„Seine“ Veedel kennt er wie kaum ein anderer: Pfarrer Franz Meurer zeigt die Orte, die Menschen und die Geschichten, die Höhenberg und Vingst ausmachen.
Mit dem Pfarrer durch Vingst und HöhenbergFranz Meurer zeigt, weshalb seine Veedel so lebenswert sind

Die Blumenhändlerin Priminder Singh bindet die schönsten Blumensträuße, das findet jedenfalls ihr Stammkunde Franz Meurer.
Copyright: Inge Swolek
Dieser Veedelsspaziergang beginnt im Keller der Kirche St. Theodor. Auf 1000 Quadratmetern hastet Pfarrer Franz Meurer vorbei an Kartons voller Kinderkleidung, vollgehängten Kleiderstangen, Regalen mit Schuhen, Schulranzen und unzähligen Fahrrädern. „3000 Fahrräder geben wir jedes Jahr an Bedürftige aus. Das Grundprinzip bei uns heißt auf Kölsch: ‘ömesons‘. Hier sehen Sie, wie sich Armut in einem reichen Land bekämpfen lässt – nicht durch Politik, sondern mit Spenden und Freiwilligen“, sagt der 74-Jährige, der mit seiner sozialen Arbeit weit über die Grenzen Kölns hinaus bekannt wurde.

Franz Meurer mit dem Team seiner Stammkneipe im Vingster Pohl: Anna Eisenberg (Service), Franz Meurer, Nediljka Kuezevic (Pächterin seit 1984), Sören Kuck (Koch) und Robert Kuezevic (Pächter).
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„Den Schlüssel für Kirche und Kleiderkammer habe ich 587 Mal nachmachen lassen. Jeder, der sich ehrenamtlich engagiert, soll rein und raus können. So übernehmen die Menschen Verantwortung.“ Wenig später stehen wir am Kiosk an der Lustheider Straße. „Früher, als ich noch geraucht habe, war ich oft hier. Heute komme ich auf einen Kaffee vorbei. Der Kiosk ist der Flurfunk des Veedels.“ Lange bleibt Meurer nirgends stehen. Wer ihn begleitet, muss Schritt halten. Immer wieder zitiert er Philosophen und Soziologen. Besonders prägt ihn Harald Welzers Gedanke, dass gesellschaftliche Veränderung im Kleinen beginnt.
Vingster bepflanzen ihre Beete selbst
„Wir haben in Vingst einmal über 100.000 Osterglocken gepflanzt und Beete angelegt. Heute machen die Leute das von selbst. Du kannst nur einen Anstoß geben. Das ist Selbstwirksamkeit.“ Der Weg führt an viergeschossigen Häusern der GAG vorbei. „Ich bin froh, dass unser Veedel nicht in der KStA-Serie ‚Abgehängt‘ auftaucht“, sagt Meurer. „Wir haben kaum Hochhäuser. Das Zusammenleben funktioniert ganz gut, aber wir müssen die Betriebstemperatur halten. Ein Veedel bleibt nicht von allein lebendig. Man muss sich jeden Tag darum kümmern.“

Martin Süsterhenn, der Schulleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule, steht mit Meurer auf dem Schulhof. Meurer schätzt besonders das Schulcafé.
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Und er kümmert sich – um fast alles und jeden. Besonders Kinder und Jugendliche liegen ihm am Herzen. Deshalb ist Meurer in engem Austausch mit den Schulen im Veedel, kennt Schulleiter, Lehrkräfte und viele Schülerinnen und Schüler persönlich. Auf dem Schulhof der Katharina-Henoth-Gesamtschule wartet Schulleiter Martin Süsterhenn. „Wenn ich hier bin, fühle ich mich zu Hause. Hier steht jeder für jeden ein. Im Schulcafé, werden jeden Morgen Butterbrote für über 1300 Schülerinnen und Schüler geschmiert. Und wenn morgens ein Helfer ausfällt, macht es der Chef selbst“, sagt Meurer und klopft dem Schulleiter anerkennend auf die Schulter.
Süsterhenn gibt das Lob zurück: „Ohne Pfarrer Meurer wäre Vingst nicht da, wo es heute ist. Er hat für diesen Stadtteil Unglaubliches geleistet. Wenn er im September in den Ruhestand geht, ist das ein riesiger Verlust für das Veedel.“ Dass Meurer nach mehr als drei Jahrzehnten als Pfarrer von St. Theodor und St. Elisabeth in den Ruhestand geht, hat sich längst herumgesprochen. Viele Menschen können sich Vingst ohne ihren Pastor gar nicht vorstellen.
Meurer zieht ins Seniorenheim nach Köln-Kalk
„Ich ziehe nur nach Kalk – in ein Seniorenwohnheim“, sagt er schmunzelnd. Nach einer Herzoperation müsse er kürzertreten. „Ich darf nichts Schweres mehr heben, nicht mehr schwimmen. Nur Radfahren geht noch.“ Seine Familie lebt weit entfernt – in Krakau und Australien. „Ich muss jetzt auch ein wenig an mich selbst denken.“ Vom Schulcafé geht es im Eiltempo weiter zur Ostheimer Straße, ins Zentrum von Vingst. Wer einen malerischen Dorfplatz erwartet, wird enttäuscht. Nagelstudio, Sonnenstudio, Dönerladen und Wettbüros – kein Platz, an dem man lange verweilt.

Im Schulcafé gibt es täglich Brötchen mit allerlei verschiedenem Belag.
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„Beim Ferdi Baba kann man gut Fisch essen – aber in Vingst und Höhenberg gibt es leider kein einziges Eiscafé. Meine These lautet: Je weniger Eiscafés, desto ärmer das Viertel. Gehen Sie mal durch Lindenthal.“ Wenig später bleibt Meurer an einem Automaten vor dem Eisenbahntunnel Ostheimer Straße stehen. Er holt einen Euro aus dem Portemonnaie, wirft ihn ein und zieht ein Päckchen mit Einmalspritzen heraus. „Ein Drogenproblem gab es hier schon vor 30 Jahren“, sagt er. „Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt, dass dieser Automat aufgestellt wurde. So kommen Drogenabhängige an sauberes Spritzbesteck.“ Ein inzwischen verstorbener Apotheker habe den Automaten über viele Jahre ehrenamtlich bestückt, heute mache das die AIDS-Hilfe.

Meurer steht vor dem Spritzenautomaten, der einst auf seine Initiative hin aufgestellt wurde.
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Kurz darauf hebt Meurer einen leeren Pizzakarton vom Gehweg auf und trägt ihn bis zum nächsten Mülleimer. „Bei Müll hilft kein Aufregen. Was hilft, ist, sich zu bücken.“ An der Ecke Heßhofplatz/Waldstraße kehrt Gemütlichkeit ein. Im ‚Vingster Pohl‘ treffen sich seit den 1960er-Jahren die Menschen auf ein Kölsch. Die Pächter haben mehrfach gewechselt, doch die Einrichtung wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Regelmäßig stehen hier auch Winfried Schmickler, Jürgen Becker und Gerd Köster auf einer improvisierten Bühne, gelegentlich hält Meurer einen Gottesdienst ab.
Meurers Lieblingsgericht ist Currywurst mit Fritten
„Das ist eine der letzten ehrlichen Kneipen Kölns“, sagt Meurer. „Abends sitzen hier die Rentner an der Theke. Viele haben früher bei Felten & Guilleaume gearbeitet und beziehen heute eine ordentliche Rente.“ Bei Currywurst mit Fritten – Meurers Lieblingsgericht – erfährt der Pfarrer, wo im Veedel der Schuh drückt, welche Sorgen die Menschen haben und welche Geschichten gerade die Runde machen. „Wenn man die bürgerliche Mitte verliert, kann man ein Viertel nicht entwickeln.“

Drei Wochen lang gibt es im HöVi-Land für 500 Kinder ein abwechslungsreiches Ferienprogramm. Es kostet nur 45 Euro.
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Nach einem Espresso geht es weiter ins HöVi-Land. Seit 30 Jahren entsteht am Rande von Vingst auf einer grünen Insel in den Sommerferien ein Zeltdorf für rund 500 Kinder. Ehrenamtliche organisieren drei Wochen lang Ausflüge, Frühstück und Mittagessen. Die Eltern zahlen dafür nur 45 Euro. „Das gesamte Ferienprogramm kostet rund 200.000 Euro. Unsere Sponsoren sind treu– allen voran die Sparkasse – sie haben verstanden, dass hier Demokratie gelebt wird. Deshalb werde ich mich auch als Rentner darum kümmern, dass immer genug Geld da ist.“
Für Meurer ist HöVi-Land weit mehr als ein Ferienlager. „Drei Wochen erleben die Kinder hier Gemeinschaft. Das prägt für die restlichen 365 Tage im Jahr. Füreinander, miteinander – nicht nebeneinander oder gegeneinander.“ Während auf dem Gelände gespielt wird, laufen in der Feldküche die Vorbereitungen fürs Mittagessen. „Heute gibt es Kartoffelpüree. Dafür haben wir 25 Liter Milch, 25 Kilo Butter und 125 Kilo Kartoffeln verarbeitet – alles von Hand“, erzählt Renate Wesierski, die sich seit Jahren ehrenamtlich engagiert. „Ich hatte vier Kinder. Urlaub konnten wir uns nie leisten. Das Ferienlager war für meine Familie ein Geschenk. Heute helfen meine Kinder selbst mit. Ich hatte früher manchmal schwere Tage. Pastor Meurer ist immer gekommen.“ Dass er nun in den Ruhestand geht, könne sie sich kaum vorstellen.

Renate Wesierski kocht seit Jahren ehrenamtlich für 500 Kinder in HöVi-Land.
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Meurer hört schweigend zu, dann sagt er mit ein wenig Stolz: „HöVi-Land ist das 87. Kölner Veedel, hier schöpfe ich Kraft. Das ist der Nukleus. Schauen Sie in die Gesichter – egal ob jung oder alt, alle sind glücklich, sie identifizieren sich mit ihrem Stadtteil.“ Der Spaziergang endet an dem Ort, an dem sein Lebenswerk besonders sichtbar wird. Die Bindung, den Kontakt zu „seinem“ Veedel, wird Franz Meurer auch im Ruhestand nicht verlieren. „Auf der Hohenzollernbrücke vom Dom in Richtung Messe hängt ein Schild: ‚Ab jetzt verlieren Sie sechs Jahre Ihres Lebens‘.“
„Ich bleibe trotzdem rechtsrheinisch. Und ich werde weiterhin Blumen verschenken“, sagt er. „Wenn ich eingeladen bin, bringe ich immer einen Strauß mit – ins Altenheim, zu Geburtstagen oder für meine Sekretärinnen.“ Seine frühere Blumenhändlerin in Höhenberg habe zwar geschlossen. „Aber ich habe schon eine neue Quelle gefunden – in Merheim. Eine indische Familie bindet dort für 15 Euro die schönsten Sträuße.“ Zum Abschied drückt Franz Meurer auch der Autorin einen Blumenstrauß in die Hand und sagt: „‚Denn wir essen Brot, aber wir leben vom Glanz‘, dieses Zitat ist von der Dichterin Hilde Domin. Das sollten Sie sich merken. “
Franz Meurer empfiehlt:1) Die Blumeninsel von Priminder Singh in der Olpener Straße 3972) Die Veedelskneipe „Vingster Pohl“ der Familie Kuezevic in der Waldstraße 42, wo es die beste Currywurst gibt und das Kölsch 2 Euro kostet3) Jungen Familien nach Vingst zu ziehen, dort sind die Mieten bezahlbar und die Kinder können dann drei Wochen lang für 45 Euro im HöVi-Land verbringen
Zur Person
Franz Meurer, geboren 1951 in Köln, ist seit 1992 Pfarrer der Gemeinde St. Theodor und St. Elisabeth in Köln-Vingst und Höhenberg. Mit Projekten wie „HöVi-Land“, Kleiderkammern und Lebensmittelhilfen verbindet er Seelsorge mit konkreter Hilfe. Für seinen Einsatz erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Mevlüde-Genç-Medaille des Landes NRW für seinen Einsatz für Verständigung, Toleranz und ein friedliches Miteinander. Am 1. September geht Franz Meurer in den Ruhestand.
