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„Geweint ohne Ende“Ein Raser tötete Miriam in Deutz – nun spricht ihre Mutter

Lesezeit 5 Minuten
kra_crashkurs010 Mutter von Miriam

Marita Scheidel hat im „Crashkurs“ der Polizei erzählt, wie Raser ihre Tochter töteten und die Familie zerstörten.

Köln – Miriam als Baby mit großen Augen. Miriam am Meer. Miriam und ihr Vater vor der untergehenden Sonne, lächelnd. Miriam mit Beatmungsschlauch auf der Intensivstation. Miriams Holzsarg im Grab, bedeckt mit bunten Blumen.

Ein 19-jähriges Leben, geschrumpft auf einen viereinhalbminütigen Diavortrag, untermalt von „Photograph“, einem Song von Ed Sheeran – den 500 Schülern im Nicolaus-August-Otto-Berufskolleg in Deutz gehen Musik und Bilder an diesem Dienstagvormittag sichtbar unter die Haut.

Niemand spricht ein Wort,  viele haben Tränen in den Augen. Zumindest in diesem Moment erscheint es unvorstellbar, dass auch nur einer von ihnen gleich ins Auto steigen und über rote Ampeln nach Hause rasen könnte.

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Emotionale Prävention

„Crashkurs“ nennt sich das Projekt, mit dem die Polizei Köln seit 2009 in Kölner Schulen und Berufskollegs unterwegs ist, um Fahranfänger zu warnen. Das Konzept: Polizisten, Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Notfallseelsorger und Hinterbliebene, die Angehörige bei Unfällen verloren haben, berichten den Schülern eindringlich von ihren Erlebnissen.

Emotionaler, authentischer kann Unfallprävention kaum sein. Seit kurzem ist auch Marita Scheidel dabei. Ihre Tochter Miriam ist vor zweieinhalb Jahren auf dem Auenweg in Deutz bei einem Raserunfall getötetet worden.

Die 19-jährige Jurastudentin fuhr am frühen Abend mit dem Rad von der Uni nach Hause. Sie hatte keine Chance, dem umherschleudernden BMW auszuweichen.

Kurz vor Beginn des „Crashkurses“ herrscht Trubel in der Aula. Schüler schreien durcheinander, die Lehrerin auf der Bühne hat Mühe, auf sich aufmerksam zu machen.

Das Geplapper ebbt ab, als Natalie Jung von der Polizei die ersten Fotos von Leichen in zerbeulten Unfallautos auf einer Leinwand zeigt.

Schonungsloser Bericht

Endgültig ruhig wird es, als Feuerwehrmann Sven Görres  schonungslos berichtet, wie er half, einen jungen Raser aus einem Autowrack zu schneiden, dem der linke Vorderreifen den Brustkorb zusammendrückte – so deformiert war das Auto nach dem Aufprall an einem Baum.

Geradezu beklemmend wirkt die Stille, als Marita Scheidel auf die Bühne tritt. Ihren Text liest sie  vom Blatt ab. „Sonst würde ich das nicht schaffen“, sagt sie später.

Es ist ihr achter Auftritt bei „Crashkurs“, aber Routine wird das nie. „Ich will den jungen Menschen vor Augen führen, was es mit einer Familie macht, wenn die Tochter unverschuldet bei einem Unfall stirbt.“

Auftritt auch Trauerverarbeitung

Ihr Auftritt ist auch ein Stück Trauerverarbeitung. „Gefühlsmäßig bin ich auch nach zweieinhalb Jahren im totalen Durcheinander. Man hat keinen Einfluss darauf, was mit einem passiert.“ Mit dem Vortrag gewinne sie ein Stück Kontrolle zurück.

„An diesem verfluchten Dienstag hat Miri gut gelaunt das Haus verlassen und ist mit dem Rad zur Uni gefahren“, erzählt Scheidel den Schülern.

Sie berichtet von den folgenden Stunden, von den sms, die Mutter und Tochter sich im Tagesverlauf geschrieben hätten, vom Streifenwagen, der am Abend vorfuhr und den Eltern berichtete, ihre Tochter liege in der Uniklinik.

Und vom Gespräch mit dem Arzt kurz nach Mitternacht, der sagte: „Miriam ist klinisch tot. Sie wird nicht überleben.“ Zwei Tage später waren keine Hirnströme mehr messbar.

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Das Leiden hört nicht auf

In bemerkenswerter Offenheit schildert Marita Scheidel, wie sie und ihr Mann bis heute leiden. „Unsere Normalität mir Miriam ist weg, und eine neue haben wir noch nicht gefunden. Wir sind jeden Tag traurig, weinen viel. Schlafen mit dem Gedanken an Miri ein, ganz spät, und wachen damit auf.“

Manche Freunde und Verwandte haben sich zurückgezogen. „Wir tun den anderen Leid, aber die Anrufe werden weniger. Das Thema, das uns beschäftigt, mag langsam keiner mehr hören.“ Vorwürfe mache sie niemandem, sagt Scheidel.

„Wir sind ja diejenigen, die sich verändert haben durch das Erleben von Miris Tod.  Wir fahren nicht mehr gerne ans Meer und ertragen es kaum, Musik zu hören. Beides ist untrennbar mit Miriam verbunden und schmerzt unendlich. Wir haben es ausprobiert.“

Scheidel schließt mit einem Appell, sich vernünftig zu verhalten im Straßenverkehr. Die Schüler applaudieren. „Ihr zuzuhören war sehr belastend“, gibt eine 19-Jährige nach dem „Crashkurs“ zu. „Aber es war gut, dass sie es gemacht hat. Ich hoffe, es wirkt.“

Marita Scheidel im Wortlaut

Was die Mutter von Miriam über den Abend des 14. April 2015 und die Zeit danach erzählt:

„Kurz vor 20 Uhr kam ein Streifenwagen. Der Polizist sagte, dass unsere Tochter in einen Unfall mit zwei PKW verwickelt war.  Mein Mann, Miriams Freund ich sind in die Uniklinik gefahren.

Dort ist man unseren Blicken ausgewichen. Fragen konnte oder wollte keiner beantworten. Mein Blutdruck stieg, ich hatte Kopfweh.

Irgendwann sagte eine Ärztin, Miri wird operiert, von zwei Teams. Man könne das Ausmaß der Hirnblutungen noch nicht abschätzen.

Da dachte ich, wenn sie das überlebt, ist sie nicht mehr diejenige, die wir kennen. Gleichzeitig wusste ich, dass sie stirbt. Ich wusste es einfach.

Nach Mitternacht das zweite Arztgespräch. Ein Arzt teilte uns mit, dass Miriam keinerlei Chance hat zu überleben. Dann durften wir sie auf der Intensivstation sehen.

Erstaunlicherweise sah sie aus, als würde sie schlafen. Ich dachte: Gottseidank sind ihre Zähne noch heil, obwohl ich wusste, dass das vollkommen unwichtig war.

So eine Situation ist so extrem, dass der Verstand einfach nicht hinterherkommen kann. Dann mussten wir nach Hause, sollten am anderen Morgen wieder kommen.

Als ich Miris leeres Zimmer sah und ihre Kleidung, habe ich angefangen zu zittern und zu weinen. Wir haben die nächsten drei Tage an ihrem Bett gesessen, sie gestreichelt.

Wir haben geweint ohne Ende. Haben mit ihr gesprochen, gesagt, wie lieb wir sie haben. Wie leid es uns tut. Wie sehr wir sie vermissen werden.

Nichts davon wird sie gehört haben, aber man macht es trotzdem. Die Schmerzen, die durch ihren Tod und die Trauer ausgelöst wurden, waren in den ersten Monaten so schrecklich, dass ich dachte: Das ertrage ich nicht den Rest meiner Zeit.

Es tat richtig körperlich weh. Ich konnte keinen anderen Gedanken denken als Miriam – und: Was hätte ich tun können?“

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