Abo

AlpenerplatzWie viel Leben verträgt der alte Friedhof?

5 min

Ehrenfeld – Der Alpenerplatz soll ein belebter Ort werden. Die katholoische Gemeinde wehrt sich jedoch dagegen. Sie erinnert daran, dass hier einmal ein Friedhof existierte. Nicht ausgeschlossen sei, dass sich noch Gebeine im Boden befinden.„Man muss schauen, wie die Interessen miteinander vereinbart werden. Ich bin ja ein Freund von Erinnerungskultur“, sagt Bezirksbürgermeister Josef Wirges, der aber viel Sympathie für den Wunsch der Bürger nach einem schönen Platz hat. „Das brauchen wir hier. Schon alleine, weil viele hundert Wohnungen in der Nachbarschaft entstanden sind.“„Hier fehlt ein Ort der Begegnung und des Verweilens“, sagt Jörg-Tammo Reelfs von der Interessengemeinschaft Alpenerplatz. Diese hattemit der Astrid-Lindgren-Grundschule eine Initiative zur Verschönerung des Platzes gestartet.Die Interessengemeinschaft mit Anwohnern und Geschäftsleuten bereite außerdem ein zweites Fest auf dem Platz vor. Es soll im September gefeiert werden. „Wir wollen zeigen, dass wir durchaus bereit sind, selber mit anzupacken“, betont Reelfs. Faktisch immer noch ein FriedhofDie Bestrebungen der Bürger treiben Seniorenvertreter Kurt Geuer, der auch aktiv in der Kirchengemeinde ist, Sorgenfalten auf die Stirn: „Faktisch ist hier immer ein Friedhof“, ist er sich sicher. Die letzte Beisetzung habe zwar vor fast 150 Jahren stattgefunden. Umgebettet worden seien die Toten aber nie. Den Betrieb eines Straßencafés oder spielende Kinder empfindet er daher als Störung der Totenruhe. Geuer wuchs im Viertel auf. Er ist seit seiner Jugend aktiv in der Gemeinde und war viele Jahre als Rendant für die Finanzen zuständig.

Einen dicken Ordner mit Dokumenten hat er schon zusammengetragen. Wie ein roter Faden zieht sich durch die Schriftstücke die Frage nach dem Erscheinungsbild des Alpenerplatzes. „Sonderlich schön war er nie“, weiß er aus eigener Erinnerung. Regelmäßig herausgeputzt wurde er zur Fronleichnamsprozession. Das aber liegt auch schon viele Jahre zurück. Was genau an Nutzungsrechten zwischen der Stadt Köln und dem Erzbistum bei der Übertragung des Platzes in städtisches Eigentum vereinbart wurde, will die CDU-Bezirksfraktion klären lassen. Den Auftrag dazu erhielt die Verwaltung von der Bezirksvertretung. Die Christdemokraten sind der Auffassung, dass im Falle einer Nutzungsänderung, die nicht mit dem Erzbistum abgesprochen werde, der Platz wieder in dessen Eigentum zurückgehe.Frühjahrsputz und GrünpflegeZunächst einmal betrieben Anwohner des Alpenerplatzes jetzt fleißig Frühjahrsputz und Grünpflege auf der Fläche an der Venloer Straße. Hacken und Rosenscheren, Greifzangen und Mülltüten hatten sie mitgebracht, aber auch Farbtöpfe und Pinsel. Ein Trafohäuschen der Rhein-Energie wurde von Künstler Michael Pfannschmidt mit bunten Fantasiewesen verschönert.Nach mehr als zwei Stunden Jäten, Harken und Fegen waren auf dem Platz zumindest wieder die Abgrenzungen der Wege und der Beete erkennbar. Außerdem gab es praktisch keinen Müll mehr, denn die freiwillige Putzkolonne hatte selbst verrostete und festgetretene Kronkorken vom Boden aufgesammelt. „Wir machen das für die Kinder und alle Menschen, die den Platz gerne nutzen möchten“, sagt Mohamed Hamoussalah. Sein Nachbar Çemal Bozkurt fügt lachend hinzu: „Das macht doch Spaß hier.“ Kasia Haspel pflanzte mit Töchterchen Hella (3) ein paar Blumen: „Es wäre toll, wenn in den Beeten noch mehr blühen könnte“, sagt die gebürtige Polin. „Am schlimmsten sind die vielen Hundehäufchen und die Zigarettenkippen“, meinten alle übereinstimmend. Bezirksbürgermeister Wirges versprach Abhilfe: „Wir werden zusätzliche Abfallbehälter aufstellen lassen“, sagte er. Das allenfalls mäßig einladende Erscheinungsbild des Platzes ist schon seit vielen Jahren Thema in der Bezirksvertretung Ehrenfeld. Selbst eine mehr als 100 000 Euro teure Umgestaltung, die im Jahr 2003 vollendet wurde, konnte nicht viel bewirken. Für manche ist er sogar nach wie vor abstoßend: „Die Kinder unserer Schule berichten uns, dass sie sich unsicher fühlen, wenn sie am Platz vorbeigehen. Er sei dunkel und gruselig, sagen sie“, erzählte Lehrerin Kerstin Jansen von der benachbarten Astrid-Lindgren-Grundschule. Anlaufstelle für SüchtigeAm verwahrlosten Gesamteindruck, an den vielen Verschmutzungen und an der Anwesenheit von Personen mit offensichtlichen Alkohol- oder Drogenproblemen stören sich viele. Letztere haben hier eine Art Anlaufstelle, denn seit dem Jahr 2000 befindet sich ein Spritzenautomat der Kölner Aidshilfe auf dem Platz. Der wie ein Zigarettenautomat funktionierende Kasten ist an einer Wand des Trafohäuschens an der Ecke Venloer Straße/Alpenerstraße befestigt. Hier gibt es Spritzbestecke, Desinfektionsmittel und Kondome.Anwohner berichten, dass gebrauchte Spritzen im Gebüsch herumliegen und es schon vorgekommen sei, dass sie von Kindern gefunden wurden. „Irgendwo müssen diese Menschen aber auch hin“, argumentiert Michael Pfannschmidt, der gleich gegenüber sein Künstleratelier hat. Ihn ärgere vielmehr, dass oft Hundebesitzer die Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge nicht aufsammeln und andere Menschen ungeniert auf dem Platz urinieren.

Im Jahr 1824 wurde für die Kirchengemeinde Bickendorf an der heutigen Venloer Straße die Ackerparzelle „Auf dem Schmidtberg“ als Friedhof ausgewiesen. Es war ein Tauschgeschäft mit den Gebrüdern Jacob und Johannes Wahlen. Die erhielten dafür das Areal des bis 1802 genutzten Friedhofs an der alten Mechternkirche. Bestattet wurde bis 1854. Danach wurde an der Feltenstraße ein Friedhof angelegt.

Die Stadt Köln übernahm das „Alter Friedhof“ genannte Grundstück im Jahr 1894. Sie verpflichtete sich unter anderem, den Platz als öffentliche Anlage zu erhalten. Die alten Grabkreuze wurden 1910 zum Friedhof Feltenstraße überführt.

Ein Löschteich der Feuerwehr soll während des Zweiten Weltkriegs auf dem Alpenerplatz angelegt worden sein. Mitte der 1980er Jahre scheiterten Pläne für eine U-Bahnhaltestelle am Einspruch der Kirchengemeinde.

2003 wurde der zunehmend verwahrloste Platz umgestaltet. Er erhielt neue Sitzbänke und Lampen sowie neue Wege. Die sehr schlichte Gestaltung wurde mit Rücksicht auf die einstige Friedhofsnutzung gewählt.