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Seltenes Jubiläum72-Jährige arbeitet seit 50 Jahren in Kölner Firma – und denkt nicht ans Aufhören

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Gabriele Lachmann an ihrem Arbeitsplatz im Dental-Labor Fuhr

Gabriele Lachmann an ihrem Arbeitsplatz im Dental-Labor Fuhr 

50 Jahre bei demselben Arbeitgeber – für die meisten Menschen ist das heutzutage unvorstellbar. Gabriele Lachmann hat es geschafft.

Falsche Zähne, wo man hinsieht. Gebisse, Teilgebisse. Sie liegen in Schalen, an denen Zettel mit den Namen der Zahnärzte und der Patienten angeheftet sind. Menschen in weißen Kitteln wuseln herum. Eine Mitarbeiterin erhitzt Wachs über einer Flamme, eine andere korrigiert mit einem feinen Pinsel die Farbe der Zähne, in einer Art Schnellkochtopf wird Kunststoff gehärtet.

Im Dental-Labor Fuhr in der Kölner Innenstadt arbeiten 53 Zahntechnikerinnen und Zahntechniker auf drei Etagen. Ihre Arbeitsplätze haben die Größe eines Schreibtisches – mittendrin sitzt Gabriele Lachmann. Sie ist 72 Jahre alt und feiert in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum: Sie arbeitet seit 50 Jahren bei Fuhr. Vor sich hat sie eine Art Schraubstock, in dem ein Ober- und Unterkiefer eingespannt sind. Der Patient hat einen ausgeprägten Überbiss. Ein komplizierter Fall – und damit einer für Gabriele Lachmann.

In der Zahntechnik gab es eine Goldgräberstimmung

„Eigentlich wollte ich ja Goldschmiedin werden“, erzählt sie und lacht. „Ich habe schon immer gerne gebastelt. Aber damals hieß es: Das hat keine Zukunft.“ Ein Bekannter habe sie dann auf den Beruf der Zahntechnikerin aufmerksam gemacht, der gerade aufkam. „Da bastelt man ja auch, eben nur Zähne“, sagte der.

Gabriele Lachmann machte also eine Lehre. „Damals war das mehr so ein Souterrain-Gewerbe, der Beruf war erst im Entstehen“, sagt sie. Die Werkstatt ihrer Lehrfirma in ihrer ostwestfälischen Heimat lag tatsächlich im Keller, war sehr dunkel und eines Tages saß ein Huhn auf einem der zwei Arbeitsplätze. Die Materialien waren noch sehr einfach. Man arbeitete mit Gips statt wie heute mit Silikon-Knetmasse. „Der Gips klebte leicht an den Zähnen, da musste man mit Spüli trennen.“ Für Formen wurde statt Kunststoff noch Schellack benutzt, der über dem Bunsenbrenner erhitzt werden musste und böse Brandblasen verursachte, wenn er tropfte. „Das war teuflisch.“

Das Dental-Labor Fuhr in den 1960er Jahren

Das Dental-Labor Fuhr in den 1960er Jahren, die Technik hat sich inzwischen sehr verändert.

Trotzdem gefiel der Beruf Gabriele Lachmann bald. Denn: „Man hat das Ergebnis gleich in der Hand.“ Vor 50 Jahren kam sie dann zur Firma Fuhr. Damals habe eine Art Goldgräberstimmung in der Branche geherrscht und sie wuchs schnell. Denn die Krankenkassen bezahlten Zahnprothesen viele Jahre komplett. Prophylaxe wie heute gab es noch nicht. Wenn Zähne ausfielen, galt das als Krankheit. Da legte man sich die Prothesen gerne zu besonderen Anlässen zu. „Vor den großen Ferien oder vor Weihnachten standen die ganzen Regale bei uns voll mit Aufträgen.“ Heute müssen Patienten zuzahlen. Wer sein Vorsorge-Heft gut geführt hat, dem wird der Eigenanteil nachgelassen.

Gabriele Lachmann sammelte immer mehr Expertise, weit über das Technische hinaus. Denn Zähne sind ein hochsensibler Bereich, weil sie auch das Aussehen der Menschen entscheidend mitbestimmen. So gibt es die Bipupillarlinie, eine gedachte Linie, die durch die beiden Pupillen läuft. Sie sollte parallel zur Linie unterhalb der Schneidezähne verlaufen. Sonst sieht das Lächeln schief aus.

Manche Kunden wünschen sich blendend weiße Zähne wie bei Jürgen Klopp

Knifflig ist auch die Prothese für den Herrn mit dem starken Überbiss, die Gabriele Lachmann gerade in ihrem Schraubstock hat. Hier wird nur die Zahnreihe für den Oberkiefer angefertigt, die untere ist intakt. Die Prothese muss den Überbiss genau nachahmen und nicht etwa aus kosmetischen Gründen „verbessern“. „Sonst würde das Gebiss nicht mehr zusammenpassen, das Gesicht des Mannes würde sich sehr stark verändern und die Oberlippe einfallen.“

Für besonders heikle Fälle hat Gabriele Lachmann ein eigenes Zimmer mit Behandlungsstuhl – und einer Tür, die man schließen kann. Dort prüft sie mit den Patienten gemeinsam, ob die Prothese wirklich sitzt oder ob sie vielleicht doch nochmal in die Zahnarztpraxis zurückgeschickt wird und ein weiterer Abdruck gemacht werden muss. „Ich bin da sehr pingelig.“ In dem Raum gibt es auch einen Ganzkörperspiegel, an dem die Kunden überprüfen können, ob die Prothese zu ihnen passt. „Da fließen auch schonmal Tränen der Erleichterung. Letztens ist mir auch ein Patient um den Hals gefallen, weil er so glücklich war: Danke, ich sehe wieder normal aus.“ Sie habe schon ein ausgeprägtes Helfersyndrom, sagt sie.

Natürlich gebe es auch Patienten, die sich mit den neuen Zähnen auch gleich eine neue Farbe wünschen – oft das strahlende Weiß von Hollywoodstars oder Jürgen Klopp. „Ich sage dann immer ganz vorsichtig: Die schneeweiße Farbe ist eher für die jungen Menschen. Aber: Des Kunden Wille ist sein Himmelreich.“

Geschäftsführer Karsten Fuhr ist voll des Lobes für Gabriele Lachmann: „Sie ist eine ungeheuer wichtige Mitarbeiterin. So eine große Erfahrung ist unbezahlbar. Ich verstehe nicht, warum manche Firmen ältere Mitarbeiter aufs Abstellgleis abschieben.“ Gabriele Lachmann ist Ansprechpartnerin für die jungen Auszubildenden, aber auch die Kolleginnen und Kollegen suchen Rat bei ihr. Sie ist so etwas wie die oberste Instanz.

Sie selbst – und danach wird sie oft gefragt – hat noch all ihre Zähne. Nur ein Eckzahn ist etwas schief. „Da habe ich mich immer mal wieder gefragt: Soll ich den abschleifen lassen? Aber dann habe ich gedacht: Nein, das ist mein Markenzeichen.“ Ans Aufhören denkt sie nicht, hat aber auf drei Tage reduziert. Dann kommt sie mit dem Fahrrad aus Hürth.