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Futuristische Ideengespinste

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Der Zeichner und Maler Theo Kerp präsentiert in der Kirche St. Clemens seine erste größere Einzelausstellung.

Der Zeichner und Maler Theo Kerp präsentiert in der Kirche St. Clemens seine erste größere Einzelausstellung.

Mülheim –  Die Kirche St. Clemens, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, ist ein klarer, ruhiger Ort. Und damit ideal zur Besinnung inmitten der seit jeher großen Betriebsamkeit im Stadtteil Mülheim. Regelmäßige Kunstausstellungen sorgen in der kleinen, von außen barocken, von innen romanischen Kirche bereits seit den 1980er Jahren stets für besondere Akzente in der besinnenden Gedankenbildung. Derzeit sind es die Werke von Theo Kerp, der in seinem 70. Lebensjahr erstmals in einem derart umfangreichen Rahmen seine Zeichnungen und Malereien präsentiert. Dem hauptberuflichen Illustrator fehlte bislang schlichtweg die Zeit, sich um ein solches Unternehmen zu kümmern. Neben den Auftragsarbeiten als Zeichner für Trickfilme und Animationen überhaupt die freie künstlerische Arbeit zu pflegen, war ihm wichtiger als die Organisation von Ausstellungen. „Die freie Kunst war für mich immer wie ein zweites Zimmer, das ich oft am Abend nach den Auftragsarbeiten betrat,“ sagt Kerp, der vor einem Jahr das Berufsfeld des Illustrators aufgab. So kommen die Besucher der Clemenskirche jetzt in den Genuss einer künstlerischen Entdeckung, die staunen lässt. Kerp lässt seine Striche so leicht über das Papier und die Leinwand gleiten, dass ihre Dynamik nicht nur unsere Augen, sondern auch unsere Fantasie im Bruchteil einer Sekunde in Aufregung versetzt.

Energisch und intuitiv bringen seine schwungvollen Linien Strichfiguren und andere vereinfachte Gestalten hervor, die sich in ihren Verwicklungen als ganz schön vertrackt erweisen. Da hängen der Figur, die über die Landkarte von Europa läuft, rätselhafte Schnüre aus dem Rücken, möglicherweise Versorgungsleitungen Sicherheitsgurte, Fesseln. Seltsames Getier scheint von der Erde in den Weltraum fliehen zu wollen. Eine Frau gießt Wasser aus einem Eimer auf eine in alle Richtungen sprießende merkwürdige Pflanze. Gesichtslose Schemen auf einem Boot werden in schwarzer Unheimlichkeit umher getrieben. Auf einem Tisch ragt ein befremdliches Gedeck in die Höhe. Und in allerhand kuriosen Geschehnissen werden Totenköpfe sichtbar. Biblische Motive treffen auf Fantasy, die ewige Verletzlichkeit und Angst des Menschen auf gegenwärtige Ereignisse wie Migrationsbewegungen oder Hochtechnisierung. „Menschen fragen mich, was ich mir bei den Bildern gedacht habe. Ich kann die Frage nicht beantworten. Das meiste kommt aus dem Unbewussten,“ erklärt Kerp.

Die Bilder berühren in ihrer ungezwungenen Verdrehtheit eine kindliche Fantasiewelt, in der andere Wirklichkeiten wahrgenommen werden als die des erwachsenen Realitätsbewusstseins. Der spontane, nicht zögernde Strich Kerps reicht zurück in eine Zeit, in der alle Menschenkinder sich noch mit den Mitteln einer eigenen Bildsprache näherten. Auf faszinierende Weise entwickelt der Künstler nicht nur gewitzte Figuren, sondern fügt sie zu äußerst verschachtelten Kompositionen zusammen. Vieles kommt darin zusammen: Zeichnung und Malerei, Karikatur, Graffiti, expressionistische Vehemenz, spielerische Suchbewegungen, philosophischer Ernst und humorvoller Kommentar. Filigrane Annäherungen an die Konstruktion der menschlichen Seele verbinden sich mit monströsen Ausgeburten der Innenwelt, futuristische Ideengespinste mit scharfsinnigen Beobachtungen des alltäglichen Verhaltens. Mit jedem Lidschlag setzen Kerps Bilder neue Ideen frei.

Die aus der Anschauung wachsenden Gedanken können in jedem Moment ihre Richtung ändern. Genau diese ständige Möglichkeit der Neuinterpretation gefällt dem in Türnich lebenden Künstler. „Ich mag es auch, die einzelnen Zeichnungen als Serie in immer neuer Reihenfolge zu kombinieren,“ erklärt er. Ein Beispiel ist der zeichnerische Zyklus, die auf den Landkarten aus einem alten Atlas entstanden sind. Auch das Einfügen kleiner Zeichnungen in größere Bildkomplexe ist ein von Kerp gern verwendetes bildnerisches Verfahren. „Ich habe im Grunde kein bestimmtes Thema, sondern nur verschiedene Macharten,“ sagt er. Das ist die zurückhaltende Umschreibung dafür, das ihn nahezu alles bildnerisch interessiert. Das durch die Bäume brechende Nashorn (vielleicht das letzte seiner Art) ebenso wie die verwirrende „Gedankengeografie“, die sich in der Begegnung von Mann und Frau im Gespräch ergibt. Manchmal geraten die Striche zu einem vielfach verschlungenen, undurchdringlichen schwarzen Dickicht, dann wieder schweben sie in einem luftigen Raum. Nicht nur aus den Schemen der gezeichneten Gestalten wachsen erstaunliche Empfindungen, sondern auch aus den Lücken dazwischen. „Man überrascht sich beim Zeichnen immer wieder selbst,“ sagt Kerp, der auch nach Jahrzehnten kontinuierlicher künstlerischer Arbeit am eigenen bildnerischen Ausdrucksverlangen noch immer größten Spaß hat.

Kirche St. Clemens, Mülheimer Ufer, geöffnet Sa,So 14-17 Uhr, bis zum 27.Oktober

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