Der Lebenslagenbericht zeigt: Für Kinder in Köln gibt es mehr Betreuung und mehr Möglichkeiten zur Teilhabe. Doch welchen Abschluss ein Kind macht, hängt stark von dessen Herkunft ab.
Kölner LebenslagenMehr Ganztag, mehr Inklusion, alte Ungleichheiten

Im zweiten Teil unserer Serie zum Lebenslagenbericht geht es um Kinder und Jugendliche in Köln (Symbolbild).
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Wenn Marie Schmitz dieses Jahr in Köln eingeschult würde, träfe sie auf ein Bildungssystem, das sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. Es gibt mehr Betreuungsplätze, mehr Ganztagsangebote und mehr Möglichkeiten für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, eine Regelschule zu besuchen. In einigen Bereichen sind die Voraussetzungen für Bildung und Teilhabe also besser geworden.
Ob Marie diese Chancen tatsächlich nutzen kann, hängt allerdings weiterhin stark davon ab, in welchem Stadtteil sie aufwächst, welchen Bildungsabschluss ihre Eltern haben und ob sie eine internationale Familiengeschichte hat. Die Unterschiede zwischen den Vierteln sind in den vergangenen fünf Jahren deutlicher geworden. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit größer geworden, dass Marie Schmitz im Laufe ihrer Jugend Erfahrungen machen wird mit psychischen Problemen und Sucht.
Bessere Teilhabe und Versorgung für die Jüngsten in Köln
Marie Schmitz gibt es nicht. Sie ist eine statistische Figur, zusammengesetzt aus Durchschnittswerten und typischen Lebenslagen aus dem zweiten Kölner Lebenslagenbericht. Der mehr als 400 Seiten starke Bericht gibt in großer Detailtiefe Einblick in das Leben der Kölnerinnen und Kölner. Im ersten Teil unserer Serie haben wir gezeigt, wie Marie als erwachsene Kölnerin wohnt, mit welchem Einkommen sie auskommen muss und wie ungleich die Lebensbedingungen in den Stadtteilen verteilt sind. In diesem Teil geht es um die Kinder und Jugendlichen in Köln und um das Bildungssystem – also um die Bedingungen, unter denen Marie Schmitz aufwächst.
Marie ist eines von rund 176.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in Köln. Sie machen rund ein Viertel der Stadtbevölkerung aus. Rund 60 Prozent dieser jungen Menschen haben eine internationale Familiengeschichte. Das sind deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung Kölns, dort liegt der Anteil bei 42 Prozent.
Wenn Marie Schmitz eingeschult wird, hat sie mit großer Wahrscheinlichkeit bereits als unter Dreijährige eine Kita besucht. Die Versorgungsquote stieg in dieser Altersgruppe von 40 Prozent im Jahr 2018 auf 49 Prozent im Jahr 2023. Bei über Dreijährigen stieg sie auf fast hundert Prozent an. Und die Werte stiegen im Folgejahr erneut.
Auch in der Grundschule wird mehr Betreuung angeboten. Die Ganztagsquote stieg von 77 Prozent im Schuljahr 2018/19 auf 85 Prozent im Schuljahr 2024/25. Damit lag Köln laut Bericht an der Spitze Nordrhein-Westfalens.
Sollte Marie Schwierigkeiten beim Lernen haben und sonderpädagogischen Förderbedarf aufweisen, trifft sie heute auf ein System, das mehr inklusive Bildung ermöglicht. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die an Regelschulen unterrichtet werden, stieg von 54 Prozent auf 57 Prozent.
Doch wie erfolgreich Maries Bildungsweg verläuft, ob sie ein Gymnasium besucht und welchen Abschluss sie macht – selbst wie es um ihre Gesundheit bestellt ist –, hängt weiterhin stark davon ab, in welchem Stadtteil sie wohnt und welche familiären Voraussetzungen sie mitbringt.
Empfehlungen fürs Gymnasium ungleich
Unter Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund besuchten im Schuljahr 2023/24 40 Prozent ein Gymnasium. Bei Schülerinnen und Schülern ohne Migrationshintergrund waren es 55 Prozent. Unter Schulabgängerinnen und Schulabgängern mit ausländischer Staatsangehörigkeit sank der Anteil mit (Fach-)Hochschulreife von 28 auf 20 Prozent. Während der städtische Durchschnitt stabil bei 47 Prozent liegt, wächst der Abstand zwischen den Gruppen.
Noch gravierender fallen die Unterschiede beim Blick auf die Stadtteile aus. Wächst Marie Schmitz in Lindenthal auf, liegt der Anteil der Gymnasialempfehlungen dort laut Bericht bei mehr als 74,7 Prozent. In Chorweiler liegt er dagegen bei höchstens 7,2 Prozent. Im Vergleich zum ersten Bericht sind die höchsten Quoten weiter gestiegen, während die Bildungsungleichheit am unteren Ende fortbesteht.
Auch in Höhenberg erhalten Kinder nur stark unterdurchschnittlich häufig eine Gymnasialempfehlung. Martin Süsterhenn leitet die dortige Katharina-Henoth-Gesamtschule und sagt: „Wir haben so unendlich viele Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen. Sie kommen mit ganz anderen Voraussetzungen hier an.“

Martin Süsterhenn leitet seit zwölf Jahren die Katharina-Henoth-Gesamtschule in Höhenberg.
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Süsterhenn nennt Armut der Eltern als Faktor, der sich auf die Bildungschancen der Kinder auswirkt. „Bei unseren Kindern wird abends nicht vorgelesen. Ihre Eltern erleben eine andere Belastung, die rein existenzielle Nöte betrifft.“ Die Unterschiede aufzufangen, schaffe das Bildungssystem nicht umfänglich. Süsterhenn sagt: „Wir bräuchten mehr Zeit mit den Kindern, müssen aber knallhart das Curriculum umsetzen.“
Alarmierende Zahlen bei Sucht und psychischen Problemen
Die Unterschiede zeigen sich auch schon bei der Gesundheit. Bei der Einschulung waren im übrigen Stadtgebiet acht Prozent der Kinder übergewichtig. In den Sozialraumgebieten, also in besonders belasteten Stadtteilen, waren es dagegen 15 Prozent.
Alarmierend ist außerdem der Anstieg der Beratungsfälle beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst. Ihre Zahl stieg von 569 Fällen im Jahr 2017 auf 871 im Jahr 2023 – ein Zuwachs von 53 Prozent. Das ist allerdings kein direkter Beleg dafür, dass psychische Erkrankungen im selben Umfang zugenommen haben; die Zahlen zeigen zunächst eine wachsende Nachfrage nach Beratung.
Bei der Smartphone-Nutzung geht der Bericht von rund einem Viertel aller Jugendlichen aus, die Anzeichen einer Smartphonesucht zeigen – deutlich mehr als noch vor fünf Jahren. Auch hierbei handelt es sich um eine Schätzung auf Grundlage anderer Studien. Beim Cannabiskonsum verzeichnet der Bericht seit dem ersten Lebenslagenbericht einen geschätzten Anstieg um neun Prozent.
Schafft Marie Schmitz trotz dieser Hürden einen Schulabschluss, stehen ihr zwar viele Wege offen – zugleich trifft sie auf einen Arbeitsmarkt, der in den vergangenen Jahren deutlich angespannter geworden ist. Wie schwierig der Einstieg in Ausbildung und Beruf inzwischen ist, zeigt der nächste Teil unserer Serie.
