Schachboxen verbindet geistige und körperliche Höchstleistungen zu einem Sport. Der Kölner Verein Chessboxing Cologne will die Weltmeisterschaft in Zukunft nach Köln holen.
Kampf mit KöpfchenWie Köln zur Hochburg für Schachboxen werden will

Beim Training des Schachbox-Vereins „Chessboxing Cologne“ wechseln sich Boxen und Schach ab.
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Birk Fischer sitzt schwer atmend vor einem Schachbrett. Seine Hände sind bandagiert, in den Haaren glänzt Schweiß. Er zieht den Springer und drückt sofort auf die Schachuhr. Keinen Meter neben ihm liegen die Boxhandschuhe auf dem Boden. Genau jetzt ist der Zeitpunkt, an dem die meisten Fehler passieren. Wenn gerade das Adrenalin aus der ersten Boxrunde beim Schach das Denken erschwert, muss Birk konzentriert bleiben.
Der Deutsche Meister im Schachboxen trainiert am Tag seines 18. Geburtstags beim Kölner Verein „Chessboxing Cologne“. Schachboxen wurde 2003 in Berlin erfunden. Die Kämpfer beginnen mit einer dreiminütigen Schachrunde, nach einer Minute Pause folgen drei Minuten Boxen, dann folgt wieder Schach. Nach WM-Regeln gibt es fünf Runden, bis der Kampf in jedem Fall vorbei ist. Gewinnen kann ein Kämpfer am Brett durch Schachmatt oder Zeitablauf und im Ring durch K.o. oder drei Anzähler pro Runde.
Das Training des Vereins „Chessboxing Cologne“ findet in einem Mehrzweck-Studio in einer kleinen Gasse in der Nähe des Mediaparks statt. An diesem Tag ist es dort leer auf den Straßen. Der Schachboxverein trainiert bewusst sonntags – dann komme auch nur, wer wirklich kämpfen will, sagt Trainer Denno Probst. Die Kölner Schachboxer wollen nicht nebenbei ein bisschen Sport machen, sie wollen Titel gewinnen. Bei der Weltmeisterschaft 2023 holten die Kämpfer sechs Goldmedaillen nach Hause (wir berichteten). Seitdem ist die Szene weiter gewachsen. 2026 findet die Weltmeisterschaft vom 15. bis zum 22. November in Istanbul statt und die Kölner wollen wieder hin.
Schachboxen in Köln: 4:30 Minuten für den Sieg
„Hier trainieren wir die Weltmeister“, sagt Probst. Der Raum ist kaum größer als eine Studentenwohnung und vollständig mit Matten ausgelegt. An der Wand hängt ein Spiegel, am Rand stehen Paletten, aus denen später Tische zum Schachspielen werden. Heute leitet Trainer Ameen Hogar seine Kämpfer an. Zusammen mit Probst hat er den Verein gegründet. Den Kopf rollen, die Hüfte mobilisieren, Mountain-Climbers und Liegestütze: Beim Aufwärmen ist nichts ungewöhnlich.
Dann ruft Hogar auf einmal: „Schach!“ Auf den Holzpaletten bauen die Spieler routiniert die Schachbretter auf. Die Uhren starten gleichzeitig. Viereinhalb Minuten hat jeder Spieler Zeit, um den Gegner am Brett zu schlagen. Martin Neu besetzt das Zentrum, entwickelt seine Figuren und hat nach kaum einer Minute einen Springer gewonnen. Er spielt seit 15 Jahren Schach und siegte im vergangenen Jahr bei einem internationalen Event in London.

Gespielt wird Blitzschach, nach drei Minuten unterbrechen die Spieler die Partie und boxen.
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Martin und Birk kommen aus demselben Schachverein. Sechs Leute sind an diesem Sonntag beim Training, sie kommen etwa zu gleichen Teilen vom Boxen und vom Schach. „Meistens gewinnt der bessere Schachspieler“, sagt Trainer Denno Probst. Ein K. o. sei eher selten, die meisten Siege kämen durch Zeitüberschreitung beim Blitzschach zustande. „Von Grund auf Schach zu lernen, ist schwerer als von Grund auf Boxen zu lernen“, sagt Probst.
Doch auch letzteres hat seine Tücken. Nach der Aufwärmrunde im Schach folgen Technikübungen im Boxen. In Zweierpaaren üben die Boxer, während Hogar den Anfängern die Grundregeln erklärt: In der Kampfstellung muss ein Ball durch die Beine rollen können, Schläge kommen immer aus der Hüfte und die Hände bleiben stets oben zur Verteidigung. Birk, Martin und der Rest üben spezielle Abfolgen: einem geraden Schlag folgt ein Konter des Partners, dann Ausweichen und zwei Haken in den Bauch.
Deutscher Meister durch K.o.
„Wenn ich mich jetzt für eine Sache entscheiden müsste, dann für Boxen“, sagt Birk. Wie viele der Schachboxer ist er parallel noch in einem reinen Box-Verein. „Ich liebe es, Sport zu machen, und Schach und Boxen zusammen macht einfach Spaß“, sagt der 18‑Jährige. Seit dem Frühling 2025 trainiert er bei „Chessboxing Cologne“. Die Deutsche Meisterschaft in Essen hat der Mittelgewichtler per K.o. gewonnen. Im vergangenen Jahr gewann er bei der Weltmeisterschaft Silber, ist dafür extra in ein Dorf in Serbien gereist. In diesem Jahr setzt er aus, denn die 1000 Euro für die Reise kann er sich als Schüler nicht jedes Jahr leisten.

Der Deutsche Schachboxmeister Birk Fischer (Elo etwa 1700) an seinem 18. Geburtstag nach dem Training.
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„Schlag den ruhig in den Bauch, der hat gerade gegessen“, ruft Ameen Hogar und grinst. Das Training ist in die Sparringsphase übergegangen. Mit Zahnschutz im Mund tänzeln die Schachboxer umeinander herum und versuchen, Treffer zu landen. In den Pausen unterhalten sie sich über den Boxkampf des Jahres: Filip Hrgović hat Ende August Shootingstar Moses Itauma K.o. geschlagen.
Fitnesscoach Denno Probst boxt, seit er elf Jahre alt ist. Zum Schach hat er während der Corona-Zeit über die Netflix-Serie „Das Damengambit“ gefunden und schließlich „Chessboxing Cologne“ ins Leben gerufen. Die Kölner sind mit etwa 40 Mitgliedern der größte Schachbox-Club Deutschlands. Weltweit haben Russland und Frankreich die größten Verbände. „Chessboxing Cologne“ will auch in Deutschland die Strukturen verbessern. „Das ist in diesem Jahr unsere Priorität“, sagt Denno Probst. Er möchte eine deutsche Liga gründen und Schachbox-Events in Köln organisieren. „Wenn wir Sponsoren gewinnen, dann können wir die WM nach Köln holen.“
Wer besser spielt, boxt defensiver
Schachmatt und Zeitablauf beenden die Kämpfe bei diesem Training in der Probsteigasse, niemand geht K.o.: Bei einem echten Kampf wäre noch viel mehr Taktik dabei. Als Martin Neu in London gekämpft hat, hat das Team die Elo (Wertungszahl für die Spielstärke von Schachspielern) und die Schwächen seiner Gegner recherchiert. Je nach Ergebnis ändert sich die Taktik. Wer selbst besser im Schach ist, boxt defensiver, geht also ein geringeres Risiko ein, um nicht K.o. zu gehen.
Birk Fischer kann beides. Als „ganzheitlichen Schachboxer“ bezeichnet sein Trainer ihn deswegen. Die letzte Runde setzt er heute aus, in seinem Gesicht prangt ein roter Striemen von früheren Trainingseinheiten. Er zieht seine Boxhandschuhe aus. In den nächsten Jahren will er noch einmal zur WM und mit „Chessboxing Cologne“ Gold gewinnen.