Schützlingen Spuren hinterlassen: „Ich habe mit Kindern zu tun, die teilweise noch nie in ihrem Leben Wurzeln geschlagen haben. “ Die ein Leben auf Abruf führen, mit ungeklärter Zukunft. „Für diese Kinder ist es ungemein schwierig, für ein Ziel zu arbeiten.“

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Auch die Art, wie Jungen und Mädchen hier miteinander umgehen, ist Lerninhalt.

Manchmal stößt Vecchio an Grenzen: Wenn Ferdi sie nach dem Schwänzen anlügt. Oder als Elkida, die begabte Freundin von Pranvera, über Nacht abgeschoben wird. „Das bleibt mir nicht in den Kleidern stecken.“ Dann muss sie in ihren Garten, buddeln, um sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. „Aber es gibt so viele Momente, da strahlen Sie, weil man so viel zurück bekommt.“ Etwa als Pranvera bei ihrem ersten Büchereibesuch fasziniert die Zeit vergisst und nicht mitbekommt, dass die Klasse längst abgefahren ist.

Die Arbeit habe sie verändert. „Zu sehen, was andere auf sich nehmen, wie sie um ihre Zukunft kämpfen. Das macht bescheiden. Man hinterfragt auch die eigenen Ansprüche.“ Die Kinder des Films sind inzwischen aufs Gymnasium gekommen, auf die Hauptschule, oder sie haben Deutschland verlassen müssen. Alle gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. „Aber sie werden etwas mitnehmen von dieser Lehrerin, die mit ihrer Mischung aus Strenge und Zuneigung ein Vorbild bleibt, die Herausforderungen des Lebens zu meistern“, formuliert Regisseur Heinzen-Ziob. Vecchio unterrichtet jetzt eine neue Klasse mit Kindern aus aller Welt.

Eigentlich dachten ihre eigenen Kinder, dass sie es allmählich ruhiger angehen lässt. Aber daran denkt sie nicht. Jetzt, wo sie den Sinn gefunden hat: „Den Job würde ich gerne noch bis 66 weitermachen.“

Der Film „Klasse Deutsch“ feiert am 12. Mai im Odeon Premiere. Ab dem 16. Mai läuft der Film in Filmpalette und Odeon.

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