Das Loslassen ist eine vergessene Kunst. Dabei wäre es viel besser, öfters einfach mal im Moment zu sein. Eine Gast-Kolumne von Basti Campmann.
Kasalla-SängerWie kommen wir raus aus dem absurden Irrenhaus?

Kasalla-Sänger Basti Campmann nimmt ein Bad in der Menge.
Copyright: Daniela Decker
Manchmal sieht man ihn nicht. Den Wald vor lauter Bäumen. Und dann braucht es nur einen Augenblick, um wieder zu wissen, wo man ist. Und warum. Ich schaue bei den vielen wilden Momenten in den bunten Wochen der Karnevals-Session von der Bühne aus oft in die Säle und Zelte und nehme die feiernden Menschen als gemeinsamen Organismus wahr. Nicht als einzelne Jecke. Sondern als Masse, die gemeinsam den Karneval liebt und lebt.
Manchmal fehlt etwas
Das gibt uns als Band jeden Abend unglaublich Energie. Es ist ein Geschenk, den Soundtrack dazu liefern zu dürfen, jetzt schon seit 15 Jahren. Mit eigenen Liedern immer wieder Menschen zu bewegen und zu berühren. Wir sind über alle Maßen dankbar dafür und stehen demütig davor. Aber manchmal fehlt beim Blick auf das große Ganze auch etwas. Der Zoom. Die Details. Und dann manchmal passiert das unerwartet: Sitzung im Sartory. Volles Haus. Laut. Stimmung trotz früher Stunde schon wild.
Wir spielten gerade „Alle Jläser Huh“ und tranken mit denen, die schon im Himmel sind. Hunderte Menschen ausgelassen. Mitsingend. Klatschend. Hüpfend. Und dann sah ich diesen einen Typ. Er lächelte einfach. Selig. Glücklich. Ruhig. Um ihn herum Schellenkränze, Bierduschen, Springen, Singen. Mittendrin stand dieser Mann im besten Alter. Schaute sich ein wenig um, schloss dann die Augen und bewegte leicht den Kopf im Takt.
Welches Kostüm er trug, weiß ich nicht mehr genau, aber sein Gesicht erzählte eine Geschichte. Er war auf eine fast schon mönchhafte Art zufrieden und bei sich. In diesem ganzen wilden Meer aus Farben und Lautheit. Die Szene erinnerte mich sofort an das gerade gehypteste Meme auf Insta und TikTok: Schauspieler Jon Hamm aus der TV-Serie „Your Friends & Neighbors“ tanzt, komplett im Moment versunken, in einem Club zum Dance-Track „Turn The Lights Off“. Er ist etwas zu alt und zu in sich gekehrt für die wilde Feierei um ihn herum. Aber wirkt in keiner Weise deplatziert.
Das Irrenhaus um uns herum
Wie es dem Mann gerade im Leben geht? Weiß ich nicht. Aber was ich weiß, ist, dass dieser Moment ihm wichtig war. Dass er Dinge losgelassen hat. Kurz vergessen hat. Ob es so etwas Alltägliches wie Stress im Job war, etwas Ernstes wie eine Krankheit oder einen Verlust. Oder das ganze absurde Irrenhaus um uns herum, das man sieht, wenn man irgendeine Nachrichtenquelle öffnet. Bedankt für diese Erkenntnis habe ich mich leider nicht. Mache ich hiermit einfach. Bei ihm und allen Menschen, die es schaffen, einfach im Moment zu sein. Ganz. Ich möchte mehr wie dieser inspirierende Typ sein. Denn gerade ist es manchmal einfach alles zu viel da draußen.
Zum Autor

Basti Campmann
Copyright: Chris Hedel
Bastian Campmann ist Sänger und Frontmann der Kölner Band Kasalla, die derzeit in den Karnevals-Sälen der Region unterwegs ist. In diesem Jahr feiert die Band ihr 15-jähriges Jubiläum mit zwei Konzerten am 16. und 17. Oktober in der Lanxess-Arena.


