Der Kölnische Kunstverein stellt die zeitgenössische Künstlerszene Brüssels mit einer Ausstellung über das Großstadtleben vor.
Kölnischer KunstvereinBrüssel als Idealstadt der Schludrigkeit

Céline Mathieus „His body still small – Smuggled Correspondence“ im Kölnischen Kunstverein
Copyright: Mareike Tocha
Als Kaffee in Deutschland zuletzt als Luxusgut gehandelt wurde, reichte der kleine Grenzverkehr mit dem belgischen Nachbarn bis nach Köln. Schmuggler brachten das „braune Gold“ tonnenweise in die vom Krieg verwüstete Stadt, weshalb sich 1950 auch niemand groß darüber wunderte, dass das neue und sehr prächtige Belgische Haus nicht zuletzt durch Einkünfte auf dem Schwarzmarkt finanziert worden war.
An diese historische Kaffeefront, über die auch massenweise Tabakwaren verschoben wurden, erinnert jetzt Céline Mathieu in der Brüssel-Ausstellung im Kölnischen Kunstverein. Für ihre „geschmuggelte Korrespondenz“ hat sie sich in einem Kölner Fachgeschäft 577 Meter Text in ein Bündel Zigarren rollen lassen, als Symbol für die bedrohte Kostbarkeit kluger Gedanken vermutlich, aber auch als Zeichen für die Vergeblichkeit des Schreibens. Ganz nebenbei lassen sich ihre Stumpen als Hommage an den legendären Marcel Broodthaers verstehen, der ein Faible für Zigarrenreklame hatte und dessen künstlerischer Weg zielsicher von Brüssel nach Köln führte.
Die Achse zwischen Köln und Brüssel wird oft und gerne beschworen
Die Kunstachse zwischen Köln und Brüssel wird oft und gerne beschworen, aber zuletzt sei der Austausch beider Städte etwas eingeschlafen, findet Valérie Knoll, die Leiterin des Kölnischen Kunstvereins. Ändern möchte sie dies mit der gemeinsam mit Fabian Flückiger kuratierten Ausstellung „Eine Stadt als Atelier“, in der die beiden Werke von mehr als 30 Künstlern zeigen, die wenigstens zeitweise in Brüssel lebten. Eine lokale Schule haben sie dabei nicht entdeckt und auch keine griffige These von ihren Erkundungsgängen mitgebracht. Aber immerhin glauben sie, dass Brüssel stärker auf die in ihr entstehende Kunst abfärbt, als dies anderswo geschieht.
Mit naivem Lokalpatriotismus hat dies offenbar nichts zu tun, denn in der Ausstellung wirkt Brüssel mindestens so inspirierend dysfunktional und liederlich wie die Gastgeberstadt. Eher schon mit der reichen Brüsseler Geschichte und einem kosmopolitischen Durcheinander, dem man sich offenbar kaum entziehen kann. Beides hängt mit dem blutigen Kolonialismus Belgiens zusammen, dessen grausame Galionsfigur, König Leopold II., die Besucher im Kunstverein gleich am Eingang begrüßt. Allerdings hat sich Walter Swennen für eine sarkastische Comicausgabe des Monarchen entschieden: Sein „King Leo“ ist ein bekrönter Löwe, der seine Tatze fröhlich zum Daumen-rauf-Zeichen erhebt. Alles prima also, und Verdrängung der eigenen Landesgeschichte ist erste Bürgerpflicht.
Die Haupthalle des Kunstvereins haben Knoll und Flückiger als Stadtspaziergang angelegt. Von Chérie Samba ist eine volkstümlich gemalte Liebeserklärung ans Brüsseler „Afrikaviertel“ zu sehen, von Arnaud Eubelen eine aus Sperrmüll zusammenstückelte Tür-Skulptur, Michael Van den Abeele erinnert mit zarten Bettgestellen an die weitverbreitete Obdachlosigkeit auf Brüssels Straßen, und wer dem lebensgroßen „Fool“ von Harald Thys und Jos de Gruyter zu nahe kommt, bringt den Regenschirmträger dazu, flämische Kinderlieder zu plärren. Anderes lässt sich kaum auf den Nenner „pralles Straßenleben“ bringen, und so dient uns Jan Eulers Gemälde eines in Fantasiesprache verfassten Reiseführers als Warnung: Brüssel lässt sich so wenig lesen wie jede andere große Stadt, jedenfalls, wenn man sich von dieser Lektüre einen durchgehenden Sinn oder eine lokale Identität erhofft.

Der „Fool“ von Harald Thys und Jos de Gruyter im Kölnischen Kunstverein
Copyright: Mareike Tocha
Auch die Gesamtheit der Brüsseler Kunstszene lässt sich selbstredend nur als persönliches Panorama der Kuratoren beschreiben, als Zufallsfunde ausgedehnter Spaziergänge durch Galerien, Museen und Ateliers. Aber immerhin füllt die Auswahl den gesamten Kunstverein, vom Keller bis unters Dach, und im Kino läuft eine 109-minütige Lesung der Filmemacherin Chantal Akerman, die bilderlose Erzählung ihrer Familiengeschichte. Auf Schritt und Tritt spiegelt sich im Kunstverein die urbane Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren, sei es, wenn eine in den Farben des Brüsseler Stadtwappens leuchtende Straßenlaterne (wiederum das Duo Thys/de Gruyter) auf von Hand gewebte Textilien trifft, mit der Hana Miletic die Wunden von Häuserfassaden nachempfindet, oder wenn Jurgen Ots Fundsachen vom Flohmarkt neben Gust Duchateaus naiven, in Öl auf Holz gemalten Alltagsszenen hängen.
Der über 80-jährige, auch in seiner Heimat kaum bekannte Duchateau gehört zu den Entdeckungen der Schau und kommt dem von den Kuratoren skizzierten Idealtypus des zeitgenössischen Brüsseler Künstlers besonders nah. Er folgt einem geregelten Tageslauf, der ihn entlang alter Gewohnheiten, aber mit offenen Augen durch die Stadt führt – immer abends zwischen sieben und neun Uhr hält der pensionierte Kolorist seine flüchtigen Eindrücke mit der langsamen Malerei fest. In diesem privaten Album der Stadt stechen die akribisch nachgemalten Werbeprospekte billiger Restaurants heraus, und die Tischdecke eines Mittagessens leuchtet in einem so wunderbar blutigen Rot, dass man glauben könnte, Duchateau habe gerade das Leben selbst zur Ader gelassen.
Für eine Stadt wie Köln, die sich ihres belgischen Viertels rühmt, ist diese Ausstellung im Grunde eine Ehrensache, und auch der ausgedünnten lokalen Kunstszene kann es nur nutzen, wenn die alten Schmuggelrouten ins Nachbarland wieder begangen werden. Im Idealfall würde sich die Ausstellung aus dem Kunstverein ins Kölner Stadtbild ergießen, was Knoll und Flückiger immerhin in den Unterführungen von Aachener Straße und Richard-Wagner-Straße gelungen ist. Hier sind einige Fotografien plakatiert, die Beat Streuli in Brüssel von Menschen aus der Menge machte – als Einladung an vorbeieilende Passanten, innezuhalten und sich in einen teilnehmenden Betrachter zu verwandeln.
„Eine Stadt als Atelier“, Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Köln, Di.–So. 11–18 Uhr, bis 19. Juli 2026
