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Neues von Willi OstermannPlattensammler befreit Schellack- Schätzchen vom Knistern und Knarzen

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Musikwissenschaftler Jens-Uwe Völmecke besitzt über 25.000 Schellackplatten. Jetzt hat er alle verfügbaren Originalaufnahmen von Willi Ostermann neu veröffentlicht.

Musikwissenschaftler Jens-Uwe Völmecke besitzt über 25.000 Schellackplatten. Jetzt hat er alle verfügbaren Originalaufnahmen von Willi Ostermann neu veröffentlicht. (Archiv)

Zum 150. Geburtstag von Willi Ostermann erscheinen digitalisierte 87 Original-Aufnahmen im Rahmen einer neuen Zusammenstellung über das Werk des großen kölschen Liedermachers.

„Die Liebe bringt die Menschen um“, singt Willi Ostermann. Er schwärmt von einer gewissen Eugenie, die ihn Tag und Nacht „meschugge“ mache. Verliebt zu sein, kann nicht nur sehr verwirren; es lauern auch Gefahren, mit denen man nicht rechnen konnte. „Ich war noch niemals so wie heut. Was ich jetzt all aus Liebe tu‘, dat es ald mieh wie schlimm.“ Dass dieser wunderbare Schlager aus der Zeit um 1920, bei dem der große Liedermacher einen hochdeutschen Text mit ein bisschen Kölsch vermischt, weitgehend in Vergessenheit geraten ist, mag mit der schlechten Aufnahmequalität zu tun haben. Wenn die Schellackplatte auf einem Grammophon rotiert, knistert und knarzt es teilweise so laut, dass man vom Text nichts mehr versteht. Das war bislang bei allen digitalisierten Versionen des Liedes nicht anders. Doch das ist nun vorbei.

„Dä Ostermanns Will dä singk esu schön“

Der Musikwissenschaftler und Sammler Jens-Uwe Völmecke hat den 150. Geburtstag von Willi Ostermann zum Anlass genommen, alle verfügbaren Original-Einspielungen zu digitalisieren und die alten Schellack-Produktionen vom lauten Knistern zu befreien. „Der technische Fortschritt ermöglicht eine viel bessere Qualität“, sagt der 60-jährige Experte. Endlich kann man Ostermanns Geschichte von Eugenie genau wie andere seiner alten Einspielungen aus Schellack-Zeiten verstehen. Völmecke hat den Fans von alter kölscher Musik im Jubiläumsjahr ein besonderes Geschenk gemacht: Eine neue Zusammenstellung mit dem Titel „Un dä Ostermanns Will, dä singk esu schön“ ist auf Streaming-Portalen wie Spotify oder Apple Music und bei YouTube kostenlos für jede und jeden zu hören. 87 Originalaufnahmen hat der Sammler für die Ostermann-Werkschau zusammengetragen.

Cover der neuen Ostermann-Compilation

Cover der neuen Ostermann-Compilation

Ostermann ist für ihn kein neues Thema. Vor über 30 Jahren hat er sich zusammen mit dem verstorbenen Brauchtums-Experten Reinold Louis schon einmal mit dem umfangreichen Werk des Urvaters der kölschen Popmusik befasst. „Damals sind wir recht blauäugig an die Sache herangegangen“, sagt Völmecke. Bei der erneuten Beschäftigung machte der Plattensammler eine überraschende Entdeckung: Nicht wenige der Aufnahmen aus jener Zeit sind mit einer falschen Geschwindigkeit abgespielt worden. Sie waren zu schnell.

Alte Aufnahmen jahrzehntelang mit falscher Geschwindigkeit abgespielt

Die nicht genormte mechanische Technik und die Temperaturempfindlichkeit der weichen Wachsplatten, mit denen in lang vergangenen Zeiten gearbeitet wurde, führten zu Schwankungen, die dann bei der Wiedergabe mit dem Grammophon oder einem Schallplattenspieler nicht ausgeglichen wurden. „Es gibt überlieferte Sprachaufnahmen, bei denen Ostermann wie Micky Maus klingt. Jetzt kann man diese Stücke erstmals in der richtigen Geschwindigkeit hören.“

Über 25.000 alte Schellack- und Schallplatten hat er in seiner Sammlung – so viele, dass der umgebaute Keller voller Regale im Einfamilienhaus nicht mehr ausreichte und Tausende Platten ausgelagert werden mussten. Völmeckes Vorliebe gilt Aufnahmen von deutschen Schlagern, kölschen Karnevalsliedern sowie Opern- und Chorgesang. Schon als Jugendlicher interessierte er sich für uralte Klangerzeugnisse, während seine Altersgenossen ABBA und Smokie gehört hätten.

Leser des Kölner Stadt-Anzeiger halfen bei Schatzsuche mit

Doch trotz dieses großen Bestands an historischen Tondokumenten, den er in 45 Jahren zusammengetragen hat, fehlen ihm immer noch ein paar Studioproduktionen von Ostermann. Vor fünf Jahren halfen zwei Leser des „Kölner Stadt-Anzeiger“ weiter, nachdem sie einen Bericht über Völmeckes Leidenschaft gelesen hatten, und folgten seinem Aufruf, ihm von vielleicht unbeachteten Plattensammlungen auf Speichern oder in Kellern zu berichten. So wurden tatsächlich auch einige Ostermann-Aufnahmen gefunden, die er noch nicht im Regal oder auf Festplatte hatte. Komplett ist die Sammlung jedoch noch immer nicht. Völmecke vermutet, dass ihm fünf oder sechs Produktionen fehlen, von denen er weiß, dass Willi Ostermann sie einst für Schallplatten eingesungen hat.

Willi Ostermann wurde am 1. Oktober 1867 in Mülheim, das damals noch nicht zu Köln gehörte, geboren.

Die neue Zusammenstellung „Un dä Ostermanns Will, dä singk esu schön“ präsentiert neben den großen Allzeithits einiges, das selbst Kenner bislang noch nicht kannten: Lustige Geschichten, Parodien und großartige Milieubeschreibungen findet man genauso wie das ein oder andere Lied, das vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten ist. Bei dem Versuch, mit hochdeutschen Liedern überregional Erfolg zu haben, gelang Ostermann nicht immer ein so großer Wurf wie mit „Einmal am Rhein“. So schrieb er „Das deutsche Keglerlied“ („Wo man kegelt, lass dich nieder, Kegel werfen stärkt die Glieder! Bei den Stunden, die vergehen, bleibst du ewig jung und schön!“) oder ein „Neues Jägerlied“ („Schnell die Büchse unters grüne Kleid, gebt mir meine Hunde als Geleit“). Manches deutet darauf hin, dass diese Stücke schon damals nur wenige interessierten.

Im Dienste der Kriegspropaganda

Ein spannendes Diskussionsthema sind auch die Stücke, mit denen sich Ostermann in den Dienst der Kriegspropaganda stellte und die mancher im Rückblick auf das Schaffen des Meisters lieber unerwähnt lässt. 1917 adaptierte Ostermann Texte und Ideen des Berliner Kollegen Otto Reutter. Aus der Revue „Berlin im Krieg“ – aufgeführt im Palast-Theater der Hauptstadt – wurde im Kölner Metropol-Theater „Köln im Krieg“. Im Lied „Künnte mer nit e Milliönche han“ wird schunkelnd erörtert, was man alles mit einer Million machen könnte. Da wird der Neumarkt tapeziert und die Hohe Straße mit Marzipan lackiert. Die vierte Strophe ist weniger heiter. Es werde Zeit für eine neue Kriegsanleihe, meint Ostermann. Dieses Lied gehört zu denen, die in Völmeckes Sammlung noch fehlen. Bislang sei keine Originalaufnahme des Walzers aufgetaucht.

Label einer alten Ostermann-Platte: „Lohss mer ens zeige, Mann für Mann“

Zu hören sind aber zwei andere Kriegslieder Ostermanns: Im Text von „Denn mir sin Deutsche, mir han kein Furch“, das auch als „Kölsch Zaldate-Leed“ veröffentlicht wurde, verlangt der Sänger ein Gewehr, um mit in den Krieg ziehen zu können. Nach einer langen Zeit des Friedens müsse „Krawall un Krach“ gemacht werden: „Dröm loss dat fresche Volk mer jetz dresche, wie unsre Kaiser hät jesaat.“ Es dürfte Frankreich gemeint sein, das verdroschen werden sollte. Im Lied „Kölsche Boor en Iser“ fordert Ostermann dazu auf, für den Krieg zu spenden. Nicht jedem sei es gegeben, an der Front zu kämpfen. Aber jeder und jede könne etwas beitragen, denn eine Kriegsspende bringe „winniger Leid“.

Kölsche Lieder als Spiegel der Zeit

Wenn man alles zeigen wolle, gehörten diese Lieder dazu, die in früheren Ostermann-Zusammenstellungen auf Schallplatten wie CD-Boxen weggelassen wurden, sagt Völmecke. „Natürlich sind diese Texte auch Propaganda, vor allem sind sie aber ein Spiegel der Zeit.“ Ostermann nehme mit all seinen Liedern Stimmungen auf und dokumentiere das Lebensgefühl in der Stadt. „Das ist ein Stück der historischen Wahrheit.“ Und da gehörte die Begeisterung für den Krieg dazu, die manche Jahre der Stadtgeschichte prägte.

Es ist schade, dass die Präsentationsformen über die digitalen Medien keine erhellenden Hinweise zum zeitlichen Kontext der Lieder mehr ermöglichen. Die neue Zusammenstellung hätte ein dickes Booklet verdient, das man früher in eine Schallplatten- oder CD-Hülle packen konnte. „Aber was wäre die Alternative zu Spotify und Co. gewesen, außer gar nichts zu veröffentlichen?“, so Völmecke. Er hätte manche Geschichte zu den Liedern zu erzählen. Warum gibt es von einigen Stücken mehrere Produktionen? Weil Ostermann die Honorare fürs Einsingen wichtiger waren als Tantiemen, die ein Exklusivvertrag in die Kasse gespült hätten, sagt Völmecke. Dem Liedermacher, der gerne beim Pferderennen wettete und ein gutes Leben genoss, war die schnelle Bargeldsumme wichtiger als ein langfristiges Geschäft.

Die neue Werkschau ermöglicht auch Annäherungen an die Frage, warum aus einzelnen Liedern große Hits wurden und aus anderen nicht. So gibt es vom Ostermanns größtem Erfolg „Heimweh nach Köln“, der angeblich 1936 auf dem Sterbebett entstand, einen Vorläufer mit der exakt gleichen Melodie: Das hochdeutsche Lied „Sehnsucht nach dem Rhein“ aus dem Jahr 1934 war ein Flop, während die neue Version trotz kölschen Textes zu einem überregionalen Allzeithit wurde.

Die neue Zusammenstellung alter Ostermann-Originalaufnahmen ist unter dem Titel „Un dä Ostermanns Will, dä singk esu schön“ bei Streamingdiensten wie Spotify und bei Youtube erschienen. Man kann alle Stücke kostenlos hören.