Kurator Stephan Diederich und Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior über die Geschichte eines Blockbusters.
Museum LudwigDarum ist die Kölner Kusama-Ausstellung so erfolgreich

Blick in die Kusama-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig
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Alle wollen ein Stückchen von Kusama. Sei es ein Schlüsselanhänger in Kürbisform, eine gemusterte Tragetasche oder ein Selfie in einem ihrer aufs Unendliche des Universums schielenden Spiegelkabinette. Dank der 97-jährigen Japanerin erlebt auch das Kölner Museum Ludwig derzeit seine mutmaßlich erfolgreichste Ausstellung aller Zeiten – bislang war die Kusama-Schau restlos ausverkauft, und es deutet nichts darauf hin, dass sich daran bis zum Schlusstag etwas ändern wird. Ein besseres Geschenk hätte sich das Museum zu seinem 50. Geburtstag kaum machen können.
Spricht man mit Stephan Diederich, dem Kurator der Kölner Kusama-Schau, scheinen ihm die langen Schlangen am Eingang beinahe unangenehm zu sein. „Wir wollten diese plakativen Kusama-Motive, die auf Social Media millionenfach kursieren und in einem guten Sinne dekorativ und eingängig sind, unterfüttern und kunsthistorisch untermauern“, so Diederich. „Man kann bei uns sehen: Wo kommen diese Motive her, was sind die Geschichten dahinter?“ Auch Ludwig-Direktor Yilmaz Dziewior betont, man habe sich zunächst angeschaut, was es in den letzten Jahren an großen Projekten zu Kusama gab und welches Bild das Publikum und die Medien von ihr haben. „Für uns war schnell klar“, so Dziewior, „dass wir das Ganze aus einem anderen Blickwinkel beleuchten wollen.“ Das Museum Ludwig hat schließlich einen Ruf als Schatzhaus der Moderne zu verlieren; den riskiert man nicht leichtfertig für gepunktete Riesenkürbisse und gigantische Plastikblumen, die vor der Domkulisse in den Himmel wachsen.
Unsere Lastenaufzüge waren im Vorfeld der Kusama-Ausstellung defekt. Wenn so etwas während der Aufbauphase passiert, dann war es das.
Tatsächlich kommt man beim Besuch der Ausstellung nicht für eine Sekunde auf den Gedanken, das Museum habe sich seinen Erfolg durch die Instagrammisierung der Avantgarde erkauft. Zwar sind die nach Köln gereisten Erlebnisräume und die bunten Kusama-Ikonen ungemein fotogen. Aber die Schau geht bewusst zu den Quellen dieser Arbeiten zurück, und die liegen in den manisch-monochromen Kringeln von Kusamas Frühwerk. Außerdem lernt man im Vorbeigehen, dass Kusamas Bilder und Bühnenbilder zentrale Themen unserer Gegenwart illustrieren: das Verhältnis von Identität und Trauma sowie das Drama der Außenseiterin in einer männlich dominierten Welt. Für Kusama sind ihre „Infinity-Rooms“ Zufluchtsträume, in denen sie mit dem Universum verschmelzen kann, und ihre Kürbisse Trostspender in psychischen Ausnahmesituationen. Es hat etwas Berührendes, daran teilzuhaben, auch wenn man die Erfahrungswelt der japanischen Künstlerin nicht teilt.
Obwohl man glauben könnte, die Ausstellung eines Megastars wie Kusama sei ein Selbstläufer, war das Unternehmen ein Kraftakt, der das Kölner Museum in vielerlei Hinsicht auf die Probe stellte. Die größte Hürde stellte die Finanzierung dar, die das Ludwig nur nehmen konnte, weil es mit zwei potenten Partnern, der Fondation Beyeler in Basel und dem Amsterdamer Stedelijk-Museum, kooperiert. „Kusama ist die teuerste Ausstellung, die es jemals im Ludwig gab“, sagt Dziewior, „auf jeden Fall zu meiner Zeit. Sie hat über drei Millionen Euro gekostet.“ Die Stadt hat sich dafür ordentlich gestreckt, aber ohne private Geldgeber ging es trotzdem nicht. „Wir haben zwei Jahre an einem japanischen Sponsor gearbeitet“, sagt Dziewior, „auch Frau Reker war in Tokio.“ Kurz vor Vertragsunterzeichnung habe es dann geheißen: Es geht leider doch nicht, wir haben ein schlechtes Jahr. Das sei „erst einmal ein Schock“ gewesen, so Dziewior, aber aus Erfahrung habe man bei der Sponsorensuche immer viele Eisen im Feuer. „Erst wenn der Vertrag unterschrieben ist, können wir wirklich sicher sein.“

Die Installation „I Spend Each Day Embracing Flowers“ von Yayoi Kusama steht auf der Dachterrasse des Museum Ludwig vor dem Dom.
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Um Geld zu sparen, hat Stephan Diederich sogar auf Leihgaben aus den USA verzichtet und bei der Akquise stattdessen den „Fokus auf Europa, Japan und den asiatischen Raum“ gelegt. „Wir haben geschaut, ob das die Qualität der Ausstellung tangiert, und sind zu dem Schluss gekommen: Nein, tut es nicht.“ Sehr viele Leihgaben kämen aus dem Umfeld von Kusama oder vom Studio selbst, ergänzt Dziewior, das bürge für Qualität. Die Leihgaben zu bündeln, sei gleichermaßen eine ökonomische wie ökologische Frage: „Günstig ist es noch immer nicht, aber weniger teuer.“ Zudem seien in Köln viele Arbeiten zu sehen, die selbst Kusama-Kenner selten oder gar nicht gesehen haben. „Und wir zeigen die ‚One Thousand Boats Show‘, die sonst nie reisen darf.“
Auch die Ausstellungslogistik war dieses Mal deutlich komplizierter als gewohnt, berichtet Diederich. „Zur ersten Ausstellungsstation kamen die Arbeiten per Luftfracht. Aus der Schweiz reisten sie dann mit Lkw zu uns. Ich glaube, es waren 24 doppelte.“ Insbesondere die Skulpturen auf der Dachterrasse zu installieren, sei „heftig“ gewesen, ergänzt Dziewior. „Die Straße musste gesperrt werden, es kam ein Sattelschlepper, wir brauchten einen Kran. Das war ein riesiger Aufwand.“
Für den Aufbau der handlicheren Werke galt dies ebenfalls. „Es war eine Herausforderung, die Transportwege innerhalb des Hauses zu planen“, so Diederich. „Es gab exakte Zeitstränge, in denen eingeteilt wurde, wo welches Werk wie an seinen Ort kommt. Das ist wie ein Mosaik.“ Für zusätzliches Herzklopfen sorgte der bauliche Zustand des Museums: „Unsere Lastenaufzüge waren im Vorfeld der Kusama-Ausstellung defekt“, so Diederich. „Die gehen immer wieder kaputt, und es dauert dann teilweise Wochen, bis sie wieder funktionieren. Wenn so etwas während der Aufbauphase passiert, dann war es das.“
Unser Ausstellungsetat ist aus meiner Perspektive fast gleich null
Zum Glück war es das noch nicht, und knapp drei Monate vor Ausstellungsende lässt sich bereits resümieren: Der Aufwand hat sich gelohnt. Zumal es der zweite Versuch war, eine Kusama-Ausstellung nach Köln zu holen. „Wir waren vor Corona schon mit dem Studio Kusama im Gespräch“, sagt Dziewior. „Die Ausstellung hat aber dann wegen der Pandemie nicht stattgefunden.“ Jetzt würden sich alle in der Stadt über den Erfolg freuen, so der Ludwig-Direktor, aber vielen sei gar nicht bewusst, wie schwer erkämpft er sei. „Die Fondation Beyeler hat 89 Mitarbeitende, das Stedelijk hat sogar 161 Mitarbeitende. Wir haben im Ludwig 60. Da ist es kein Wunder, dass hier die Kollegen viele Überstunden angesammelt haben.“
Auch die Einnahmen aus der Kusama-Ausstellung können lediglich die größten Löcher im Etat des wichtigsten Kölner Museums stopfen. „Wir werden über Ticketing sehr viel einnehmen“, sagt Dziewior. „Allerdings dürfen wir von den 19,80 Euro nur 5 Euro zur Refinanzierung der Ausstellung benutzen. Das restliche Geld geht ins ‚schwarze Loch‘. Unser Haus ist unterfinanziert. Am Anfang des Jahres können wir schon hochrechnen, wie viel für Strom, wie viel für Bewachung und wie viel für Baukosten anfallen wird. Die Stadt weiß das auch, das ist kein Geheimnis. Trotzdem bekommen wir das Geld am Anfang des Jahres nicht. Das heißt: Offiziell machen wir immer ein Minus. Und mit diesen 14,80 Euro stopfen wir unser geplantes Haushaltsloch.“
Und was wird, wenn der Geburtstagstrubel vorüber ist? „Unser Ausstellungsetat ist aus meiner Perspektive fast gleich null“, beklagt Dziewior. „Wir erhalten zwar 255.000 Euro für alle Ausstellungen eines Jahres zusammen, das ist viel Geld, aber selbst eine kleinere Ausstellung kostet zwischen 600.000 und 800.000 Euro.“ Man könnte daraus den Schluss ziehen, keine großen Ausstellungen mehr zu machen, so Dziewior. „Ich glaube, damit wäre niemand glücklich. Der aktuelle Erfolg täuscht über viele strukturelle Probleme hinweg.“
„Kusama“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, bis 2. August 2026. Karten ausschließlich online.
