Die Kölner Galerie Julian Sander zeigt surreale Fotografien des einst weltberühmten Dekorationsmalers José Maria Sert.
José Maria SertManchmal entsteht Kunst auf dem Weg in den Papierkorb

José María Serts „Étude pour le grand vestibule du Rockefeller Center“ ist jetzt in der Kölner Galerie Julian Sander zu sehen.
Copyright: Galerie Julian Sander, Köln
Manchmal entsteht die schönste Kunst auf dem Weg in den Papierkorb, nämlich in Form von Skizzen und Entwürfen, die gar nicht dazu gedacht waren, das eigentliche Werk zu überleben. Die riesige Mehrzahl dieser meist rasch hingeworfenen Vorarbeiten dürfte tatsächlich auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sein, aber gar nicht so selten blieben sie der Nachwelt auch erhalten – weil Künstler, Sammler oder Händler den Mehrwert von Geniestreichen in ihnen sahen.
Um die besondere Schönheit eines Entwurfs zu verstehen, muss man nicht unbedingt in den Werkverzeichnissen von Rembrandt oder Pablo Picasso wühlen. Man findet diese Qualität auch in den Ölskizzen sterbenslangweiliger Klassizisten, die in ihren schwachen Stunden den Impressionismus vorwegzunehmen schienen, oder in den Fotografien, die der zu Lebzeiten legendäre und heute weitgehend vergessene Dekorationsmaler José Maria Sert (1874–1945) als Vorlagen für seinen spätbarocken Wandschmuck nutzte. In den besten dieser Wegwerfarbeiten trifft sich die Lust an opulenter Theatralik mit dem Surrealismus verrenkter Gliederpuppen und verschmilzt zu einem Manierismus, den auf dem Höhepunkt der Moderne wohl nur ein Ewiggestriger herbeifantasieren konnte.
Zu Lebzeiten malte José Maria Sert für die Reichen und Berühmten
Vermutlich hat lediglich ein Bruchteil dieser Fotografien überlebt; wiederentdeckt wurden sie jedenfalls erst lange nach Serts Tod, Mitte der 1980er Jahre. Über Umwege gelangte das Gros davon zu Gerd Sander, der den mit etlichen Spuren der Atelierarbeit versehenen Abzügen 1996 einen Auftritt im Georg-Kolbe-Museum in Berlin verschaffte und sie an Julian Sander vererbte – in dessen Kölner Galerie sind sie nun wieder zu sehen.
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms konnte sich José Maria Sert, geboren in Barcelona und 1899 nach Paris gekommen, vor betuchten und berühmten Auftraggebern kaum retten. Er arbeitete für Coco Chanel, Sergei Djagilew und die katholische Kirche, schmückte das Rockefeller Center in New York und das Hotel Waldorf Astoria, verkehrte mit Marcel Proust und heiratete Misia Godebska, eine bekannte Mäzenin der Pariser Kunstwelt. Seine Wand- und Deckengemälde waren opulent und bühnenhaft und bildeten einen Horizont, der von einer Allegorie des „Amerikanischen Fortschritts“ bis zu den Abenteuern aus „Sindbad, der Seefahrer“ reichte. Einzelne Szenen dieser dramatischen Wimmelbilder probte er mit menschlichen Modellen oder hölzernen Gliederpuppen. Gelegentlich zeigen seine Fotografien auch ausgestopfte Tiere in überspannten Posen oder maritime Abenteuer mit Schiffsmodellen, die gegen zu Wellenbergen aufgetürmte Muscheln kämpfen.

Eine Studie für „Sindbad, der Seefahrer“ von José María Sert
Copyright: Galerie Julian Sander, Köln
Diese Aufnahmen dienten Sert und seinen Mitarbeitern als Arbeitsvorlagen, von denen die einzelnen Motive maßstabsgetreu ins Großformat übertragen wurden; auf vielen Abzügen sind noch die dafür hilfreichen aufgemalten Gitter zu sehen. Bei Julian Sander bilden einige klassische Akte den eher konventionellen Auftakt der Ausstellung, aber schon bald erobern die auch von den Surrealisten hochgeschätzten Gliederpuppen die Galerie. Vermutlich sah Sert in ihnen weder Symbolfiguren des im Ersten Weltkrieg entmenschlichten Subjekts noch den überfälligen Triumph der seelenlosen Mechanik über die Humanität. Sondern vor allem füg- und biegsamere Modelle für seine Versuchsanordnungen. Der Effekt auf den heutigen Betrachter ist trotzdem ähnlich. Wir sehen der Schwerkraft trotzende Mannequins im freien Raum, auf unheimliche Weise lebendig und zugleich tot.
Einige dieser Bewegungsstudien erschließen sich erst, wenn man sie (etwa in einem der ausliegenden Kataloge) mit dem fertigen Wandgemälde vergleicht. So spießte Sert bei einem Entwurf für das Rockefeller Center anscheinend Bälle auf Stöcke, um sie in die richtige Formation für einen Ballonflug mit Himmelsstürzen zu bringen. Andere Aufnahmen können hingegen getrost für sich stehen – als Skizzen einer furchtlos zwischen den Zeiten schwebenden Kunst.
„José Maria Sert: Études photographiques“, Galerie Julian Sander, Bonner Str. 82, Köln, Mi.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 12–16 Uhr, bis 31. Juli 2026.
