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Nach Schüssen auf Kölner JuwelierGeschäftsleute auf der Keupstraße leben in Angst

5 min
Die Keupstraße

Geschäftsleute auf der Keupstraße sind nach Schüssen auf einen Juwelier im August in Sorge und wünschen sich mehr Sicherheit. (Archivbild)

Nach einer Serie von Drohungen und Schüssen auf türkische Geschäfte wünschen sich Händler in Mülheim mehr Sicherheit.

Zwei junge Männer betreten die Keupstraße in Mülheim. Es ist die Nacht auf den 21. August, kurz vor vier Uhr. Einer der beiden zielt auf das Schaufenster eines Juweliergeschäfts und schießt mehrfach. Der andere filmt die Szene mit seinem Handy. Dann rennen beide davon. Die Aufnahme dieser Szene stammt aus einer privaten Überwachungskamera. Verletzt wird in jener Nacht niemand. Der Sachschaden für den Juwelier wird auf mehrere Tausend Euro geschätzt. Die kaputten Scheiben sind schnell repariert – was bleibt, ist die Angst. 

Der Angriff auf das Juweliergeschäft auf der Keupstraße steht nicht isoliert. Seit Ende Mai wurde in Köln und Umgebung eine Serie von Schüssen abgegeben, die meisten im August: eine Schießerei mit vier Verletzten auf der Berliner Straße in Mülheim am 3. August, wiederholte Schüsse auf ein Uhrengeschäft an der Breite Straße in der Innenstadt, ein angeschossener 41‑Jähriger am 24. August in der Straße Am Kabellager, Schüsse auf ein Café an der Bonner Straße in der Südstadt Ende August und zuletzt, am 5. September, Schüsse auf eine türkische Bar an der Frankfurter Straße in Ostheim. Die Kriminalpolizei prüft beim Keupstraßen-Fall mögliche Verbindungen zu anderen Schussabgaben. Konkrete Hinweise auf die Täter oder ihr Motiv wurden bislang jedoch nicht öffentlich.

Auch auf ein Geschäft für Luxusuhren auf der Breite Straße wurden Mitte August Schüsse abgefeuert.

Auch auf ein Geschäft für Luxusuhren auf der Breite Straße wurden Mitte August Schüsse abgefeuert.

Bundesweit soll es 700 Drohungen gegeben haben, berichtet ein Mann

Ob und wen genau eine Drohung oder ein Angriff treffe, sei derzeit kaum vorhersehbar, glauben einige der mehr als 100 überwiegend türkischen Geschäftsleute der Keupstraße, die mit unserer Redaktion gesprochen haben. Aus Angst vor weiteren Angriffen wollen sie anonym bleiben. „Die Ungewissheit ist so schlimm, dass sie uns die Lebensfreude nimmt. Ich wache nachts auf und habe Angst, dass meinen Mitarbeitern oder meiner Familie etwas zustoßen könnte“, sagt einer von ihnen. Kleine Alltagsmomente würden inzwischen zur Bedrohung: „Da fährt ein Fahrrad oder ein E-Scooter zu knapp an dir vorbei, und dann denkst du dir: Oh Gott, passiert jetzt was?“

Es sollen mehrere Nachrichten über den Messengerdienst Whatsapp gewesen sein, die bereits im Frühsommer für Unruhe bei den Geschäftsleuten auf der Keupstraße sorgten. Von einem der rund 30 Juweliere in der Straße sei eine sechsstellige Summe gefordert worden, wenn er – sinngemäß – weiterhin in Sicherheit leben wolle. Die Nachrichten, deren Absender unbekannt sind, liegen der Polizei vor. „Zwei Wochen wurde die Straße intensiv überwacht“, erzählt einer der Geschäftsleute. Aber nichts passierte. Die Polizei sei nur noch sporadisch gekommen. Dann folgten Ende August die Schüsse auf einen anderen Juwelier, der nach Informationen unserer Redaktion nicht der Bedrohte war. Die Vermutung einiger Geschäftsleute: Die ganze Straße könnte im Visier der Täter sein.

Polizei und Rettungskräfte sind Anfang August nach Schüssen auf offener Straße in Köln-Mülheim im Einsatz.

Polizei und Rettungskräfte sind Anfang August nach Schüssen auf offener Straße in Köln-Mülheim im Einsatz.

Wer hinter den Schüssen steckt, ist offiziell weiter ungeklärt – die Behörden haben jedoch einen ersten Ermittlungsansatz: Bei der „Gen-Z-Mafia“ soll es sich, wie berichtet, laut Landeskriminalamt nicht um eine einzelne Organisation, sondern um mehrere lose, teils konkurrierende Gruppierungen handeln, die Namen wie „Daltons“, „Caspers“ oder „Schlümpfe“ tragen. Dabei soll es sich um junge, teils minderjährige Migranten handeln, die für ein Honorar über Social Media angeworben werden. Die Geschäftsleute von der Keupstraße beschreiben die Gruppe als „unberechenbar“, weil ihre Mitglieder „gerne die Öffentlichkeit genießen“ und Taten bewusst inszenieren und filmen.

Ziel der Gruppierung seien nach bisherigem Kenntnisstand der Ermittler vor allem türkeistämmige Unternehmer, von denen zunächst Geld gefordert und denen bei Nichtzahlung mit Gewalt gedroht werde. Ein Geschäftsmann von der Keupstraße spricht von rund 700 Drohungen per SMS oder Messengerdienst bundesweit – offiziell bestätigte Zahlen dazu gibt es aber bislang nicht. Auch ob die Vorfälle auf der Keupstraße konkret diesem Muster zuzuordnen sind, bestätigt die Kölner Staatsanwaltschaft bislang nicht. Mögliche Zusammenhänge mit Erpressungsversuchen würden „fortlaufend geprüft“, heißt es auf Nachfrage.

Schon wieder ist die Keupstraße in den Köpfen vieler, die die Straße nicht kennen, ein unschöner Ort.
ein Geschäftsmann von der Keupstraße

„Aktuell leben wir in einem Alltag voller Angst“, sagt einer der Geschäftsleute. Zudem vermute er, dass es noch mehr Betroffene gebe, die eine Erpressung aus Angst oder Scham nicht melden. „Wir wollen wieder in Ruhe schlafen können.“ Was viele Menschen auf der Straße jedoch am meisten belaste, sei nach seinen Worten aber vor allem das Wiederaufleben eines alten, bitteren Gefühls: 2004 explodierte auf der Keupstraße eine Nagelbombe des rechtsterroristischen NSU, 22 Menschen wurden verletzt. Jahrelang ermittelten Polizei und Öffentlichkeit zunächst gegen die Betroffenen selbst, vermuteten ein „Bandenmilieu“ oder innertürkische Konflikte – erst 2011 wurde bekannt, dass Neonazis hinter dem Anschlag steckten.

Diese Erfahrung, über Jahre unter Generalverdacht gestanden zu haben, ist auf der Straße bis heute präsent. „Es ist wie ein Geschmack, den man kennt“, sagt einer der Geschäftsleute. „Schon wieder ist die Keupstraße in den Köpfen vieler, die die Straße nicht kennen, ein unschöner Ort.“ Die überwiegende Mehrheit der Geschäftsleute auf der Keupstraße habe aber mit organisierter Kriminalität gar nichts zu tun. Es sei wie damals, sagt ein anderer, der die Anschläge 2004 miterlebt hat. „Wie ein Geist, der herumschwirrt und viel Platz für Spekulationen gibt. Das ist für uns sehr beunruhigend.“

„Nach den aktuellen Bedrohungen und Schüssen wünschen wir uns, dass die Verantwortlichen die Sorgen ernst nehmen, die Hintergründe konsequent aufklären und für den notwendigen Schutz sorgen“, sagt einer der Händler. Die Forderung stelle man nicht an die örtliche Polizei, sondern an die politisch Verantwortlichen – das Land NRW und das Innenministerium, aber auch an die zuständigen Stellen auf Bundesebene. So gebe es Forderungen nach einer Waffenverbotszone sowie Kameraüberwachung, wie sie etwa am Wiener Platz oder rund um den Hauptbahnhof bestehe.

„Ich mache oft noch nachts die Kasse, da hat man immer Angst“, sagt ein Geschäftsmann. Übereinstimmend betonen die Geschäftsleute ein grundsätzlich gutes Verhältnis zur Polizei in Mülheim und wünschen sich mehr Präsenz statt weniger – aber ausdrücklich keinen neuen Generalverdacht gegen die Straße. „Wir vertrauen der Polizei und wissen, dass die das schaffen“, sagt einer von ihnen. Sein Wunsch für die kommenden Monate bleibt vorsichtig: „Ich hoffe, dass diese junge Generation endlich erwachsen wird.“