2.138 Euro, 77 Quadratmeter, ein Kind: So lebt die Durchschnittskölnerin. Der neue Lebenslagenbericht zeigt aber auch, wie stark die Realität vieler Menschen davon abweicht.
Neue SerieLebenslagen in Köln – So wohnt, arbeitet und lernt die durchschnittliche Kölnerin

Die Serie begleitet die Standard-Kölnerin Marie Schmitz durch drei Phasen ihres Lebens: als Kind und Jugendliche, als Erwachsene, als Seniorin.
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Ob Marie Schmitz lieber zum 1. FC Köln oder zu den Kölner Haien geht, wissen wir nicht. Auch nicht, wo sie am liebsten den Karneval feiert und welches Kölsch ihr am besten schmeckt. Alle anderen wichtigen Eckdaten aus Marie Schmitz’ Leben sind uns allerdings bekannt: Sie ist 43 Jahre alt, wohnt in einer 77 Quadratmeter großen Wohnung, hat ein Kind und verdient 2.138 Euro im Monat. Ein Drittel davon gibt sie für die Miete aus. Ganz schön viel, wie sie vermutlich findet. Doch eine neue Wohnung zu finden, die auch noch günstiger ist, das dürfte schwierig werden in Köln.
Marie Schmitz ist eine fiktive Bewohnerin Kölns, zusammengesetzt aus Durchschnittswerten und typischen Lebenslagen. Sie soll für diese Serie Statistiken aus einem Bericht der Stadt veranschaulichen, der die Lebenslage der Kölnerinnen und Kölner untersucht. Eine Frau übrigens, da 51 Prozent der Menschen in Köln weiblich sind. Zum zweiten Mal ist der Bericht nun erschienen und gibt in großer Detailtiefe Einblick in das Leben der Kölnerinnen und Kölner – wie sie leben, arbeiten, wie gut sie gebildet sind und wie es um ihre Gesundheit bestellt ist.
Er zeigt aber auch, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten in dieser Stadt aussehen. Die Lebensrealität der meisten Kölnerinnen und Kölner weicht von der Kunstfigur ab. Trotzdem hilft ein Einblick in ihr Leben, um zu verstehen, wie es den Bewohnerinnen und Bewohnern dieser Stadt geht – und wo Probleme bestehen. Vor allem, weil es sich um den zweiten Bericht handelt und so erlaubt, nachzuvollziehen, wie sich die Lebenslagen seit 2021 verändert haben.
Die Stadt Köln leitet elf Handlungsempfehlungen aus dem mehr als 400-seitigen Bericht ab, nach denen sie ihre Sozialplanung weitergestalten will (siehe nebenstehende elf Ziele).
Mietbelastung Kölner Haushalte gleich geblieben
Schmitz verdient knapp mehr als 2000 Euro netto im Monat. 2022 lag das verfügbare Einkommen (Nettoeinkommen plus Leistungen wie Kindergeld) bei 25.657 Euro pro Einwohnerin und Einwohner im Jahr – rechnerisch rund 2.138 Euro im Monat. Doch schon beim Einkommen zeigt sich, dass die Verteilung ungleich ist. Die zehn Prozent einkommensstärksten Kölnerinnen und Kölner beziehen knapp sechsmal so viel Einkommen wie die einkommensärmsten. Zum anderen ist die Verteilung auch innerhalb des Stadtgebietes ungleich.
Marie lebt als junge Erwachsene zunächst allein, die häufigste Haushaltsform in Köln: 2023 waren 52 Prozent der Haushalte Einpersonenhaushalte. Alleinlebende gibt es besonders unter jungen Erwachsenen und Menschen im mittleren Erwerbsalter; diese Altersgruppen wohnen überdurchschnittlich oft zentrumsnah.
Marie wohnt zur Miete in einem Mehrfamilienhaus. Die Wohnungen in Köln sind im Schnitt 77 Quadratmeter groß; auf die Bevölkerung gerechnet stehen durchschnittlich 40 Quadratmeter pro Person zur Verfügung.
33 Prozent ihres Nettoeinkommens zahlt Marie Schmitz für ihre Wohnung. Die Mietbelastung ist gegenüber 2016 wegen des parallel gestiegenen Einkommens nahezu gleich geblieben. Wer in Köln mehr verdient, gibt sogar einen geringeren Anteil als ein Drittel seines Einkommens für die Miete aus – das bedeutet aber umgekehrt: Wer ohnehin schon wenig verdient, gibt auch häufig mehr als ein Drittel für Miete aus. Bei einem Viertel aller Haushalte (25 Prozent) geht mehr als 40 Prozent des Einkommens für die Miete drauf. Diese Zahl hat sich gegenüber 2016 leicht verbessert, damals waren es noch 27 Prozent. Die Stadt begründet das damit, dass mehr Menschen seit der Reform 2023 Anspruch auf Wohngeld haben. 3,1 Prozent aller Haushalte bezogen im Dezember 2024 Wohngeld, das sind mehr als doppelt so viele wie noch 2018.
Armutsrisiko in Teilen Kölns deutlich höher
Denn die Lebensrealitäten in Köln unterscheiden sich gravierend. Sie hängen unter anderem davon ab, in welchem Stadtteil man wohnt, wie alt man ist, welche Bildungsbiografie man hat, ob man eine internationale Familiengeschichte hat und über welches Einkommen die eigene Familie verfügt.
Das zeigt bereits der Blick auf das Armutsrisiko. Nach europäischer Definition gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) zur Verfügung hat. In Köln betrifft das fast jeden vierten Menschen: 24 Prozent. Gegenüber dem ersten Lebenslagenbericht ist die Quote um einen Prozentpunkt gestiegen.
Doch während das Armutsrisiko in Stadtteilen wie Klettenberg, Junkersdorf und Raderthal unter 12 Prozent beträgt, konzentriert sie sich in Stadtteilen wie Chorweiler, Ostheim, Finkenberg oder Kalk stark, wo teils fast die Hälfte der Bevölkerung armutsgefährdet ist. Hier ist der Anteil der Arbeitslosen besonders hoch, die Bildungsabschlüsse besonders niedrig und sogar die Lebenserwartung sichtbar kürzer als in wohlhabenderen Stadtteilen.
Ungleichheit unter Kölner Stadtteilen verfestigt
Die räumliche Ungleichheit hat sich in den vergangenen fünf Jahren nicht verringert, sondern verfestigt – wie diese Redaktion zuletzt in der mehrteiligen Reportageserie „Abgehängt in Köln – wenn die Postleitzahl entscheidet“ gezeigt hat.
Auch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund ist in armutsgefährdeten Bezirken deutlich erhöht. In Lindenthal haben zwischen 22 und 25 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner einen Migrationshintergrund, in Chorweiler, Finkenberg oder Kalk liegt er über 60 Prozent und bis zu 87 Prozent. Insgesamt hatten 42 Prozent aller Kölnerinnen und Kölner eine internationale Familiengeschichte, drei Prozentpunkte mehr als noch im ersten Lebenslagenbericht.
Die turbulente Weltlage und die angespannte wirtschaftliche Entwicklung schlagen sich auch im Leben unserer statistischen Figur Marie Schmitz nieder. Es ist aber ein widersprüchliches Bild: Der Arbeitsmarkt, der im ersten Lebenslagenbericht noch als Erfolgsgeschichte erschien, hat sich verschlechtert. Die Arbeitslosenquote lag 2023 bei 9 Prozent und damit einen Prozentpunkt höher als im Vergleich zum ersten Bericht. Besonders deutlich ist der Anstieg bei der Langzeitarbeitslosigkeit: Ihre Zahl wuchs von 2018 bis 2024 um 24 Prozent auf 23.987 Menschen.
Auch der Ausbildungsmarkt gerät unter Druck. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um vier Prozent, während die Zahl der Ausbildungsstellen um 19 Prozent zurückging. 2024 kamen in Köln nur noch 1,01 Ausbildungsstellen auf eine Bewerberin beziehungsweise einen Bewerber. Der im Bericht genannte Zielwert liegt bei 1,12.
Chancen in Köln für jüngere Generation verbessert
Besser entwickelt haben sich dagegen die Betreuungs- und Teilhabechancen für die jüngere Generation – also für Marie Schmitz’ Kind. Die Ganztagsquote an Kölner Grundschulen stieg von 77 Prozent im Schuljahr 2018/19 auf 85 Prozent im Schuljahr 2024/25. Im vergangenen Jahr – nach dem Betrachtungszeitraum des Berichts – hat die Stadt das Platzangebot noch weiter ausgebaut. Laut Bericht hatte Köln aber zuvor schon die höchste Quote in Nordrhein-Westfalen.
Auch der Inklusionsanteil an Regelschulen ist um drei Prozentpunkte auf 57 Prozent gestiegen. Mehr Betreuungsplätze gibt es auch im Vorschulalter. Die Kita-Versorgungsquote stieg bei den Drei- bis unter Sechsjährigen von 96 Prozent im Jahr 2018 auf 98 Prozent im Jahr 2023. Bei den unter Dreijährigen erhöhte sie sich von 40 auf 49 Prozent. Auch diese Werte stiegen im vergangenen Jahr erneut.
Im nächsten Teil wachsen wir mit Marie Schmitz auf: In ihrer Kindheit und Jugend steht das Thema Betreuung und Bildung im Vordergrund. Im dritten Teil gehen wir mit Marie Schmitz durch ihr Leben als erwerbstätige Erwachsene; Fokus wird der Arbeitsmarkt in Köln und seine Herausforderungen. Im vierten Serienteil ist Marie Schmitz Seniorin und sucht Betreuung und Pflege in Köln.


