Satirischer WochenrückblickAbschied von der Mittagsruhe

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Bärbel und Wilfried Weiershäuser in ihrem Kleingarten in der Anlage Ruhlach in Leverkusen Opladen

Die Kleingartensaison geht wieder los. In Köln gibt es keine von der Stadt verordnete Mittagsruhe mehr. Foto: Hendrik Geisler

Das Wasser ist aufgedreht, die Kleingartensaison eröffnet. Mit einer Revolution in Köln: Es gibt keine von oben verordnete Mittagsruhe mehr.

Zu den höchsten Feiertagen im Kleingärtner-Jahr neben dem Vereinsfest, dem Sommerfest, dem Wegefest und Erntedank zählt der Moment, an dem das Wasser aufgedreht wird und der Vorstand zur ersten Gemeinschaftsarbeit des Jahres aufruft.

Das ist spätestens Ende März der Fall. Dann stürmen die Laubenpieper mit ihren Pachtbüchern als Nachweis jene Gartencenter, die ihnen einen großzügigen Pflanzenrabatt einräumen, weil sie im Grunde vom ersten Frühbeet an zur Versorgungssicherheit der Bevölkerung einer Millionenstadt beitragen.

Da sind sie großzügig. Was will man schon mit den vielen Erdbeeren, die alle zur gleichen Zeit reif sind? Oder mit der neuen Ernte, wenn der Apfelmus aus den vergangenen drei Jahren nicht aufgebraucht ist?

20 Prozent auf alles. Außer auf Deko. Damit lockt man den Gartenfreund. Und natürlich auch die Freundin. Bei gurgelnden Tonfröschen und strohigen Osterhasen für die Freifläche vor der Gartenlaube ist der Konflikt zwischen den Geschlechtern vorprogrammiert, wenn wir mal nur von Frau und Mann ausgehen. Alles andere wäre jetzt zu kompliziert.

Egal. Wenn das Wasser läuft und die Toilette am Vereinsheim wieder genutzt werden kann, geht alles seinen gewohnten Gang. Der Hochbeet- und Feldbesteller sät, als gäbe es kein Morgen. Der Traditionalist öffnet sein Waffenarsenal und rückt dem Rasen, der sich über den Winter von einem englischen Grün in die Jahnwiese verwandelt hat, mit Mäher und Rasenkanten-Schneider zu Leibe. Der Freizeitcamper bringt Planschbecken und Trampolin in Stellung, und der Verwahrloser macht nichts.

Alles wie immer. Das allein birgt schon jede Menge Konfliktpotenzial. Doch in diesem Jahr könnte es eskalieren, weil kaum jemand mitbekommen hat, dass die Stadt Köln hat in der neuen Kleingartenordnung die Mittagsruhe abgeschafft hat.

Das war seit Kleingärtnergedenken die Zeit zwischen 13 und 15 Uhr, in der sich alle belauerten, ob nicht doch irgendwo das Knicken eines Grashalms zu vernehmen war. Jetzt muss jeder Verein selbst entscheiden, ob überhaupt und – falls ja – zu welcher Uhrzeit Mittagsruhe herrschen soll. Außer sonntags. Da ist Sonntagsruhe.

Was zur Folge hat, dass kaum jemand noch den Posten des Schriftführers im Vorstand übernehmen will. Es könnte ja jemand darauf bestehen, die gesamte Diskussion darüber die Mittagsruhe im Wortprotokoll nachlesen zu wollen.

Vorschlag zur Güte: Mittagsruhe ist immer dann, wenn alle den Kaffee aufhaben. Darüber kann es auch schon mal Abend werden.

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