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Homosexuelle Flüchtlinge
Geflohen und doch nicht sicher

Ibrahim Mokdad aus dem Libanon (vorne, von links) mit Ina Wolf und Mustafa Obada aus dem Irak. Dahinter (v.l.) Gema Rodriguez Diaz, Beate Blatz und Jacek Marjanski aus dem Rubicon-Beratungszentrum.

Ibrahim Mokdad aus dem Libanon (vorne, von links) mit Ina Wolf und Mustafa Obada aus dem Irak. Dahinter (v.l.) Gema Rodriguez Diaz, Beate Blatz und Jacek Marjanski aus dem Rubicon-Beratungszentrum.

Köln – Berlin hat sie. Nürnberg hat sie. Und auch Köln soll sie endlich bekommen: Separate Unterkünfte für Flüchtlinge, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität aus ihrer Heimat geflohen sind. Das fordert die Initiative Rainbow Refugees Cologne, die sich Anfang des Jahres dieser besonderen Zielgruppe angenommen hat.

Die Ehrenamtlichen rund um die Mitgründerin Ina Wolf werden an diesem Donnerstag als Experten ihre Erfahrungen und die daraus resultierenden politischen Forderungen der Stadtarbeitsgemeinschaft Lesben, Schwule und Transgender im Rathaus vorstellen. Dazu gehört eine Fachstelle, die für den Umgang mit dieser Gruppe sensibilisiert und für diese ansprechbar ist sowie sichere Unterkünfte.

„Es geht nicht darum, anderen Flüchtlingen was wegzunehmen“, so Ina Wolf. „Aber es gibt ja auch spezielle Unterkünfte nur für Frauen oder nur für Männer. Warum also nicht auch für diese Gruppe?“ Die 50-jährige Eventmanagerin und Aktivistin hatte den Bedarf für eine Willkommensinitiative in der schwul-lesbischen Szene als erste artikuliert und fordert kein Heim wie in Berlin, sondern eine dezentrale Unterbringung in mehreren Häusern.

Flucht vor Gewalt, Folter und Todesstrafen

Neben der üblichen Willkommens-Arbeit mit gemeinsamen Aktivitäten und Sprachkursen geht es für die Helfer derzeit vor allem darum, die Betroffenen aus den Heimen heraus- und privat unterzubringen.

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle – kurz LSBTTI /englisch: LGBTIQ – hätten ihre Länder häufig nicht (nur) verlassen, weil dort Krieg herrsche, Nahrung oder Geld knapp seien, erklärt sie: „Sie fliehen vor Drangsalierung, Gewalt, Folter und Todesstrafen aufgrund ihrer Lebens- und Liebesweise.“

In herkömmlichen Flüchtlingsunterkünften leben sie dann aber wieder unter manchen, vor deren Gesinnung sie geflohen sind – und damit in ständiger Angst. Wenn sie sich überhaupt trauen, den Grund ihrer Flucht zu nennen – viele wissen auch gar nicht, dass es ein Asylgrund ist – macht die Nachricht schnell die Runde und die Betroffenen sind Anfeindungen durch Mitbewohner ausgesetzt.

Von anderen Flüchtlingen mit Eiern beworfen

Wie Ibrahim Mokdad aus dem Libanon, dessen Wunschziel eigentlich die Niederlande waren („Ich hatte gehört, dass die Menschen dort schwulenfreundlich sind.“), der dann aber an der hiesigen Flughafen-Drehscheibe in Köln hängenblieb. In der Erstaufnahmestelle Boltensternstraße bekam der 29-Jährige schnell Probleme: Syrische Flüchtlinge gingen ihn an, warum er aus einem angeblich sicheren Staat fliehe, in dem kein Krieg herrsche.

Als die übrigen Männer im Camp „mitbekamen, dass ich schwul bin, beleidigten sie mich“. Schließlich warfen sie mit Eiern auf ihn, als er unter der Dusche stand. „Ich war total isoliert. Ich wusste nicht mehr, wem ich trauen kann und wem nicht.“ Die Heimleitung habe nicht gewusst, wie sie mit ihm umgehen sollte. „Sie konnten mir keinen Rat geben, wohin ich mich wenden kann.“

Durch Zufall in Person einer Ärztin an der Drehscheibe fand Mokdad den Weg zum Verein rubicon, einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule, das den Flüchtlingsrat einschaltete. Dieser konnte die endgültige Zuweisung Mokdads in eine andere Kommune verhindern – einen Tag, bevor der junge Mann nach Oberpleis gebracht werden sollte. Fernab vieler Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten, die sich in einer Schwulenmetropole wie Köln finden.

Warnung vor Sugar Daddies

Jetzt ist der Libanese, der in seiner Heimat im Gefängnis saß, weil er einen Mann liebte, und wegen dieser Vorstrafe keine Arbeit fand, mit Hilfe der Unterstützer von Rainbow Refugees Cologne privat untergebracht und engagiert sich für andere Betroffene auf der Flucht, wie Mustafa Obada aus dem Irak. Dort sei die Situation für Schwule noch schlimmer als im Libanon: „Ich wurde entführt und vier Tage vergewaltigt“, sagt der 23-Jährige mit gebrochener Stimme. „Andere Schwule werden umgebracht. Ich habe sieben Freunde verloren.“

Er findet in Köln Therapie und Rat und wird auch vor falschen Helfern in der Szene gewarnt: So genannten „sugar daddies“, die hilflosen Flüchtlingen Kost und Logis gegen sexuelle Gefälligkeiten anbieten. Sie nutzen die Angst vor dem Leben in Sammelunterkünften schamlos aus.

Der Verein rubicon berät Migranten professionell, kann die Initiative aber personell nicht entlasten. Schon jetzt stehen Flüchtlinge auch hier teilweise einfach mit ihren Koffern vor der Tür. Ihre Hilflosigkeit hat die Ressourcen längst gesprengt. Jacek Marjański, bei rubicon zuständig für Interkulturelle Arbeit: „Wir brauchen mehr Personal und eine zentrale, deutsche Notrufnummer mit Meldestelle für Geflüchtete, die dringend in Gemeinden mit entsprechender Hilfsstruktur umverteilt werden sollten.“ Die rubicon-Mitarbeiter seien auch zum Thema Migration schon gut auf- und flexibel eingestellt, so Geschäftsführerin Beate Blatz.

Schon seit 2014 ist hier die landesweit erste Integrationsagentur für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und lesbischer, schwuler, trans- oder bisexueller Orientierung angesiedelt. Und inzwischen sind auch Informationsmaterialien zur Situation von LSBTTI-Geflüchteten auf der Internetseite abrufbar. Baraka, eine Gruppe für homo- und bisexuelle Menschen mit Migrationshintergrund gibt es seit 2005. Etwa 60 Prozent hier waren immer Flüchtlinge, so Koordinatorin Gema Rodriguez Diaz: „Im vergangenen Jahr waren es 95 Prozent.“ Statt eigentlicher Sozialarbeit und Unterstützung zur Integration leisten die Diplom-Sozialpädagogin und ihr Kollege immer mehr Hilfen im Asylverfahren.

Allein die Vorbereitung der Betroffenen auf ihre Anhörungen erfordere viel Zeit und Einfühlungsvermögen. Und dennoch würde viele in der Situation wieder die Angst einholen. Rodriguez Diaz: „Viele wurden in ihren Ländern verhört und gefoltert. Die Anhörung hier wirft sie in alte Traumata zurück. Und dann verschweigen sie ihre Orientierung doch.“ Lesbische Frauen geben sich noch öfter als heterosexuell aus und verspielen damit ihre Chance auf ein Bleiberecht. Blatz: „Sie sind doppelt unsichtbar. Als Frauen und als Homosexuelle.“

Um den dringenden Bedarf eines spezialisierten Beratungsangebots und anderen Unterkünften Nachdruck zu verleihen, dokumentieren Ina Wolf und Ibrahim Mokdad in Köln und Umgebung Fälle homophober Übergriffe auf LSBTTI-Flüchtlinge, die bis hin zu versuchten Vergewaltigungen reichen sollen. „Von 18 Übergriffen in NRW wissen wir bereits nach nur drei Wochen Interviews.“ Und Baraka, als offener Treff gestartet, dient nun auch als Schutzraum für die Geflohenen, in dem sie unter sich den Mut gewinnen, über ihren wahren Fluchtgrund und ihre Traumata zu sprechen.

Am 14. März findet im Jugendzentrum anyway ein Willkommensdinner zwischen den Geflüchteten und Einheimischen statt. Das nächste reguläre Treffen der Initiative ist am 17. März um 19 Uhr in der Alten Feuerwache, Melchiorstraße 3.

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