Gunter Demnig (78), Künstler und Initiator der Stolpersteine, kann sich vor Anfragen kaum retten. Das Verlege-Programm ist bis Ende Dezember 2027 ausgebucht. „Immer mehr Nachfahren von NS-Opfern aus aller Welt wollen wissen, wo ihre Wurzlen liegen.“
Empörung über Stolperstein-Verbot im sächsischen Heidenau„Ich werde jetzt erst recht weitermachen“

Gunter Demnig bei einer Verlegung 61 neuen Stolpersteinen zur Erinnerung an deportierte Jüdinnen und Juden im Juni 2025 in Köln.
Copyright: Alexander Schwaiger
Mehr als 170.000 Stolpersteine hat Gunter Demnig verlegt, seit er 1992 in Köln die Initiative ergriffen hat, der Erinnerung an die Opfer der NS-Diktatur Orte und Namen zu geben. Stolpersteine liegen mittlerweile in mehr als 1800 Gemeinden in 31 Ländern Europas und gelten weltweit als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
Natürlich sei er auch hin und wieder mit seiner Aktion auf Kritik gestoßen, sagt Demnig. Unter anderem von Charlotte Knobloch, der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, die das Konzept mehrfach kritisch gesehen hatte. Ihr Einwand war historisch begründet, dass die Namen und Schicksale ermordeter Menschen auf den im Boden eingelassenen Steinen buchstäblich mit Füßen getreten würden.
Dass der Stadtrat von Heidenau bei Dresden mit einer Stimmenmehrheit von CDU, AfD und einem Bürgerbündnis beschlossen hat, künftig keine weiteren Stolpersteine mehr im öffentlichen Straßenraum zuzulassen, macht den 78-Jährigen fassungslos. „Die Behauptung, dass die Bewohner das nicht mehr wollen, ist eine fundamentale Lüge. Wir haben eine derart hohe Anfrage nach neuen Stolpersteinen, dass unser Verlege-Programm bis Dezember 2027 ausgebucht ist.
Die ersten Stolpersteine wurden 1992 in Köln verlegt
Noch am Montag habe er in Viernheim „einen einzigen neuen Stein verlegt“, sagt Demnig. „Allein zu diesem Anlass ist eine Familie mit drei Generation aus Israel angereist. Mehr als 50 Bewohner dieses kleinen Orts haben sich versammelt und mit den Angehörigen zu gedenken.“ Für die Familie habe das eine große Bedeutung gehabt. „Jetzt ist der Name wieder da. Auf einem Gedenkstein. Jetzt können wir wieder nach Deutschland kommen.“
Der Stadtrat von Heidenau hatte den Antrag von AfD und CDU mehrheitlich mit der Begründung gebilligt, dass viele Bürger, Angehörige und Initiativen diese Form der Erinnerung als nicht angemessen empfinden. Statt weiterer Stolpersteine solle das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nach dem Willen der Antragsteller künftig vorzugsweise auf dem Nordfriedhof stattfinden.
„Es wird uns immer wieder gesagt, die Betroffenen seien doch längst alle tot“, sagt Demnig. „Das stimmt. Aber es kommen immer mehr Enkel und Urenkel aus aller Welt zu uns und wollen wissen, wo ihre Wurzeln liegen, ihre Familien zuhause waren. Auch in den Schulen ist das Interesse groß. Die Nachfahren wollen wissen, wie so etwas im Land der Dichter und Denker überhaupt passieren konnte.“
Die Behauptung, dass die Bewohner das nicht mehr wollen, ist eine fundamentale Lüge
Dass die CDU im Heidenauer Stadtrat dem Antrag zugestimmt habe, sei eine Katastrophe. „Die sollten das C aus ihrem Namen streichen. Und dann auch noch zuzustimmen, wir verlegen das Gedenken ab sofort auf einen Friedhof. Irgendwo weit weg. Aus den Augen, aus dem Sinn. Schon der Gedanke daran ist grauenvoll.“
Fünf Stolpersteine habe er in Heidenau bisher verlegt. „Die rauszureißen, wird man sich hoffentlich nicht trauen. Das wäre ein Sakrileg. Überrascht habe ihn die Entscheidung des Stadtrats nach den Wahlerfolgen der AfD in Sachsen-Anhalt nicht. „Das war zu erwarten“, sagt Demnig. Er hoffe nur, dass das Verbot in Heidenau eine Ausnahme bleibe und werde „jetzt erst recht weitermachen“.

Freiwillige Helfer reinigen im September 2026 Stolpersteine in Ehrenfeld.
Copyright: Tolga Özgül
Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat in einer Stellungnahme zu der Entscheidung von Heidenau vor allem die CDU heftig kritisiert.“ Dass die CDU sich in Heidenau mit einer rechtsextremen Partei gemein macht, die aus ihrem Geschichtsrevisionismus und ihrem Antisemitismus kein Hehl macht, ist ein weiteres Fanal in der Debatte um die Brandmauer, die nicht nur in den Augen vieler Juden in Deutschland längst gefallen ist“, heißt es. „Mit der Verdrängung des Gedenkens an den Stadtrand tritt eine Relativierung des Völkermordes an den Juden durch die Deutschen ein. Es ist ein weiteres Mal bewiesen, dass „Nie wieder“ für einen Teil der Entscheidungsträger nichts als eine hohle Phrase bei Sonntagsreden ist.“
In Köln haben zehn Mitarbeitende der Deutschen Bahn im Rahmen der Initiative „Pack an“ in Ehrenfeld und der Innenstadt einen Tag lang Stolpersteine gereinigt, um damit auch ein Zeichen gegen das Verlege-Verbot in Heidenau zu setzen. „Wir wollen damit unseren kleinen Beitrag leisten und zeigen, dass diese Menschen nicht vergessen sind“, sagte Tolga Özgül. „Das ist für mich ein Stück Erinnerungskultur und die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in Köln.“