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Feminist Law ClinicDeutschlands erste feministische Rechtsberatung kommt aus Köln

5 min
Die Gründerinnen der ersten deutschen feministischen Rechtsberatung (v.l.): Lilian van Rey, Lilith Rein und Karla Steeb

Die Gründerinnen der ersten deutschen feministischen Rechtsberatung (v.l.): Lilian van Rey, Lilith Rein und Karla Steeb

Weil drei Kölner Studentinnen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen nicht mehr hinnehmen wollten, gründeten sie eine Rechtsberatung. Die Nachfrage ist riesig.

Judith ist 42 Jahre alt und seit sieben Jahren mit ihrem Partner Max zusammen, sie leben gemeinsam in einer Wohnung. Als Judith an einem Montag zur offenen Sprechstunde der Feminist Law Clinic kommt, hat sie in ihrer Tasche einen beschriebenen Papierzettel dabei. Sie faltet ihn auf und streicht ihn mehrmals glatt. Sie sei sich nicht sicher, ob sie hier richtig sei, weil sie sich frage, ob das, was sie mit ihrem Partner erlebt hat, wirklich unter häusliche Gewalt falle. Vor ein paar Wochen sei Max wieder wütend geworden und sie hätten sich gestritten. Irgendwann habe Max zu seiner Bierflasche gegriffen und ihr gedroht. Sie habe sich erschreckt und versucht, ihn zu beschwichtigen, aber er sei immer wütender geworden. Sie habe Panik bekommen und sei auf die Straße gelaufen. Max sei hinter ihr hergelaufen und habe versucht, ihr mit der Flasche auf den Kopf zu schlagen. Vor lauter Angst habe sie sich unter einem parkenden Auto versteckt.

500 ausgebildete Beraterinnen

„Ihr war nicht klar, dass das Gewalt ist, sie dachte, es läge an ihr“, sagt Lilith Rein von der Feminist Law Clinic. Obwohl die Rechtsberatung erst im Januar 2025 mit der Arbeit begonnen hat, sind zum Zeitpunkt des Gesprächs 134 Fälle deutschlandweit in Bearbeitung. Dabei ist der Bedarf deutlich höher, aktuell gebe es dreimal so viele Anfragen. Neben festen Terminen, die online oder vor Ort stattfinden, bietet die Beratung in Köln und München einmal die Woche eine offene Sprechstunde an. Bis zu fünf Gespräche werden in diesen zwei Stunden geführt.

Lilith Rein, Karla Steeb und Lilian van Rey sind die Gründerinnen dieser ersten feministischen Rechtsberatung Deutschlands. In Europa ist die Kölner Feminist Law Clinic die erste studentische Rechtsberatung, die sich auf dieses Themenfeld spezialisiert hat. 500 Beraterinnen wurden dafür ausgebildet, 30 Ortsgruppen gibt es in Deutschland und einen gemeinnützigen Verein.

Zu einer anderen offenen Sprechstunde kommt Ursula, 50 Jahre alt. Sie erzählt von einer Vergewaltigung aus ihrer Kindheit. Dieses Erlebnis trage sie seit Jahrzehnten mit sich herum. Sie spricht von der Angst, noch einmal vergewaltigt zu werden, weil sie eine Frau ist. Eine Anzeige erstatten wolle sie nicht, aber ihre Geschichte teilen und rechtliche Informationen bekommen. Sie bewegt, was ihre Rechte damals gewesen wären und was sie heute sind.

Wie Ursula kommen viele Frauen erst Jahre oder Jahrzehnte nach sexuellen Übergriffen zur Rechtsberatung. Die meisten Frauen seien zwischen 20 und 50, wenn sie ihre Erfahrung reflektiert haben. Die aktuelle rechtliche Handhabung mache es so kompliziert für Betroffene, dass die Rechtsberatung nicht in jedem Fall zur Anzeige raten könne. „Was ist das für ein Rechtssystem, in dem man sagt: Du wurdest vergewaltigt, aber deine Erfolgsaussichten vor Gericht sind nicht gut, weil du schon mal mit dem Täter Sex hattest? Das ist ein Armutszeugnis für den deutschen Rechtsstaat“, sagt Gründerin Lilith Rein.

Durch das kostenlose anonyme Angebot erreichen die Frauen Menschen, die eine anwaltliche Beratung scheuen. Die Idee kam den WG-Mitbewohnerinnen durch Gespräche mit Freundinnen. Mit einem Doppelbachelor in Jura konnten die drei Tipps zum T-Shirt-Umtausch oder Urkundenfälschungen geben, wenn in der KVB aber ein Mann die Brust einer Freundin begrabschte, waren sie selbst hilflos. „Was sagt man Freundinnen jetzt, wenn sie belästigt werden? Warte mal, in acht Jahren, nach dem Studium, helfe ich dir dann?“, fragt Lilith Rein.

Nachdem sie im Januar 2025 mit den ersten Beratungen begonnen hatten, erhielten sie im März den Jugendkarlspreis, die größte Auszeichnung für europäische Initiativen. Im Sommer initiierten sie die erste juristisch-feministische Vorlesungsreihe an der Uni Köln zu Themen wie sexueller Gewalt, Unterhaltsrecht oder zum Selbstbestimmungsgesetz. An manchen Unis werden Zusatzkurse in diesen Rechtsgebieten angeboten, in Köln bis dato nicht. Seit Oktober läuft die Vorlesungsreihe zum zweiten Mal als Teil der Ausbildung zur ehrenamtlich feministischen Rechtsberatenden.

Die Feminist Law Clinic hat auch politische Forderungen. Sie setzt sich für ein verschärftes Sexualstrafrecht ein, zum Beispiel im Bereich der Vergewaltigung. Die aktuell bestehende gesetzliche Regelung „Nein heißt Nein“ lehnen sie ab und fordern stattdessen die „Ja heißt Ja“-Regelung.

„Wenn man mir die Haare schneidet, kann das juristisch als Körperverletzung beurteilt werden. Da gilt die „Ja heißt Ja“-Regelung. Beim Sex gilt sie nicht. Das ergibt für mich null Komma null Sinn“, führt Lilith Rein aus.

Die Beratungsthemen erstrecken sich auch auf den Themenkomplex Unterhaltsrecht, Geschlechtsänderungen, auf Umgangs- und Sorgerecht. Mindestens zu zweit, oft zu dritt sind Rein, Steep und van Rey bei den Beratungen. Nur wer Zeit hat und nicht gleichzeitig mitschreiben muss, kann gut zuhören. Bei oftmals sensiblen Themen wollen sie Raum für Gefühle schaffen und Sicherheit geben. Sind bei den Beratenden selbst Fragen offengeblieben, halten sie Rücksprache mit Volljuristinnen.

Eine perfekte rechtliche Lösung sei nicht ihr Anspruch, eine erfolgreiche Beratung mache etwas anderes aus, sagt Lilian van Rey: „Es geht nicht um das perfekte Schreiben, sondern um erste grundlegende Antworten und einen Überblick über die eigenen Rechte und damit die verbundenen Perspektiven.“

Aktuell arbeiten die drei fünfzig Stunden in der Woche. Ehrenamtlich. Geld verdienen sie damit nicht, das kommt durch Minijobs und Kindergeld rein. Lilith Rein erhält zusätzlich ein Stipendium. Den Doppelbachelor haben sie abgeschlossen, das anschließende Staatsexamen muss warten. Um feiern zu gehen oder zu lesen, haben sie mittlerweile kaum noch Zeit, aber die juristische und gesellschaftliche Lücke schien ihnen zu groß, um den Rest des Studiums abzuwarten.

*Alle Namen und persönlichen Daten wurden zum Schutz der Betroffenen anonymisiert.