Soziales Engagement, insbesondere für Obdachlose, liegt dem Weihbischof besonders am Herzen. Er appelliert an „die Liebe für alle Menschen“.
InterviewDiese Botschaften bringt der Kölner Weihbischof Ansgar Puff nach Frechen

Weihbischof Ansgar Puff kommt zu einem Vortrag mit Diskussion nach Frechen.
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Manchmal genügen schon kleine Schritte, um wirksam gegen Armut und Not in der unmittelbaren Nachbarschaft vorzugehen, davon ist Ansgar Puff überzeugt. Am Freitag (15. Mai) hält der Kölner Weihbischof im Frechener Pfarrheim St. Ulrich einen Impulsvortrag zum ersten großen Schreiben „Über die Liebe zu den Armen“ von Papst Leo XIV., danach steht er für ein Gespräch mit den Besuchern zu Verfügung. Mit ihm sprach Markus Peters.
Herr Weihbischof Puff, Sie werden über das erste Schreiben von Papst Leo XIV. „Dilexi te“ sprechen. Was sind seine Kernaussagen?
Weihbischof Puff: Die Kernbotschaft des Schreibens steht direkt in den ersten beiden Worten. „Dilexi te“ heisst übersetzt: „Ich habe dir meine Liebe zugewandt.“ Diese Zusage gibt Jesus im biblischen Buch der „Offenbarung“ einer armen und unbedeutenden Gemeinde. Kernbotschaft des Papstes ist: diese Zusage Gottes gilt auch heute allen Menschen, vor allem den Armen. Christliche Liebe ist für das Unmögliche da. Die Liebe zu allen Menschen muss daher im Zentrum der Kirche stehen. Eine Liebe, die keine Feinde kennt, sondern nur Menschen.
Was sagt es über Papst Leo XIV. aus, dass er dieses Thema an den Anfang seines Pontifikats stellt?
Ihm ist es ein Anliegen, Brücken zu bauen. Seine sachliche, unaufgeregte Art macht ihn zu jemandem, der gut geeignet ist, zu versöhnen und Menschen zusammenzubringen. Das ist sowohl innerhalb der Kirche wichtig als auch in einer Welt, die immer zerrissener wird. Schon als Bischof in Peru hat er Brücken zwischen der Kirche und den Armen gebaut, und dieser Herausforderung stellt er sich auch als Papst.
Viele vermuten bei einem päpstlichen Schreiben schwere Kost. Trifft das hier zu?
Alle päpstlichen Schreiben werden nach den ersten lateinischen Worten des jeweiligen Textes benannt. Einen Text, der „Dilexi te“ heißt, zu lesen, mag zunächst schwierig erscheinen. Hier ist aber das Gegenteil der Fall. Diese „Ermahnung“ („exhortatio“: so bezeichnet man innerhalb der Kirche ein solches Schreiben) ist in einfachen Worten verfasst. Der Papst zeigt an biblischen Beispielen, am Leben von Heiligen und Situationen aus der der Kirchengeschichte, was Liebe zu den Armen bedeutet. Der Text ist beim ersten Lesen sofort verständlich.
Wie definieren Sie Armut?
Ich unterscheide zwischen Armut und Not. Not bedeutet materielle Sorgen, Einsamkeit, Depression, Obdachlosigkeit oder Krankheit – all das missfällt Gott und muss aus der Welt geschafft werden. Armut hingegen ist im biblischen Sinn eine Art Selbsterkenntnis der eigenen Grenzen, und die Offenheit, sich beschenken zu lassen – von den Menschen und von Gott. Armut verstehe ich als eine geistliche Größe, die hilft, dass wir uns als Menschen nicht selber überschätzen.
Was können Gemeinden im Rhein-Erft-Kreis konkret tun, um Not zu lindern?
Genau hinschauen! Not versteckt sich oft! Wichtig sind die Fragen: Wer fühlt sich in meiner Umgebung einsam? Wo übernachten in unserer Kommune Obdachlose? Wie geht es den Kindern aus der Flüchtlingsunterkunft? Als Zweites den oft lähmenden Impuls bekämpfen: „Da kann ich sowieso nichts machen!“ oder: „Was geht das mich an?“ Warum kann im Winter das Pfarrzentrum nicht eine Ecke öffnen, damit ein Obdachloser dort im Warmen übernachten kann? Warum soll man am Ende der Hl. Messe nicht sagen können: „Vor unserer Kirchentür wird heute eine Obdachlosenzeitung zum Verkauf angeboten. Bitte kaufen Sie ein Exemplar; damit helfen Sie sehr!“ Warum kann es im Familienzentrum keine diskrete Schuldnerberatung geben? Was spricht dagegen, Menschen mit kleinem Budget, die nur eine winzige Wohnung haben, zur Feier des Geburtstags kostenlos einen Raum im Pfarrzentrum zur Verfügung zu stellen?
Kann ein stärkeres soziales Engagement das Bild der Kirche verbessern?
Mit Sicherheit! Gerade in unserer Zeit, in der die Kirche oft in der Kritik steht, wird die Arbeit der Caritas sehr positiv wahrgenommen.
Seelsorge für obdachlose Menschen liegt Ihnen besonders am Herzen. Wie erreicht man sie?
Auf Obdachlose trifft man Alltag sehr oft. Viele Menschen schauen dann weg oder wechseln die Straßenseite. Andere möchten gerne helfen, sind aber unsicher, ob sie Geld geben sollen oder nicht. Am einfachsten erreicht man einen Wohnungslosen von Herz zu Herz. Dazu genügt ein Blick, ein freundliches Lächeln, ein kurzes Gespräch. Wohnungslose wollen als Menschen gesehen werden; das bedeutet ihnen viel. Papst Leo ist in seinem Schreiben auch auf das „Almosen geben“ eingegangen. Er ist der Meinung, wir sollten ruhig Geld verschenken, uns aber vor der Frage hüten, ob der Beschenkte das Geld auch vernünftig benutzt.
Wie nehmen Sie Papst Leo XIV. nach gut einem Jahr im Amt wahr?
Ich kannte Papst Leo vor seiner Wahl nicht persönlich. Seine ersten Worte: „Der Friede sei mit euch allen“ haben sich als eine Art Leitmotiv erwiesen. Am 11. April rief der Papst weltweit zum Gebet für den Frieden auf und sagte u.a.: „Haltet ein. Es ist Zeit für den Frieden. Setzt euch an den Tisch des Dialogs.“ Auch seine Aussage „Das Böse wird nicht siegen“ hat mich beeindruckt.
Ihre Predigt bei der Firmung im November in Frechen hat offenbar viele Menschen berührt. Gehen Ihnen Predigten leicht von der Hand?
Nein, ich ringe oft lange um eine Inspiration für eine Predigt. Ich überlege mir etwas, bete darüber, verwerfe den Gedanken wieder und die Zeit bis zur Predigt verrinnt. Wenn der Kerngedanke ausbleibt, bete ich manchmal: „Lieber Gott, jetzt schickt mir endlich eine gute Idee oder du blamierst dich.„ Oft kommt die Erleuchtung im letzten Moment.
Ihr Vortrag richtet sich auch an Menschen, die nicht oder nicht mehr der Kirche angehören. Wie können sie sich angesprochen fühlen?
Einsamkeit, Depression oder materielle Not betrifft viele Menschen. Not zu sehen und zu helfen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In vielen Bereichen engagieren sich daher in der Caritas auch Menschen, die auf der Suche nach Gott sind oder gerade eine „Auszeit“ mit der Kirche haben.
Sie gehen mitunter ungewöhnliche Wege, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. So saßen Sie an der Treppe des Kölner Doms und sprachen mit Passanten. Was versprechen Sie sich davon?
Ich probiere gerne neue Wege aus und überlege: Wo begegne ich Menschen, die mit Kirche wenig Kontakt haben? Dazu helfen mir vor allem Alltagssituationen, z.B. eine offene Sprechstunde auf einer öffentlichen Treppe anzubieten. Solche kreativen Situationen machen mir Spass.
Was sollen die Zuhörer aus Ihrem Vortrag in Frechen mitnehmen?
Ich hoffe, dass die Zuhörer Interesse daran bekommen, das Schreiben des Papstes zu lesen, und dass sie danach den Armen in ihrer Umgebung mit wachem und liebevollem Herzen begegnen.
Zur Person
Ansgar Puff wurde 1956 in Mönchengladbach geboren und 1987 zum Priester geweiht. 2013 wurde er Weihbischof in Köln. 2021 räumte Puff im Rahmen der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln ein, Vorwürfen gegen einen ihm unterstellten Priester nicht konsequent genug nachgegangen zu sein und bat um seine vorläufige Beurlaubung als Weihbischof.
Ein halbes Jahr später wurde der von ihm angebotene Rücktritt von Papst Franziskus nicht angenommen. Während seiner Beurlaubung arbeitete Puff u.a. in der Obdachlosenseelsorge; eine Erfahrung, die ihn „innerlich verändert“ hat, wie er später schrieb.
Termin
Freitag, 15. Mai, 19.30 Uhr im Pfarrsaal St. Ulrich, Kirchenkamp 5, Frechen – Buschbell. Der Eintritt ist frei.