Der Ehrenfelder Künstler Ali Yünlü hinterlässt ein Erbe aus Exzentrizität und Kunstfertigkeit. Er ist mit 64 Jahren verstorben.
NachrufAli Yünlü und seine prägende Rolle in Ehrenfelds Kunstszene

Ali Yünlü
Copyright: Tobby Ortmann
An der Ecke Escher Straße/Lenbachstraße in Nippes ist eine der auffälligsten Hausfassaden der Stadt zu bewundern. Eine Auftragsarbeit, die zwar Anleihen bei Antonin Gaudí und Friedensreich Hundertwasser erkennen lässt, doch man spürt, wie liebevoll, akribisch, unerschrocken der Künstler seine eigene Vision verfolgt hat. An der detaillierten Ausführung der vielen Ornamente etwa, aber auch des zentralen Motivs der sieben schlafenden Frauen. In Stuck, Styropor, Glasscherben oder wertvollem Gestein. Viele Ideen entstanden erst während der Arbeit im Sommer 2005, Zeit- und Materialbudget wurden hoffnungslos überschritten. Kein Wunder, dass es zu Unstimmigkeiten wegen des Honorars kam.
Ali Yünlü heißt der Schöpfer der Fassade, er ist kürzlich im Alter von 64 Jahren verstorben. Mit sechs kam er mit seinen Eltern aus der Türkei nach Köln, sein Vater war Bankier. Der Sohn studierte Kunst in Düsseldorf. In den 80er Jahren zog er nach Ehrenfeld, wo die ersten Keime einer später fruchtbaren Kunstszene erkennbar waren. Als Künstler war er von Anfang an vielseitig: Wachs-Objekte, Porträts aus Nescafé, großformatige Studien von Margeriten, eine massive Pitbull-Skulptur aus „Express“-Ausgaben.

Die malerische Hausfassade an der Ecke Escher Straße/Lenbachstraße in Nippes hat Ali Yünlü 2005 gestaltet.
Copyright: Hans-Willi Hermans
Zahlreiche Geschichten und Gerüchte erzählen von Bekanntschaften in dieser Zeit mit Leuten wie Udo Kier, Jürgen Zeltinger, und Arved Fuchs, auch von einer Präsentation seiner Arbeiten auf der Art Basel. Nichts davon lässt sich schnell überprüfen, gibt auch Ali Yünlüs langjähriger Freund und Weggefährte Tobby Ortmann zu. Man sollte es einfach mal glauben.
Schon, weil der eher leise Mann mit dem melancholischen Lächeln und dem geraden, offenen Blick stets bescheiden auftrat und nicht in die erste Reihe drängte. Yünlü lebte bereits in der Körnerstraße, als die noch für ihre Arbeiterkneipen bekannt war, aber er steht für vieles, was den späteren Mythos der Straße ausmachen sollte: Er war kreativ, umtriebig und aufgeschlossen, hielt die Community hoch. Er war auf beiläufige Weise eigenwillig, exzentrisch und post-materialistisch. Ali Yünlü gehörte zu den prägenden Charakteren der Ehrenfelder Szene. Er suchte nach dem guten Leben, war kontaktfreudig und ausgleichend. Man darf ihn einen Menschenfreund nennen.
Klar, dass er nicht nur bei den Körnerstraßenfesten prominent dabei war, wo er Tee und Kunst verkaufte. „Bei einer Nubbelverbrennung auf dem Chlodwigplatz wurden wir mal von einigen Leuten skeptisch angesehen: Künstlertypen“, erzählt Tobby Ortmann. „Da sang Ali ‚Meiers Kättche‘, auswendig und in akzentfreiem Kölsch, das hatte der drauf.“
Als der Hype um Ehrenfeld und speziell die Körnerstraße übermächtig wurde und die Mieten unaufhaltsam stiegen, zog Yünlü fort, hielt aber den Kontakt aufrecht. Er betrieb eine Zeit lang einen Kiosk namens „Tante Ali“ auf der Landmannstraße, danach lebte er auf einem Schiff im Rheinauhafen, das einem Mäzen gehört. Zuletzt arbeitete Ali Yünlü in einem Atelier im Kunst Kwartier 44, Ringstraße 40 in Hürth. Dort haben seine Kinder eine Gedenkausstellung einiger Werke organisiert. Freunde und Bekannte sind für Sonntag, 19. April, von 14 bis 18 Uhr eingeladen. Auch Fotografien, Zeitungsausschnitte und weitere Erinnerungsstücke aus verschiedenen Lebensabschnitten und Projekten sind zu sehen. Tschö, Ali.