Köln – Dass der Kita-Streik vorerst beendet ist, beruhigt viele Eltern in Köln. Denjenigen aber, die noch keinen Platz haben, hilft das wenig.
Um die Nachfrage zu decken, müssten rund 3400 U-3-Plätze entstehen.
Von 2013 auf 2014 hat sich die Zahl der unter Dreijährigen um 1000 erhöht.
Nach den Sommerferien soll es 12.700 Plätze für Unter-Dreijährige geben.
„Wenn du zu Hause sitzen bleibst und auf das System vertraust, bist du verloren.“ Das Fazit, das Ulla Bach nach monatelanger Suche nach Betreuungsplätzen für ihre Kinder zieht, ist ernüchternd. Ihren Namen haben wir geändert: Eltern, die von ihrer Not bei der Suche nach Kita- oder Ganztagsschulplätzen berichten, befürchten Nachteile, wenn ihr Name gedruckt würde.
Nachfrage steigt immer weiter
Die Nachfrage nach Betreuungsplätzen steigt immer weiter. Zwar baut die Stadt die Angebote aus, so sollen nach den Sommerferien über 12 700 Plätze für Unter-Dreijährige und 26 500 Plätze in offenen Ganztagsgrundschulen zur Verfügung stehen. Hinzu kommt eine 100-prozentige Vollversorgung für Drei- bis Sechs-Jährige Doch am praktischen Einzelfall erweist sich immer wieder aufs Neue, dass das noch nicht reicht. Vor allem aber fehlt es an einer zentralen, zügigen Koordination.
Ulla Bach ist Mutter eines einjährigen und eines siebenjährigen Sohnes. Der Jüngere hat einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz, der Große ist abhängig vom Ausbau des Ganztagsangebots seiner Grundschule. Bei der Einschulung war kein Platz für ihn frei, obwohl seine Mutter genau wie der Vater wieder ihrem Beruf nachgehen wollte. „Wenn ich schon keinen Platz in der Offenen Ganztagsschule bekomme, brauche ich wenigstens einen kurzen Weg für die Betreuung des Kleinen“, so Bach.
Keine Chance auf einen Kita-Platz
Obwohl das Kind schon am ersten Lebenstag für einen U-3-Platz angemeldet wurde – den es nach dem ersten Geburtstag bekommen sollte –, besteht bislang keine Chance, eine Kita zu finden. Deshalb sucht Bach nun nach einem Platz bei einer Tagesmutter. „Aber irgendwas passt immer nicht.“ Die Betreuungszeiten etwa kollidieren mit ihren – durchaus schon flexiblen – Arbeitszeiten oder mit den Schulzeiten des größeren Kindes. Es sei kaum möglich, freie Plätze mit einer verlässlichen Fünf-Tage-Betreuung zu finden. Außerdem seien Vertretungsregelungen unklar und Urlaubszeiten schwer abzustimmen.
Die „Kontaktstelle Kindertagespflege“, die zentrale Anlaufstelle der Stadt, sei genauso wenig eine Hilfe wie die zuständigen städtischen Ämter. So habe sie etwa nie eine schriftliche Absage von der Stadt bekommen, dass sich für ihren Sohn kein Kita-Platz finden lasse. Sie ist nicht die einzige, die auch jetzt noch – knapp drei Wochen vor Beginn der Sommerferien, keinen Bescheid bekommen hat. „Ohne unsere telefonische Nachfrage wären wir voll vor die Wand gefahren.“ Alles dauere ewig, zeitweise sei sie sogar ganz aus dem Computer der Stadt verschwunden. Außerdem bekomme man nie einen direkten Kontakt zu den Zuständigen.
Die Stadt kennt diese Probleme. Für Linderung soll ab 2016 ein speziell entwickeltes Computer-Programm sorgen. Dann werden die Anmeldungen für Betreuungsplätze zentral koordiniert. Schneller müssten offensichtliche personelle Probleme in der zuständigen Abteilung gelöst werden können. Die Überlastung scheint zurzeit so groß, dass Tagesmütter gar mit der Empfehlung konfrontiert wurden, Eltern doch um einen Vorschuss zu bitten. Die Verwaltung ist offenbar nicht in der Lage, die Zuschüsse an die Tagesmütter fristgerecht zu überweisen – die Eltern sollen erstmal einspringen.
Tagespflege auf der Sparliste
Trotz knapper Finanzen soll jedoch der Ausbau der Plätze weiter vorangetrieben werden. Weil bei der Kleinkinderbetreuung eher Kita- als Tagespflegeplätze gesucht werden, will die Stadt aber ihre Schwerpunkte ändern. In den vergangenen Jahren war es das Ziel, die Kindertagespflege attraktiver zu machen. Nun nimmt die Stadt endgültig Abschied von der Vision, dass 30 Prozent der Kleinkinderbetreuung von Tagesmüttern übernommen werden könnten. Der Ausbau der Kindertagespflege steht auf der Sparliste, während die Kitas weiter ausgebaut werden sollen.
Ziel ist es zudem, dass sich die Tagespflege stärker an das Kindertagesstätten-Angebot anbindet und an dessen Öffnungszeiten orientiert. Ob das mit den vielen kleinen Gruppen gelingen kann, die sich heute in den Privatwohnungen der Tagesmütter treffen, wird von manchem bezweifelt. Die Zukunft liege in der Großtagespflege, sagen Experten (siehe „Alternative zur Kita“). Doch von diesen Gruppen gibt es bislang zu wenige.
Welche alternativen Betreuungsangebote es gibt, zeigen wir im nächsten Abschnitt.
Alternative zur Kita
125 Quadratmeter für neun Kinder und zwei Betreuerinnen in drei schönen Räumen, dazu ein Innenhof, verlässliche Vertretungsregeln und tägliche Öffnungszeiten von 7.30 bis 17 Uhr ohne Zuzahlungen. Das, was in Ehrenfeld als „Kindertagespflege Kölner Zwerge“ in den ehemaligen Räumen eines Kiosks und eines Verlags aufgebaut wurde, kann eine Alternative zur Kita und auch zur klassischen Tagesmutter sein, die Kinder bei sich zu Hause betreut. Das Angebot firmiert unter der wenig charmanten Bezeichnung „Großtagespflege“.
Mit zwei Standorten haben Andrea Thomas und ihr Mann Andreas – einer der wenigen Tagesväter in Köln – ein kleines Unternehmen aufgebaut. Die Gruppen sind größer als bei einer einzelnen Tagesmutter, dafür sind immer mindestens zwei Betreuerinnen pro Gruppe im Einsatz. Weil sie an zwei Standorten jeweils neun Kinder betreuen, können sie zusätzlich eine fünfte Kraft für 20 Wochenstunden beschäftigen. So ist gesichert, dass es bei Krankheit oder Urlaub eine Vertretung gibt.
Ausgebuchtes Angebot
Werbung brauchen die „Kölner Zwerge“ nicht, sie sind bis 2017 ausgebucht. Es wurden Kinder angemeldet, die noch im Bauch der Mutter sind. „Die Stadt kann nicht überall Kitas bauen, die Großtagespflege ist eine gute Alternative“, sagt Andrea Thomas. Sie würde gerne weitere Gruppen aufmachen. Für die Schwierigkeiten dabei sei nicht die Stadt verantwortlich. Mit der Verwaltung sei sie „rundum zufrieden“. Probleme gebe es an anderer Stelle: So sei es schwierig, Kredite von Banken zu bekommen, um Räume für die Tagespflege herzurichten. Noch wichtiger sei aber: „Wir brauchen mehr Kinderfreundlichkeit.“ Es fehle an Vermietern und Nachbarn, die sich auf Kleinkinder als Nutzer freier Ladenlokale einlassen können.
