Nachbarschaft, Nachhaltigkeit, Zeug loswerden – auf diese drei Säulen baut das Kölner Start-Up „Hoffloh.de“.
„Kennen uns ja noch gar nicht“Dieses Kölner Start-Up bringt die Nachbarschaft per App zusammen

Andrea (l.) und Sebastian Schmitz (M.) bilden zusammen mit Martin Müller (r.) das „Hoffloh“-Team.
Copyright: Tim Schneider
„Die größte Angst ist: Du stehst da und es kommt keiner.“ Das sei die schlimmste Befürchtung von Ausstellenden, die für einen Tag am Wochenende ihren gesamten Keller auf den Kopf gestellt und aussortiert haben, glaubt Andrea Schmitz. Die Tische mit Klamotten, Spielen und Deko bestückt und jedem noch so kleinem Verkaufsgegenstand ein Preisschild aufgeklebt haben. Und vielleicht sogar das Waffeleisen angeschmissen haben.
Die 37-jährige gebürtige Kölnerin möchte den Menschen in ihrer Heimatstadt und der Region genau diese Angst mit einer App nehmen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Sebastian Schmitz (43 Jahre) und Martin Müller (40) betreibt sie seit 2025 „Hoffloh.de“.

Hofflohmärkte unterscheiden sich dadurch von Flohmärkten, dass die Verkaufsstände auf Wohngebiet aufgebaut werden. Ausstellende sind sozusagen „zuhause“. (Symbolbild)
Copyright: „Hoffloh“
Über die „Hoffloh“-App registrieren sich Verkäuferinnen und Verkäufer und platzieren sich damit auf einer virtuellen Karte. Interessierte erhalten dadurch eine Übersicht, in welchen Höfen oder Einfahrten sie Verkaufsstände finden – und auch welche Produktkategorien (beispielsweise Kinderkleidung) angeboten werden.
„Hoffloh“: So ist das Start-Up aufgebaut
„Nachbarschaft, Nachhaltigkeit und ich werde mein Zeug los.“ So definiert Sebastian Schmitz, eines der drei Gründungsmitglieder von „Hoffloh.de“, die drei Säulen des Kölner Start-Ups. Das wachsende Unternehmen hat keine eigenen Büroräume, wir treffen die drei in ihrer Entwicklerstube in Leverkusen-Schlebusch. Hier wohnt und programmiert Martin Müller; Andrea und Sebastian Schmitz wohnen zusammen in Köln-Brück.

Das Team an einem Hofflohmarkt-Stand
Copyright: Tim Schneider
Sebastian Schmitz und Martin Müller haben zusammen Informatik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Bis kurz vor der Gründung von „Hoffloh.de“ waren beide noch freiberuflich als IT-Berater tätig. Mittlerweile ist Schmitz „all-in“, arbeitet hauptberuflich an der gemeinsamen Geschäftsidee. Andrea Schmitz und Müller betreuen noch weitere berufliche Projekte.
Müller programmierte die App und gestaltete die Webseite. Andrea kümmert sich um Social Media und Pressearbeit, Sebastian Schmitz übernimmt das Projektmanagement und Finanzen. „Irgendwie passt das so alles gut ineinander“, findet Andrea Schmitz.

Sebastian Schmitz übernimmt bei „Hoffloh“ neben dem Projektmanagement und Finanzen auch öfters Design-Aufgaben. Hier präsentiert er Preissticker.
Copyright: Tim Schneider
Der Gedanke, ein eigenes Business an den Start zu bringen, kam Sebastian und Andrea Schmitz, als sie selbst einen Hofflohmarkt ausrichteten. Denn: Grundsätzlich neu ist die Idee nicht, „Hoffloh.de“ möchte das Konzept im Vergleich zu bereits existierenden Anbietern aber „einfach cool machen“, wie Sebastian Schmitz es nennt. Transparenter, günstiger, flexibler. „Für eine lächerliche Anmeldegebühr von 2,50 Euro. Mal gucken, wie lange wir das noch halten können“, sagt der Kölner.

Martin Müller zeigt Andrea und Sebastian Schmitz den Entwicklungsstand der App am Computer.
Copyright: Tim Schneider
„Alle Leute haben die Keller und Dachböden vollstehen mit diesen Dingen, die sie einfach nicht mehr benötigen. Und anstatt das alles in den Container zu räumen und auf den Müll zu fahren oder Jahre bei Kleinanzeigen zu verbringen – was keiner eigentlich wirklich will – kann man es doch in der Garageneinfahrt verkaufen“, fasst Sebastian Schmitz die Grundidee zusammen.
„Hoffloh.de“: Terminfindung ist die größte Schwierigkeit
„Die Nachbarschaft organisiert das selbst. Wir sind im Endeffekt die digitale Karte, wo die Punkte drauf sind, und die Menschen besuchen die Stände direkt bei sich in der Nachbarschaft“, fährt Sebastian Schmitz fort. Er spricht aber auch davon, dass sie „langsam wachsen“ würden, „nichts verpassen“ möchten auf ihrem Weg.
„Wir haben nicht damit gerechnet, dass uns die Leute die Bude einrennen. Wie auch? Sie kennen uns ja noch gar nicht“, so Schmitz.

Neben digitaler Werbung setzt „Hoffloh“ auch auf gedruckte Flyer und Briefe.
Copyright: Tim Schneider
Damit sich das ändert, tragen die drei ihre Märkte in die Eventkalender der jeweiligen Städte und in Tourismusportale ein. Sie bewerben ihre Nachbarschaftsflohmärkte über Social Media, Newsletter, Briefe, agieren in Facebook- und WhatsApp-Gruppen. Damit die Standbetreibenden selbst Werbung für ihren Hofflohmarkt machen können, bietet das Start-up Vorlagen für den WhatsApp-Status, für eine Instagram-Story, für Flyer zum Ausdrucken. „Wir müssen es den Leuten so leicht wie möglich machen, damit sie das Event selber weiterleiten“, sind sich die drei einig.
Der Termin ist drei Viertel der Miete
Die größte Herausforderung stellt laut der Gründergruppe die Terminfindung dar. Einmal wurden sie von der Community gebeten, in Dormagen einen Hofflohmarkt auszurichten. Da nicht ortskundig, wählten die drei einen denkbar schlechten Tag aus. Zwar meldeten sich 60 Haushalte über die App an, „blöderweise war auf der anderen Rheinseite zu dem Zeitpunkt auch ein riesengroßer Flohmarkt, ein Kinderflohmarkt auch noch. Und es war noch zwei Orte weiter ein Stadtfest“, erinnert sich Martin Müller. „Der Termin ist drei Viertel der Miete“, bestätigt Sebastian Schmitz.
„Sebastians initiale Idee war ja: Eine Person meldet sich an, legt irgendein Datum fest und die Leute, die um sie herum wohnen, sehen das und denken sich: Dann mache ich auch mit“, erzählt Müller. „Da haben wir rausgefunden, dass das leider nicht funktioniert. Aber wenn wir Nachbarschaftsflohmärkte örtlich eingrenzen und auch schon ein Datum vorgeben, dann bekommt man die Leute vom Sessel runter.“
Das unterscheidet Hofflohmärkte von traditionellen Flohmärkten
„Ich hätte nicht gedacht, wie erklärungsbedürftig dieser Begriff ist“, sagt Andrea Schmitz. Das habe sie schon früh nach dem App-Launch feststellen müssen. Sie meint den Begriff „Hofflohmarkt“: Dabei nutzen Ausstellerinnen und Aussteller die Flächen vor ihren Häusern, um aussortierte Schätze zu verkaufen.

Verkäuferinnen und Verkäufer nutzen die Flächen vor ihren Haustüren, um Aussortiertes zu verkaufen.
Copyright: „Hoffloh“
Für Schmitz passt Trödeln oder Secondhand zum aktuellen Zeitgeist. „Es ist nicht mehr so angestaubt, wie es bei meinen Eltern noch war. Ich habe früher nie etwas Gebrauchtes getragen. Meine Eltern hätten gesagt: ‚Um Gottes Willen, andere Leute könnten denken, wir sind arm‘ und ‚das kauft nur jemand, der es sich nicht im Geschäft leisten kann‘. Heute ist es vielleicht sogar andersrum: Gerade die, die nicht darauf achten müssten, kaufen Secondhand auf dem Hofflohmarkt.“
Martin Müller empfindet viele Flohmärkte im Vergleich zu Hofflohmärkten als „wenig persönlich, sehr kommerziell“ und mutmaßt auch eine geringere Verkaufsquote für die Händlerinnen und Händler.
Wenig persönlich, sehr kommerziell
Zusätzlich sei es aus seiner Sicht schwieriger für Kundinnen und Kunden, im Vorfeld zu wissen, „was es da alles gibt“. Er sieht bei Hofflohmärkten besonders den Vorteil, dass „ich mit meinem Nachbarn an einem Tisch sitze und mit meinen Freunden rede“.
„Hoffloh“-Gründerin sieht bei traditionellen Flohmärkten Nachteile für Kinder
Müller drückt diesen Nachbarschaftsgedanken anhand eines Erlebnisses aus. Einmal habe er einen Stand besucht, an dem ein Nachbar Bratwürste gebraten habe. „Er meinte, die brauchen noch ein paar Minuten, ich rufe dich an wenn sie fertig sind“ – etwas, das nur unter Nachbarn und Nachbarinnen so passieren könne aus Müllers Sicht.

Eine Frau schaut sich einen Hofflohmarkt-Stand an.
Copyright: Tim Schneider
„Zu traditionellen Flohmärkten muss ich hinfahren und das Auto beladen. Dann bist du da als Verkäufer acht bis zehn Stunden gefangen, weil du nicht einfach früher abbauen kannst. Auch die Kinder sind da gefesselt. Du kannst sie auf einem großen Markt mit viel Anonymität auch nicht laufen lassen“, erklärt Andrea Schmitz. Bei Hofflohmärkten, bei denen man seinen eigenen Grund und Boden als Verkaufsfläche nutzt, könnten die Kinder laut ihr „auch mal in den Garten, sich mit anderen Kindern treffen oder – je nach Alter – auch mitverkaufen, sich selber Preise überlegen für ihr Spielzeug“.
„Hoffloh“-Gründer möchte ins Guinness-Buch der Rekorde
Bei Start-ups stellt sich naturgemäß die Frage nach der Finanzierung und der Zukunft des wachsenden Unternehmens. „Wir glauben daran, dass das gut funktioniert und wir eskalieren können“, sagt Sebastian Schmitz. 2025 erhielt ihre Firma eine einjährige Förderzusage für das Gründungsstipendium vom Land NRW. „Das lässt uns keinen Urlaub auf den Malediven machen. Aber es deckt die Fixkosten“, ordnet er ein. „Wir haben uns noch nicht einen einzigen Euro ausgezahlt. Geht auch gar nicht.“
Besagte Fixkosten belaufen sich auf den Plattformbetrieb, verschiedene Online-Tools und vor allem auf Werbung. „Porto wird dieses Jahr unser größter Kostenfaktor werden“, sagt Sebastian Schmitz halb lachend, halb ernst. Sie verschickten sehr viel Werbung für ihre Events per Post.
Er hat eine klare Vorstellung davon, wo die Reise des Start-ups hingehen soll. „Realistisch wäre eine Plattform, die deutschlandweit funktioniert und sich trägt, von der drei Leute leben könnten.“ Größer zu denken, möchte er aber auch nicht ganz auslassen: „Wenn man träumen könnte, wäre das natürlich ein weltweites Imperium. Die Schweizer, die Österreicher, die Belgier, die Niederländer, die kaufen ja auch zu viel Zeug für ihre Kinder zum Beispiel. Und die wissen ja auch nicht, wohin damit.“
Und dann wäre da noch die Idee eines Weltrekordversuchs, die sie hin und wieder ernsthaft evaluieren. „Wir holen uns einen Kaffeewagen, eine Hüpfburg und vielleicht sogar eine Live-Band und machen ein Stadtfest-ähnliches Event aus einem Hofflohmarkt“, so Müller. Das Ganze könnte aus Sicht der drei „Hofflöhe“ dann auch im Guinness-Buch der Rekorde landen.

