Die Stadt will die Inklusion an Schulen ausbauen, stößt aber schon heute an Grenzen. Besonders dramatisch ist aus Sicht der Kommune die Lage beim Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“.
Inklusion an SchulenKöln fehlen Plätze für Kinder mit Förderbedarf

Ein Kind mit Behinderung sitzt in seinem Rollstuhl gemeinsam mit anderen Erstklässlern ohne Handicap in einem Klassenraum.
Copyright: Maurizio Gambarini/dpa
Köln steht beim Thema Inklusion vor einem wachsenden Dilemma. Obwohl die Zahl der Schülerinnen und Schüler laut der neuen Schulentwicklungsplanung insgesamt langfristig sinken dürfte, steigt der Bedarf an sonderpädagogischer Förderung weiter. Nach der aktuellen Schulentwicklungsplanung könnte die Förderquote bei den Fünftklässlern von derzeit 9,9 Prozent auf 11,9 Prozent im Jahr 2035 steigen. Auch die Inklusionsquote soll von 6,6 auf 8,4 Prozent wachsen. Derzeit liegt die Förderquote bei 9,2 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in der Primar- und Sekundarstufe I (9081 von 98.720), die Inklusionsquote liegt bei 5,3 Prozent. 2014/15 hatten noch 7,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen Förderbedarf.
Schon heute fehlen Plätze – sowohl im Gemeinsamen Lernen an Regelschulen als auch an Förderschulen. Allein für den fünften Schuljahrgang definiert die Stadt ein künftiges Defizit von 56 bis 196 Plätzen. Besonders angespannt ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Hier seien bis zu sechs zusätzliche Eingangsklassen für Schulneulinge im ersten Schuljahr jährlich nötig. „Dies entspricht in der Fortführung der Klassen zumindest zwei bis drei neuen Förderschulen“, heißt es in dem Papier. Die Stadt geht davon aus, dass der demografische Rückgang die steigende Nachfrage in diesem Bereich nicht ausgleichen wird.
Möglichkeiten sind begrenzt
Beim Gemeinsamen Lernen sind die Möglichkeiten bislang begrenzt. Nicht alle Schulen bieten inklusive Plätze an, zudem gilt in der Regel ein Richtwert von drei Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf pro Klasse. Mehr Plätze sind nur mit entsprechender Genehmigung möglich. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte und geeignete Räume. Die Stadt will deshalb weitere Gymnasien und Gesamtschulen für das Gemeinsame Lernen gewinnen. Sie fordert vom Land Nordrhein-Westfalen außerdem höhere Richtwerte (mehr als drei Kinder mit Förderbedarf pro Klasse), mehr Personal und eine Klärung der grundsätzlichen Rahmenbedingungen für ein inklusives, den Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention entsprechendes Schulsystem.
Stadt baut weitere Förderschulen
Parallel dazu plant Köln den Ausbau der Förderschulen. So soll die Pestalozzischule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ von der Sportplatzstraße in Wahnheide auf ein städtisches Grundstück am Urbacher Weg in Porz umziehen. Am bisherigen Standort könnte anschließend eine zweizügige Grundschule entstehen. Weitere zusätzliche Kapazitäten werden unter anderem an der Wilhelm-Schreiber-Straße (Ossendorf) geprüft. Auch der Standort Reutlinger Straße (Bilderstöckchen), an dem sich bislang eine Hauptschule befindet, könnte nach einer Prüfung künftig als Förderschule genutzt werden. Im geplanten Stadtteil Kreuzfeld ist ebenfalls eine Förderschule vorgesehen. Auch soll im Rechtsrheinischen eine weitere Förschule für geistige Entwicklung entstehen. Weil deren Fertigstellung aber noch auf sich warten lässt, sucht die Stadt nach kurzfristigen Lösungen.
Verschärft werden könnte die Situation dadurch, dass die erforderliche Schließung beziehungsweise Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen auch Schulplätze für das Gemeinsame Lernen kosten kann. Die Schulentwicklungsplanung zeigt damit eine grundsätzliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Ein inklusives Bildungssystem lässt sich nicht allein politisch beschließen. Es braucht ausreichend Räume, qualifiziertes Personal und vor allem zusätzliche Kapazitäten – sonst bleibt das Recht auf die passende Schule für viele Familien eine Frage des verfügbaren Platzes.
In der Vergangenheit wurde die Stadt kritisiert, die Inklusion nicht schnell genug auszubauen. Richtig ist, dass die Quote von 205/2006 von 0,8 Prozent auf 5,3 Prozent gestiegen ist. Anderseits ist der Zuwachs seit 2018 eher gering. „Die Inklusionsquote steigt langsam, aber die Zahl der Schüler in Förderschulen geht nicht zurück“, hatte Eva-Maria Thoms, Vorsitzende des auf Inklusion spezialisierten Vereins Mittendrin in diesem Jahr dieser Redaktion gesagt. Dabei sei Inklusion kein „nice to have“, sondern sei im Schulgesetz als Regelfall für die Beschulung von Kindern mit Förderbedarf ausgewiesen. Der Bau von neuen Förderschulen wird von Mittendrin eher kontraproduktiv gesehen. Erst Mitte September hatten 2000 Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Holweide für bessere Bedingungen im Bereich Inklusion in der Kölner Innenstadt protestiert.
