Fast die Hälfte der Mehrkosten beim Stadtbahn-Ausbau entfällt auf die Suche nach Kampfmitteln. Experten halten den Aufwand dennoch für unverzichtbar.
Millionen für BombensucheStadt Köln lässt die Bonner Straße zentimeterweise ausheben

Die Stadt Köln hat das Baufeld auf der Bonner Straße aufwendig nach Weltkriegsbomben absuchen lassen.
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Die Verdoppelung der Kosten für den Bau der Nord-Süd-Stadtbahn auf der Bonner Straße hat im Rathaus für Verärgerung gesorgt. Der Bau der Gleistrasse und vier neuer Haltestellen wird, wie berichtet, mindestens 160 Millionen Euro kosten – eingeplant hatte die Stadtverwaltung dafür 84 Millionen Euro. In Zeiten knapper Kassen fällt das besonders stark ins Gewicht. Mehrere Fraktionen im Stadtrat üben jetzt Kritik an Mobilitätsdezernent Ascan Egerer und werfen ihm vor, das Projekt nicht im Griff zu haben. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Wie begründet der Mobilitätsdezernent die drastische Kostensteigerung?
Egerer verweist darauf, dass es vor allem die aufwendige Suche nach Weltkriegsbomben gewesen sei, die für die Kostenexplosion verantwortlich sein soll. Fast die Hälfte der Kostenerhöhung entfällt tatsächlich auf die Sondierung und Beseitigung von Kampfmitteln: rund 31 Millionen Euro. Die ungewöhnlich engmaschige Suche habe dazu geführt, dass sich das Projekt zeitlich nach hinten verzögert habe, argumentiert Egerer. Das wiederum habe weitere zusätzliche Kosten nach sich gezogen, etwa, weil externe Bauunternehmen deutlich länger auf der Baustelle arbeiten mussten, als zuvor geplant war. Als dritten Grund nennt Egerer, dass das Projekt erst mit Verspätung angefangen hat. So gab es etwa Proteste gegen die Baumfällungen entlang der Bonner Straße und zwei Klagen gegen das Planfeststellungsverfahren. Die ursprünglich 2015 kalkulierten Baupreise waren bis zum Baubeginn 2020 bereits gestiegen. Da Egerer erst im November 2021 neuer Kölner Verkehrsdezernent wurde, fiel dieser Teil des Projekts allerdings in die Verantwortung seiner Vorgängerin Andrea Blome.
Wie läuft die Suche nach Weltkriegsbomben konkret ab?
Das gesamte Baufeld mit einer Länge von 2,1 Kilometern und der vollständigen Breite der Bonner Straße von Hauswand zu Hauswand muss auf mögliche Weltkriegsbomben untersucht werden. an jedem im Einsatz befindlichen Mobilbagger werden laut der Stadt Feuerwerker eingesetzt. „Dabei findet der Aushub nach Anweisungen des Feuerwerkers lagenweise und zentimeterweise statt, wobei die Tiefe der Lagen maximal zehn Zentimeter beträgt“, sagt ein Stadtsprecher. Die Erdarbeiten sowie die anschließenden Kabel- und Verfüllarbeiten hätten sich dadurch erheblich verzögert, sagt Egerer.

So soll die Bonner Straße in Zukunft aussehen.
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Warum ist dieser hohe Aufwand denn überhaupt notwendig?
Das hängt unmittelbar damit zusammen, dass zwischen März und Juli 2022 drei britische Weltkriegsbomben während der Bauarbeiten entdeckt wurden – alle lagen oberflächennah. Daraufhin gab es aus Sicherheitsgründen einen sechsmonatigen Baustopp. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland der Bezirksregierung Düsseldorf überarbeitete in dieser Zeit das Bauverfahren und empfahl die minutiöse Untersuchung des Erdreichs und die enge Begleitung der Grabungen. Erschwerend kam laut der Stadt Köln hinzu, dass sich im Baugrund viele Leitungen befinden, die in keinem Lageplan verzeichnet sind – vermutlich, weil sie beim Wideraufbau Kölns nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Dokumentation verlegt wurden. Auf der Bonner Straße ist im Untergrund außerdem besonders viel Schutt zu finden, der die Suche nach Kampfmitteln erschwert.
Sind bei den Sondierungen noch weitere Weltkriegsbomben gefunden worden?
Ja, neben den drei bereits erwähnten Bomben kamen im Februar, März und August 2023 noch drei weitere hinzu. Insgesamt gab es auf der Bonner Straße bislang also sechs Funde.
Warum war bei einem Projekt dieser Größenordnung nicht von Anfang an ein ausreichendes Budget für die Kampfmittelsuche vorgesehen?
Stefan Hansen, Geschäftsführer des Kölner Unternehmens KMBS Kampfmittelbeseitigung & Service, erklärt, dass vor zehn bis 15 Jahren noch nicht so ein großes Bewusstsein für die Thematik existiert habe. „Es werden inzwischen mehr Kampfmittel entdeckt, weil einfach viel mehr gebaut wird als früher“, sagt er. Insbesondere aufgrund der vermehrten Funde von Blindgängern und anderen Kampfmitteln müssten Bauvorhaben heute mit einem höheren Untersuchungs- und Sicherheitsaufwand rechnen. „Insbesondere in den vergangenen drei bis fünf Jahren sind die Anforderungen und der Umfang der notwendigen Untersuchungen im Vergleich zu den vorherigen Jahrzehnten deutlich gestiegen“, sagt Hansen. Die Planungen für den Bahnbau auf der Bonner Straße stammen aus dem Jahr 2015. In Hamburg werde die Kampfmittelsondierung bereits seit vielen Jahren intensiver berücksichtigt, sodass die damit verbundenen Kosten oft von Beginn an in die Projektkalkulation einfließen würden, sagt Hansen. Es handele sich mittlerweile um einen selbstverständlichen Bestandteil der Bauvorbereitung.
Weshalb ist die intensive Suche nach Weltkriegsbomben so wichtig?
„Aus meiner Sicht stehen die hierfür entstehenden Kosten in keinem Verhältnis zu den möglichen Folgen eines nicht erkannten Kampfmittels“, sagt Experte Hansen. Vergleichbar sei das mit Schranken und Signalanlagen an Bahnübergängen: Obwohl ein Zug nur für wenige Sekunden einen Übergang passiert, werden erhebliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um ein seltenes, aber potenziell katastrophales Ereignis zu verhindern. „Die Kampfmittelsondierung verfolgt denselben Grundsatz – Risiken mit schwerwiegenden Folgen so weit wie möglich zu minimieren“, sagt Hansen.
