Die türkische „Erpressermafia-Gen-Z“ ist jung, mobil und extrem gewaltbereit. Steckt die Gruppe auch hinter Anschlägen in Köln?
Anschlag in Kölner SüdstadtSteckt die türkische „Gen-Z-Mafia“ dahinter?

Die Spurensicherung der Polizei dokumentiert die Einschüsse in die Front eines türkischen Cafés an der Bonner Straße in Köln.
Copyright: Arton Krasniqi
Um 7.40 Uhr ist die Bonner Straße noch nicht richtig wach. Lieferwagen stehen am Rand, in den Cafés wird am Montagmorgen Kaffee in Pappbecher gefüllt. Plötzlich ist ein Knall zu hören, dann noch einer, insgesamt vier. Schüsse krachen in die Front eines noch geschlossenen türkischen Cafés. Vier dunkle Löcher bleiben in der großen Scheibe zurück, zum Glück aber wird niemand verletzt. Der Schütze läuft davon, Richtung Zugweg. Auf dem Bürgersteig liegen Patronenhülsen, Kaliber neun Millimeter.
Gegen 7.45 Uhr wählt jemand den Notruf. Ein Zeuge beschreibt einen dunkel gekleideten, glatzköpfigen Mann mit Kapuzenpullover. Die Polizei riegelt die Straße ab, Polizeihunde suchen nach Spuren. Schüsse am helllichten Tag, mitten in der Kölner Südstadt. „In Köln ist es in den letzten Wochen immer wieder durch die Nachrichten gegangen, dass es Schießereien gibt“, sagt ein Anwohner. Aber jetzt auch noch direkt vor der eigenen Haustür. „Das ist heftig, da kommt man schon ins Grübeln“, ergänzt ein anderer.
Ein Knall, der bleibt
Die Polizei prüft, ob die Schüsse mit früheren Taten zusammenhängen. Einen konkreten Hinweis darauf gibt es bisher nicht. Im August waren bereits ein Juweliergeschäft auf der Keupstraße und ein Uhrengeschäft in der Kölner Innenstadt beschossen worden. Was die Fälle verbindet, ist bislang kein Beweis, sondern die Folge von Angriffen auf Orte, an denen tagsüber verkauft, beraten und gearbeitet wird.
Auch im Rheinland richtete sich die Gewalt in der jüngeren Vergangenheit gegen Geschäfte und Unternehmer. In Erftstadt schossen zwei Vermummte auf das Haus und das Auto eines türkischen Geschäftsmanns. Das Nachbargebäude wurde getroffen. Im Haus waren drei Erwachsene und ein Säugling, nebenan zwei weitere Erwachsene. Niemand wurde verletzt. Der Unternehmer, dem die Attacke mutmaßlich galt, betreibt eine Imbisskette. Zuvor waren Filialen in Mannheim, Rüsselsheim und Osnabrück beschossen oder in Brand gesetzt worden.
Die Botschaft im Glas
Ob all diese Taten derselben Gruppe zugerechnet werden können, ist offen. Doch sie folgen einem Muster, das Ermittler in Berlin zuerst beobachteten und das nun Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Auf Drohungen und Geldforderungen folgen Schüsse, Feuer oder Munition in einem Umschlag. Die Tat richtet sich gegen ein Auto, eine Fassade, eine Filiale. Sie muss keinen Menschen treffen, um verstanden zu werden – bisher zumindest.

Nach den Schüssen am Montag wurde die Bonner Straße von der Polizei gesperrt.
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Das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen nennt das ein „neues Kriminalitätsphänomen“. In der Öffentlichkeit heißt es „türkische Gen-Z-Mafia“. Der Begriff klingt nach einer einzigen Organisation. Genau das ist sie nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden aber nicht. LKA-Sprecher Markus Niesczery sagt, es handle sich eher um verschiedene Gruppierungen, die kooperieren oder gelegentlich sogar miteinander in Konkurrenzstehen. Die „Daltonlar“, also die Daltons, gehören dazu. Daneben werden Ezgins, Caspers und Şirinler, die Schlümpfe, genannt.
Die Herkunft der Gruppennamen liegt in der Türkei. Experten beschreiben Daltonlar, Caspers und Şirinler als Teil einer jüngeren, gewaltorientierten Szene in Istanbul. Die neuen Gruppen verschleierten ihre Absichten nicht. Sie kündigten Taten in sozialen Medien an und veröffentlichten anschließend Bilder oder Videos. Die Inszenierung ist Teil der Macht. Wer Gewalt zeigt, muss sie nicht jedes Mal ausüben. Es genügt, dass andere glauben, sie könne jederzeit kommen.
Kein Kartell, sondern ein Muster
Seit Februar 2026 erfasst das LKA solche Straftaten in einer eigenen Statistik. Die Behörde hat Erkenntnisse zu rund 20 Sachverhalten in Nordrhein-Westfalen. In sechs Fällen kamen Schusswaffen ins Spiel, in zwei weiteren Fällen hinterließen Täter lediglich Munition in einem Kuvert. Es gab auch ein versuchtes Tötungsdelikt, das nach derzeitiger Kenntnis jedoch nicht mit einer Erpressung zusammenhing.
Die Zahlen sind nur eingeschränkt belastbar. Die Auswertung erfolgt von Hand. Das zeigt, wie neu und unfertig das Lagebild ist. Das LKA spricht von dynamischer Entwicklung und hoher Gewaltbereitschaft der Gruppen. Die Täter seien mobil, wechselten stetig ihre Aufenthaltsorte und legten weite Entfernungen zurück. Zugleich betont die Behörde, die Taten richteten sich gegen konkrete Personen. Von einer allgemeinen Bedrohungslage könne deshalb nicht gesprochen werden, auch wenn Risiken für Unbeteiligte nie ganz ausgeschlossen seien.
Die Zielscheibe hat einen Namen
Die Zielpersonen sind nach derzeitigem Kenntnisstand vor allem türkeistämmige Unternehmer. Das kann der Betreiber mehrerer Supermärkte sein, der Inhaber einer Restaurantkette, ein Fleischfabrikant oder ein Juwelier. Die Täter suchen offenbar Geschäftsleute, bei denen sie Geld vermuten. Sie greifen keine abstrakte Firma an. Sie schicken eine Botschaft an einen Menschen, an seine Familie und an sein Umfeld.
„Schutzgeld“ ist dabei ein irreführendes Wort. Es klingt nach einer Versicherung gegen eine Gefahr. Tatsächlich geht es um die Zahlung dafür, dass die Gefahr nicht eintritt, die der Erpresser selbst erzeugt. Für diesen „Nichtangriffspakt“ sollen in Berlin über 100.000 oder 200.000 Euro für ein Jahr gefordert worden sein. Nach einer rbb-Recherche soll ein Anrufer in einem anderen Fall 250.000 Euro verlangt haben. Kurz darauf seien Filialen des Supermarktbetreibers beschossen worden.
Jung, mobil, austauschbar
Bei der „Gen Z“ geht es überwiegend um Personen aus den Jahrgängen von etwa 1995 bis 2012. Die Gruppen haben den Ermittlungen zufolge flache Hierarchien und wechselnde Mitglieder. Einzelne Beteiligte übernehmen feste Rollen. Die bisher identifizierten Tatverdächtigen sind überwiegend türkische Staatsangehörige. Für einzelne Tatbeiträge wurden laut LKA aber auch Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit eingesetzt.

Die Hintergründe für vier Schüsse auf ein türkisches Café an der Bonner Straße in Köln sind noch nicht geklärt.
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Von einer klassischen Mafia mit klarer Befehlskette unterscheidet sich dieses Modell vor allem durch seine Beweglichkeit. Seine Organisation ist lockerer, aber nicht notwendigerweise weniger wirksam. „Das Fehlen fester Lebensmittelpunkte ermöglicht den Tätern ein hohes Maß an Agilität sowie einen schnellen Wechsel ihrer Unterkünfte und operativen Aktionsradien“, betont Behördensprecher Niesczery.
Nach Berlin und Süddeutschland ist NRW an der Reihe
Nach Erkenntnissen des LKA traten „ähnliche Phänomene“ zunächst in Berlin, später in Süddeutschland und schließlich in Nordrhein-Westfalen auf. Ob es sich um eine Ausweitung des Wirkungskreises oder um einen Verdrängungseffekt handelt, lässt sich noch nicht entscheiden. Die Behörden tauschen sich auf Landes- und Bundesebene aus.
Berlin zeigt, wie aus einzelnen Drohungen ein eigenes Ermittlungsfeld werden kann. Polizei und Staatsanwaltschaft richteten dort Sonderstrukturen ein. Von rund 200 Strafverfahren mit Bezug zu den Daltons und ähnlichen Gruppen ist die Rede. Bei Razzien seien Waffen gefunden worden, darunter auch eine Maschinenpistole aus dem 3D-Drucker.
