Wenig hat sich verändert, seit Martin Öchsner vor 25 Jahren auf dem versteckten Ascheplatz im Blücherpark die ersten Kinder und Jugendlichen zum etwas anderen Fußballtraining begrüßte. Er kommt immer noch mit dem Rad – Hütchen, Leibchen und Ballpumpe im Gepäck. Die Bälle bringen die Kinder mit.
Begonnen hat alles, weil ein paar Eltern, deren Kinder in einem ganz normalen Verein Fußball spielten, aber dort irgendwie nicht glücklich waren, per Annonce einen Sportstudenten suchten, der die Gruppe übernimmt und einmal pro Woche trainiert. Öchsner war zwar kein Sportstudent, sondern angehender Sozialarbeiter, aber der Einzige, der geantwortet hatte. Er bekam den Job.
Ein Vierteljahrhundert und mindestens 1000 Kinder später trainiert der 53-Jährige mit Vorwärts Blücherpark immer noch hier. Viermal pro Woche. Auch wenn der Andrang nicht mehr so groß ist. Öchsners Fußball-Philosophie ist aktueller denn je. Ihn fasziniert das Spiel an sich. Tore, Punkte und Tabellen interessieren ihn nicht.
Kinder wollen sich im Wettkampf beweisen. Wie gehen sie damit um, dass für den Trainer Sieg und Niederlage keine Rolle spielen?
Es ist schon so, dass wir die Tore zählen und einen Sieger ermitteln. Das hat aber keine Konsequenzen. Ein Lob ausschließlich für das Ergebnis gibt es bei mir nicht.
Da muss die Enttäuschung doch groß sein?
Nein. Bei den Kleinsten spielen wir am Ende des Trainings das, was ich gerne als Actionfußball bezeichne. Ich bringe mehrere Bälle ins Spiel und Spieler, die ihn ins Aus oder ins Tor schießen, müssen ihn holen und wieder parat legen. Das führt dazu, dass jeder seine Aktionen bekommt. So kann man zurückhaltende Kinder gut einbeziehen. Dabei fallen so viele Tore, dass sie eh keiner mehr zählen kann.
Und was ist mit dem Ergebnis?
Es gibt keins. Wenn ich danach gefragt werde, geht das nahezu immer unentschieden aus. Und frage ich die Kinder dann, was es für eine Bedeutung hätte, wenn ich zwei Zahlen nenne. Es ist doch Unsinn, dass sich nach dem Spiel einer schlechter oder besser fühlt, nur weil ich zwei Zahlen nenne. Samstags, wenn wir nur spielen und nicht trainieren, ist das alles noch viel einfacher.
Warum?
Die Kinder teilen die Mannschaften selbst ein. So wie wir das als Kinder auf der Straße auch gemacht haben. Sie spielen auch mal mit allen Altersklassen und stellen so auf, dass die Teams möglichst ausgeglichen sind. Es gibt immer einen Spielleiter, der selbst mitspielt und strittige Fälle regeln muss. Mit dem Ziel, Diskussionen zu vermeiden und im Sinne des Spiels zu entscheiden.

Mit Feuereifer bei der Sache: Tore, Punkte und Tabellen sind bei Vorwärts Blücherpark nicht von Belang. Foto: Michael Bause
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Im Sinne des Spiels? Was soll das heißen?
Bei unklaren Situationen wird zugunsten der unterlegenen Mannschaft entschieden. Wenn eine Mannschaft führt, zählt das Tor eher nicht, liegt sie zurück, wird es vorzugsweise gezählt. Wenn das Ergebnis doch zu deutlich wird, verkleinern wir das eine und vergrößern das andere Tor. Ein 8:8 ist doch viel spannender als ein 8:0.
Das gibt es keine Proteste?
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eingreifen musste, weil es Stress oder Streit gab. Das ist schon bemerkenswert. Es herrscht eine derart positive, optimistische, freudvolle und irgendwie auch friedliche Atmosphäre, dass ich mitunter nur froh bin, dabei sein zu dürfen.
Bei den Jüngsten hat der DFB vor ein paar Jahren den Ergebnisfußball auch abgeschafft. Dort spielen die Kleinsten bis zum zweiten E-Junioren-Jahr auf vier Mini-Tore.
Das ist eine positive Entwicklung. Mir geht das aber nicht weit genug. Dass die kleineren Vereine entgegen jeglicher Vernunft und Erkenntnis immer noch am Ergebnis-Paradigma festhalten, ist für mich Provinzdenken. Es ist der falsche Weg, in allem den Profis nachzueifern.
Was ist damit gemeint?
Ich kenne kein Spiel, bei dem die Schiedsrichter derart respektlos behandelt werden, bei dem jedes Mittel zum Sieg recht ist. Das fängt mit den Schwalben an. Bei jedem Einwurf und jedem Eckball reklamieren beide Parteien den Ball für sich, auch wenn eindeutig ist, wer ihn ins Aus geschossen hat. Die sogenannten Experten wie Lothar Matthäus loben die schauspielerische Leistung des Gegners. Selbst auf der untersten Ebene ist mittlerweile jedes Mittel recht. Hauptsache, es führt zum Erfolg. Ich erinnere nur an den FC Pesch II in der vergangenen Saison in der Kreisliga A. Der klagt erfolgreich gegen eine Spielwertung, um den Abstieg zu vermeiden. Am Ende bekommt er recht und tritt beim Wiederholungsspiel mit dem höherklassigen Landesliga-Kader an. Der Leidtragende ist der SC West, der nachträglich absteigen muss, obwohl er damit gar nichts zu tun hat.
Und das ist bei Vorwärts Blücherpark anders?
Ich sage das mal klar und deutlich. Wem eine simple und oberflächliche Bewertung nach Toren und das Bewegen in vorgefertigten, möglicherweise längst überholten Strukturen reicht, der spielt Vereinsfußball. Wer das Spiel in größerer Breite und Tiefe lernen und erleben möchte, es auch als Ausdrucksform von Kunst begreift und eine gewisse Freiheit erleben möchte, kommt in den Blücherpark.
Was unterscheidet Ihr Training heute von dem vor 25 Jahren?
Ich war früher wesentlich verbissener in meinen Ansichten, wollte beim Training den Kindern auch etwas vermitteln. Das Kurzpass-Spiel zum Beispiel. Heute gebe ich nicht mehr vor, wie gespielt werden soll. Ich versuche, verschiedene Spielstile zu vermitteln. Die Grundsatzfragen halt: Spiele ich mann- oder raumorientiert, greife ich hoch an, will den Ball früh erobern, oder stehe ich eher tief. Mit anderen auf dem Platz zu stehen und einem bestimmten Plan zu folgen, ist für mich der Reiz. Und dabei jedem genügenden Freiraum zu lassen.
Das klingt so, als hätte der Verein noch viele Jahre vor sich.
Davon kann man ausgehen. Mir macht das hier unheimlich viel Freude. Schiller hat mal gesagt, der Mensch sei nirgends mehr Mensch, als wenn er spielt. Wir nehmen eines der fantastischsten Spiele, das der Mensch sich ausgedacht hat, und reduzieren es auf das Zählen der Tore und das Gewinnen. Obendrauf ist es auch noch egal, mit welch billigen oder sogar unlauteren Mitteln dieses Ziel erreicht wird. Das ist doch fast schon traurig.
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