Das Festkomitee plant an Rosenmontag erstmals zwei Behindertenbereiche an der Mittelstraße. Dort steigt seit zwölf Jahren die Party „Papperlapappnas“.
„Perversion des Mottos“Kölner Festkomitee entfacht neuen Rosenmontagsstreit

Auf der Mittelstraße stellt „Papperlapappnas“ Infrastruktur für ein Fest beim Rosenmontagszug. (Archivbild)
Copyright: Papperlapappnas
Drei Wochen vor Rosenmontag laufen die Vorbereitungen für den Zoch auf Hochtouren: Neben 94 Tribünen und 76 Lkw auf 7,5 Kilometer Zugstrecke plant das Festkomitee Kölner Karneval (FK) auch die sogenannten Puute Kaschöttche, Bereiche, in denen Menschen mit Einschränkungen geschützt den Zug genießen können. Zwei der neun so ausgewiesenen Bereiche sollen erstmals an der Mittelstraße platziert werden, zwischen Hausnummer 21 und 23 sowie 27 und 29.
In diesem Abschnitt, von 25 bis 31, feiern Anwohner, Geschäftsinhaber und Freunde seit 12 Jahren die „Papperlapappnas“-Party. Gesa Schmidt vom Verein Arts and Culture Germany organisiert dort Essen und Trinken in den Hauseingängen, mobile Toiletten, Security sowie einen Zochkommentator. Für 35 Euro plus 30 Euro Spende gibt es ein Bändchen. Damit können die Leute essen und trinken. Der Erlös deckt nach eigenen Angaben die Kosten und wird gespendet, zuletzt etwa an den Verein „Dat kölsche Hätz“.
Erstmals Puute Kaschöttche während des Zochs an der Mittelstraße geplant
Die Puute Kaschöttche inklusive Behinderten-Toilette an der Mittelstraße bedeuten nun das Aus des Fests. Acht bis zehn Dixi-Klos, die Schmidt üblicherweise auf Vereinskosten beim Festkomitee bestellt, sollen wegen der Kaschöttche nicht mehr auf die Mittelstraße. Die möchte das FK stattdessen in Seitenstraßen aufstellen. In einer Mail, die dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt, informiert das FK Schmidt über die Änderungen auf diesem Zugabschnitt.
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Veranstalterin Gesa Schmidt von Arts and Culture Germany e.V. (Archivbild)
Copyright: „Papperlappapnas“
Die Pläne lösen Wut bei der Organisatorin aus, die den neuen Standort für den Behindertenbereich für taktisch motiviert hält: Man habe diesen Bereich extra auserkoren, damit die „Papperlapappnas“ nicht mehr stattfinden könne, die dem FK ein Dorn im Auge sei. „Zwischen Hausnummer 15 und 17 wird die Mittelstraße viel breiter. Da ist Platz ohne Ende. Wo wir feiern, ist es total eng.“ Sie spricht von „Schikane“. „Wir haben uns immer an jede Auflage gehalten. ‚Mer dun et för Kölle‘ ist das Sessions-Motto. Das ist aber die Perversion des Mottos.“
Festkomitee betont sein alleiniges Vermarktungsrecht des Zugweges
Das Festkomitee teilt auf Anfrage mit: „Der zusätzliche Standort in der Mittelstraße ermöglicht einen barrierefreien Zugang und eine leichte An- und Abfahrt auch während des Zuges (keine Zugwegkreuzung). Dies ist wichtig, da in beiden Puute-Kaschöttche Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen stehen beziehungsweise sitzen, und nicht alle in der Lage sind, bis zum Ende teilzunehmen.“ Weiter heißt es: „Beide Standorte haben wir in enger Absprache mit dem Ordnungsamt ausgewählt.“
Alle Kaschöttche stehen in Straßen „mit nicht ganz so dichtem Besucheraufkommen“. Das sind laut eines online einsehbaren Zugplans des FK die orange markierten Bereiche, wie zum Beispiel Mittelstraße, Schildergasse, Am Hof und Brückenstraße. Ob die anderen Straßen mit Kaschöttche bereits ausgelastet sind? Die Antwort des FK-Sprechers fällt eher allgemein aus: „Die Kaschöttche stoßen auf verstärktes Interesse und werden von uns auf die orangefarbenen Flächen, die nicht so ausgelastet sind, verteilt.“
Gesa Schmidt will diese Argumentation nicht hinnehmen. Ohne die Spenden vom Rosenmontag könnten viele soziale Projekte nicht mehr unterstützt werden. Man habe ihr schon Behindertenfeindlichkeit vorgeworfen, weil sie das Vorhaben des FK kritisiere. „Das ist absurd. Nach einem schrecklichen Motorradunfall vor mehr als einem Jahr habe ich selber einen schwerbehinderten Sohn, das Thema Inklusion ist also für mich jeden Tag brandaktuell“, sagt sie.
Das FK macht kein Geheimnis daraus, dass es sich nicht erst seit diesem Jahr an dem Ausmaß von Schmidts Party mit mehreren Hundert Teilnehmern stört. „Die gemeinnützige GmbH des Kölner Karnevals hat das alleinige Vermarktungsrecht für die gesamte Zugwegstrecke, weil die gGmbH den Rosenmontagszug verantwortet, organisiert und bezahlt.“
Der Zug verursache jährlich Kosten von 3,5 Millionen Euro und sei „hoch defizitär“, heißt es weiter. Die Tribünen, die etwa 20 Prozent des Zugwegs einnehmen – erlaubt wären bis zu 25 laut Auflagen der Stadt –, „sind also kaum vergleichbar mit einer Privatperson, die bei einer Veranstaltung, zu der sie nichts beiträgt, öffentlichen Raum für sich beansprucht und dafür auch noch Eintritt nimmt. Niemand würde auf die Idee kommen, beispielsweise im Stadion einen Bereich für sich zu beanspruchen und dafür die Hand aufzuhalten“, heißt es weiter. Solche „Trittbrettfahrer“ seien tatsächlich nicht erwünscht, so das FK.
Betreiber des Café Rico fühlt sich gestört durch das Fest am Zoch
Winfried Hüpel von Brillen Hallerbach an der Mittelstraße 29 ist mit seinem Geschäft von Anfang an dabei. Für das Fest am Zoch stellt er seinen Hauseingang zur Verfügung. „Es hat bisher keine Probleme gegeben. Ich war selber auch schon einige Mal dabei, es wurde schön gefeiert“, sagt Hüpel. Schmidt und ihre Vereinsfreunde schirmen unter anderem sein Geschäft mit Holzbrettern ab und beseitigen später den Müll. Über die Standortwahl der Behindertenbereiche kann Hüpel nur mutmaßen: „Für mich hört sich das nach Karnevalspolitik an. Ich freue mich, wenn Rollstuhlfahrer den Zug ungestört angucken dürfen, aber ob es hier sein muss, an dieser engen Stelle: Letztes Jahr wurde sich ja über das Gedränge wegen Stehpodesten beschwert“, so der Geschäftsinhaber.
Beschwerden erreichten das FK vom Betreiber des Café Rico, das direkter Nachbar der Feierei ist. Er möchte namentlich nicht genannt werden. „Vor 12 Jahren, als die Party noch klein war, haben wir selber eine Art Karnevalsparty gefeiert. Aufmachen lohnt sich für uns aber gar nicht mehr, weil die Leute an der Stelle nicht mehr durchkommen. Und vor zwei Jahren standen frühmorgens um halb sieben die Toiletten bereits vor unserem Laden. Haben wir kein Anrecht? Wir hatten es auch schwer wegen Corona gut durchzukommen“, so der Betreiber auf Anfrage, der beobachtet habe, dass die Security Leute ohne Bändchen nicht durchgelassen habe.

