Rund 8500 Jecke starteten auf der Severinstraße und freuten sich über das tolle Wetter.
„Schull- un Veedelszöch“So viel Arbeit steckte in den Kostümen – ein Vater berichtet
Kleine Hände sammeln große Bonbons auf. Am Zugrand der Severinstraße flitzt ein Regenbogenfisch zwischen Meerjungfrauschwänzen und Fischernetz-Hosen umher. Mittendrin: Rebekka Berghaus mit ihren Kindern sowie Opa, Tante, Cousins, Bruder. Auch für dieses Jahr haben sie ein neues Gruppenkostüm kreiert, viele Teile einer großen Unterwasserwelt stellt die Familie dar. „Die Schull- un Veedelszöch sind für die Kinder so schön, so familiär. Sie können die Kostüme gut sehen, weil es keine großen Wagen gibt“, sagt Berghaus.

Auch die Pänz der Montessori-Grundschule Gilbachstrasse freuten sich über das tolle Wetter.
Copyright: Uwe Weiser
Seit Sonntag um 11.11 Uhr sind die Schull- und Veedelszöch, organisiert von den Freunden und Förderern des Kölnischen Brauchtums, unterwegs – bei überraschend gutem Wetter. Mit so viel Sunnesching hat keiner gerechnet, bei einer Temperatur nur knapp über 0 Grad wärmt er die Kinder am Straßenrand beim Kamelle-Sammeln ein wenig auf.
Köln: Karnevalskeller der Schule durchforstet
Die Vorfreude auf den Tag war groß, vor allem unter den 8500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Schon früh am Morgen warten auf dem Chlodwigplatz die Schülerinnen und Schüler des Heinrich-Mann-Gymnasiums (HMG) darauf, dass es endlich losgeht. Sie sehen sich erstmals alle als Gruppe in ihren Kostümen, an denen sie elf Wochen gebastelt haben, seit November jeden Samstag fast drei Stunden lang. Das Gymnasium hat eine eigene Karnevals-AG, Vater Tim Gerold leitet sie dieses Jahr. Kurz bevor die Gruppe durch die Severinstorburg geht, sagt er: „Wenn du das hier siehst, dann weißt du, wofür du dir die Arbeit gemacht hast.“
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Die Hingabe des HMG für die Vorbereitung des großen Auftritts in den Schull- un Veedelszöch zeigt, wie viel Arbeit im Kölner Karneval steckt. Seit dem Sommer überlegte er sich das Kostümkonzept. Ein Blumenbouquet, das fürs bunte Ehrenamt steht, das diese Session so hervorgehoben wird. Im Herbst durchforstete er den Schulkeller nach Kostümen aus den Vorjahren, von denen Teile recycelt werden können und lernte dabei: „Brauchtum sind auch die Karnevalskeller in Köln.“

Diese Pänz sammelten bei den Schull- un Veedelszöch krädftig Kamelle.
Copyright: Uwe Weiser
Im Januar lag Gerold nachts wach, weil der ausladende Kragen – das grüne Beiwerk des Blumenstraußes – unter der üppigen Blütenpracht einfach nicht halten will, bis ein anderer Vater eine Konstruktion aus Hasendraht entwirft. 90 Mal für alle ihre Teilnehmer kopiert die Karnevals-AG den Prototypen in den letzten Wochen vor diesem Karnevalssonntag. Dann endlich steht Gerold mit den Lehrern, Eltern, Schülern und seiner Tochter Emilia vor der Torburg auf dem Chlodwigplatz und sagt: „Ich bin auch in einer KG, aber das Engagement in den Schulen ist wahrer Brauchtumskarneval.“ Während die Schulband zu spielen beginnt, guckt die 14-jährige Emilia ihre Schulkameradinnen an: „Es hat Charme, dass wir zusammenpassen, aber jeder die Blumen ein bisschen anders gestaltet hat.“
Zusammengepasst und trotzdem die Individualität bewahrt hat auch die Montessori-Grundschule Gilbachstraße mit einer Horde von großen und kleinen „Monster-ssoris“. Vielfalt zieht sich als Statement durch die Kostüme der Schulen. „Mer sind dat Stadtbild vun Kölle“, zeigt die Grüneberg-Schule aus Kalk bei ihrer ersten Teilnahme an den Schull- un Veedelszöch überhaupt: Als Jröne(-berger) Papajeie, wie von Eko Fresh und Kasalla besungen, flattern sie den Zugweg mit Schulleiter Johannes Köper entlang: „Wir wollen den Kindern Mut machen, bunt zu sein, der Fastelovend gibt uns den Rückenwind.“
„Wir sind bunt und vielfältig“, hat auch die Katholische Hauptschule am Rhein schon als Motto vor Monaten festgesetzt, nutzt die Bühne jetzt aber, um weiter gegen die im Januar unerwartet von der Kölner Stadtverwaltung beabsichtigte Schließung zu protestieren. Vorerst verhinderte der Schulausschuss den Schritt. „Ein paar Schilder haben wir angepasst“, sagte Schulleiterin Marika Prandl-May. „Nicht ohne uns“, ist etwa darauf zu lesen. Keine Mühe für das Kostüm scheute auch die Schulgemeinschaft des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, die sogar Sonntagmorgen vor den Zöch noch 2000 Luftballons aufgepustet haben, von denen rund 20 jeder Schüler und jede Schülerin als Blumenstängel am Kostüm trägt.
Köln: Ohne diese Heinzel sähe die Zukunft recht düster aus!
Das Motto des Berufskollegs Porz „Mit Hätz un Hand – die Heinzel ston parat“ wurde von der gemeinnützigen GmbH Kultcrossing bei der Teilnahme an den Schull & Veedelszöch beim Heinzel-Figurenbau unterstützt, um den handwerklichen Nachwuchs für Sanitär, Heizung und Klima, mit Schülern aus aller Welt darzustellen. Die Botschaft: „Ohne diese Heinzel sähe die Zukunft recht düster aus! Und es werden so alle Jugendlichen etwas mehr zu Kölnern!“

Copyright: Thomas Banneyer; Kultrcrossing
Noch politischer wird es unter den Veedelsgruppen im zweiten Teil der Zöch. Der Stammdesch Kölsche Sonnekinder greift jedes Jahr ein in Köln diskutiertes Thema auf, dieses Mal bedauert die Gruppe: „Großmarkt fott... Tradition kapott“. Mit detailreichen Marktständen vor dem Bauch ziehen sie eine Mini-Großmarkthalle durch die Straßen.
„Der Bauch von Köln ist jetzt weg“, sagt Präsident Edmund Gau. Die letzten des Stammtischs rollen eine Abrissbirne den Kaffeebuden und Käsetheken hinterher. Die Kölsche Mädcher - Kölsche Junge verarbeiten das Kölner „Baustellen-Chaos“ mit kölschem Sarkasmus und stellen fest: „An jeder Eck en Baustell.“ Aber jetzt sei Köln wenigstens verkehrsberuhigt. Die Fidelen Höhenberger warten mit einer Hommage an einen großen Kölner auf, der auch viel für die Stadt getan hat. „Ich han dä Millowitsch jesinn“, dürften sich die Zuschauer gedacht haben, gleich zig Mal, denn die Höhenberger sind jeder einzelne als Millowitsch verkleidet für ein „Kölsches Thiater met Willi im Hätz“.


