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Schokolade aus EhrenfeldDie Kwatta-Fabrik war einst das süße Herz des Veedels

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Die ehemalige Kwatta-Fabrik in der Roßstraße: Links der frühere Verwaltungsbau, ganz rechts der Putzbau mit dem Schriftzug aus dem Jahr 1928. Foto: Rösgen

Die ehemalige Kwatta-Fabrik in der Roßstraße: Links der frühere Verwaltungsbau, ganz rechts der Putzbau mit Schriftzug. 

An der Roßstraße in Ehrenfeld wurde vor 100 Jahren Schokolade produziert, später nutzten die Bühnen Köln das Gebäude, dann kamen Künstler. 

Die alte Kwatta-Schokoladenfabrik erkennt Gerrit Hingst am Geruch. Vor hundert Jahren wäre vielleicht Duft die passendere Beschreibung gewesen. Aromen von Kakao, Vanille oder Karamell lagen einst über der Roßstraße. Knapp vierzig Jahre, von 1926 bis 1964, wurden hier Pralinen und Schokoriegel produziert. Der Schriftzug am Gebäude mutet an wie eine romantische Erinnerung.

Gerrit Hingst hat das nie wahrgenommen. In seiner Kindheit machten modrige Gemäuer, rostiges Eisen, Lösungsmittel oder Kunstharz die typische Kwatta-Geruchsmischung aus. Als ihn seine Eltern, ein Künstlerpaar, in den 1970er Jahren fast täglich mit in das Atelier nahmen, war die ehemalige Schokoladenfabrik größtenteils eine Ruine. „Die alte Produktionshalle war ein Abenteuerspielplatz voller Unkraut, rostigen Förderbändern, Unmengen von Müll und Taubendreck“, erinnert sich Hingst.

Gerrit Hingst im Atelier seiner Mutter Doris Nöthen.

Gerrit Hingst steht im Atelier seiner Mutter Doris Nöthen.

Nachdem die „Deutsche Kwatta“, Tochtergesellschaft eines niederländischen Kakao- und Schokoladeherstellers, in den 1960er Jahren schloss waren die damals noch frei stehenden Fabrikgebäude zunächst dem Verfall preisgegeben. Zwei trutzige Ziegelbauten aus der Kaiserzeit sowie der sogenannte Putzbau, mit dem sich Kwatta um 1928 erweiterte und die mächtige Fabrikhalle, die bis zur Mechternstraße reichte.

Kreative und die Städtischen Bühnen übernahmen die Fabrik

Künstler und Schauspieler waren die Ersten, die Kwatta ein neues Leben schenkten. Als Ort ungezwungener Kreativität. Die Städtischen Bühnen hatten kurzzeitig ein Kulissenlager und eine Probebühne. Bildhauer nutzten auch das Freigelände mitunter zum Arbeiten. Von der Nachbarschaft mitunter etwas skeptisch beäugt. So beginnt meist Gentrifizierung, dieser Wandel über Jahrzehnte vom schmuddeligen Arbeiterstadtteil in eine schicke, teure Wohngegend.

Solche Gedanken hatte Gerrit Hingst wohl eher nicht, wenn er mit Freunden auf dem Kwattagelände spielte oder im Atelier vom Sofa aus die verzierte Backsteinfassade des Fabrikgebäudes betrachtete. „Die Ziertürmchen an den Ecken sahen für aus wie riesige Wachsmalstifte“, erzählt er. Heute befinden sich in den beiden Gebäuden der ehemaligen Schokoladenfabrik Kwatta sieben Ateliers mit einer Größe von circa 30 bis 110 Quadratmetern. Die Räume in der Roßstraße 14 werden mit fest installierten Gasöfen beheizt, die in der Roßstraße 16 müssen individuell mit Holzöfen oder Radiatoren beheizt werden.

In den 1960er Jahren haben Künstler sich auf dem Gelände der Kwatta- Schokolade niedergelassen. Sie nutzten zunächst einen alten Querriegel als Atelierbereich, der heute nicht mehr erhalten ist. Auch die Kölner Bühnen nutzen die leer stehenden Gebäude. Für ihre Zwecke war der Hallenanbau hinter der Roßstraße 12 und 14 gut geeignet, in dem sie ein Dekorationslager einrichteten und später sogar eine komplette Probebühne. Mittlerweile wurde diese Nutzung aufgegeben und das entsprechende Gebäude niedergelegt. Der damalige Kulturdezernent von Köln unterstützte die Künstler, da er eine Chance sah, so die Gebäude sinnvoll umzunutzen und zu erhalten. Vor allem die Gebäude, die heute unter Denkmalschutz stehen, drohten durch ihren Leerstand sehr schnell zu verfallen. So brachte der Kulturdezernent die Stadt dazu, zunächst das ehemalige Verwaltungsgebäude zum 3. städtischen Atelierhaus Kölns umzunutzen, in das die Künstler 1970 einzogen.

Ein rotes Fabrikgebäude und ein dahinter aufragender Turm

Die Kwatta-Fabrik mit dem Backsteinturm vom Kwatta-Park aus gesehen

Der Backsteinturm ist das älteste Gebäude der ganzen Anlage. Die Fassade ist durch Werksteinschichten gegliedert und ist in jedem Geschoss anders. Die Fenster sind als Rund- und Segmentbogenfenster ausgeführt. Heute wird das Gebäude als Atelier von verschiedenen Künstlern genutzt. 1983 wurde die Westfassadenfläche saniert. Die Rückfront liegt nach dem Abbruch der angrenzenden Halle frei. Sie wird durch ABM-Programme zur Stadtverschönerung von arbeitslosen Jugendlichen mit einem Wandbild gestaltet.

Die Fenster sind alle noch als Original erhalten. Die Fassade musste ansonsten an einigen Stellen ausgebessert werden. Dabei dürften viele Unregelmäßigkeiten in der Folge von Kriegseinflüssen entstanden sein: Zierschichten wurden nicht nachgebildet, sondern einfach ausgemauert, aber auch Auswechslungen von maroden Einzelsteinen sind extrem auffällig, da die Farbigkeit des neuen Steins und auch der Mörtel nicht mit denen des Alten übereinstimmen; der Mauerverband (in diesem Fall Blockverband) wurde nur teilweise aufgegriffen. Teilweise ist noch eine Patinaschicht auf den Steinen erhalten, die das Alter des Gebäudes zeigt.