Viele Wohnungen passen nicht zur Lebensrealität von einem Elternteil mit Kindern. Dabei gibt es Ideen für mögliche Lösungen.
Ein Zimmer zu wenigWohnraum für Alleinerziehende ist in Köln besonders knapp

In Köln organisieren laut dem Statistischen Jahrbuch 2024 in rund 22,5 Prozent aller Familienhaushalte alleinerziehende Elternteile den Alltag. (Symbolbild)
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Frau A. wohnt mit ihren beiden Söhnen in Köln, in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Anfangs teilen sich die Jungen ein Zimmer, mit acht und zehn Jahren bekommen sie eigene Räume. Seitdem schläft ihre Mutter in der Wohnküche. Der Raum ist nun Küche, Ess-, Wohn-, Arbeits- und Schlafzimmer zugleich. Frau A. arbeitet von zu Hause aus, dann ist die Küche für die Kinder tabu. Auch abends, ab acht Uhr, braucht sie den Raum als Rückzugsort. Der Alltag ist durchgetaktet, nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich. Die Küche muss weit mehr leisten, als nur ein Ort zum Essen zu sein.
Das Beispiel stammt aus der Masterarbeit in Architektur von Katharina Sieben. Sie hat sich mit Wohnraum für Alleinerziehende beschäftigt und dafür Interviews in den Wohnungen von Alleinerziehenden in Köln geführt. Die Situationen und Bedürfnisse sind unterschiedlich, eine Gemeinsamkeit aber haben sie fast alle: Es fehlt ein Zimmer. „In den Wohnungen von Alleinerziehenden muss oft viel Gemeinschaft stattfinden“, sagt Sieben. „Rückzugsorte für die Elternteile fehlen und damit auch Zeit für Regeneration.“
Alleinerziehende haben es schwer auf dem Wohnungsmarkt. Viele Wohnungen, gerade im sozialen Wohnungsbau, seien weiterhin auf das Modell Mutter-Vater-Kind ausgelegt, sagt Sieben. Eine typische Drei-Zimmer-Wohnung besteht aus einer offenen Küche mit Wohnzimmer, einem Elternschlafzimmer und einem Kinderzimmer, verteilt auf 70 bis 80 Quadratmeter. Auch Alleinerziehende mit einem Kind bräuchten eigentlich drei Zimmer: eines für sich, eines fürs Kind und einen gemeinsamen Wohnraum. Bei zwei Kindern, wie im Beispiel, wären dann schon vier Zimmer nötig. Diese Grundfläche können sich viele jedoch nicht leisten. Die Folge: eine Zweizimmerwohnung – und Mutter oder Vater schlafen im Wohnzimmer.
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Hinzu kommt die finanzielle Belastung. Die durchschnittliche Mietbelastung für Alleinerziehende lag in Köln 2023 bei knapp 40 Prozent des Einkommens. Bei Paaren mit einem oder mehr Kindern waren es im Vergleich 26 Prozent, wie Zahlen der Stadt Köln zeigen. Bundesweit sind Alleinerziehende laut Paritätischem Armutsbericht 2024 mit knapp 43 Prozent überdurchschnittlich armutsgefährdet. In der Gesamtbevölkerung liegt das Armutsrisiko bei rund 21 Prozent.
Die Stadt Köln betont in ihrem Bericht zur öffentlichen Wohnraumförderung 2024, dass Wohnraum zu tragbaren Mieten für benachteiligte Gruppen wie Alleinerziehende ein Schwerpunkt sein soll. Soziale und innovative Wohnformen gewännen an Bedeutung.

Bernadette Barth und Christoph Katzenbach wollen in ihrem gemeinschaftlichen Wohnprojekt auch Raum für Alleinerziehende schaffen.
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Ein konkretes Projekt könnte in Köln-Poll entstehen. Die Stadt hat dort ein Grundstück ausgeschrieben, das an eine Baugemeinschaft vergeben werden soll. Bernadette Barth und Christoph Katzenbach haben sich mit rund 40 weiteren Interessierten beworben.
Geplant sind sechs Gebäude für bis zu 160 Menschen. „Uns war wichtig, einen Zugang zu schaffen für Menschen, die es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer haben oder für die es bislang gar keinen Wohnraum gibt“, sagen sie. Sechs bis acht Wohneinheiten sollen speziell für Alleinerziehende vorgesehen werden – als Clusterwohnungen mit kleinen privaten Einheiten und großer Gemeinschaftsküche. Es wäre eins der ersten Projekte in Köln die auch Wohnraum für Alleinerziehende mitdenkt.
Übergangslösungen, die sich über Jahre hinziehen
Peter Marx ist unter anderem Bereichsleiter des Zentrums für alleinerziehende Eltern (ZentralE) des Verbands IN VIA Köln in der Südstadt. Die Einrichtung ist Anlaufstelle für Menschen mit einer großen Bandbreite an Problemlagen. Gemeinsam mit der Caritas führen sie die Alleinerziehenden Angebote für Köln durch. Die Einrichtung wird unter anderem durch das ESF-Plus-Programm „Akti(F)Plus“ sowie durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert.
„Viele der Alleinerziehenden, die zu uns kommen, sind erst frisch getrennt“, sagt Marx. „Sie stehen vor einem riesigen Themenberg: Wo wohne ich jetzt? Wo wohnt mein Ex-Partner? Wie sichere ich meine Existenz?“ Oft breche in kurzer Zeit sehr viel Stabilität weg, auch Fragen der Kinderbetreuung kämen hinzu.
In Köln organisieren laut dem Statistischen Jahrbuch 2024 in rund 22,5 Prozent aller Familienhaushalte alleinerziehende Elternteile den Alltag. Der Großteil sind Frauen. Nur etwa fünf Prozent der Alleinerziehenden, die Marx und seine Kolleginnen beraten, sind Männer. „Familiäre Sorgearbeit wird nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen“, sagt Marx. Und selbst wenn Männer alleinerziehende Väter würden, verfügten sie häufig über eine bessere wirtschaftliche Ausgangssituation.
Einen angemessenen Wohnraum zu finden, sei für alleinerziehende Frauen besonders schwierig. „Aufgrund ihrer ökonomischen Situation und weil sie Kinder haben, sind sie auf dem Wohnungsmarkt oft nicht gefragt“, sagt Marx. Viele blieben deshalb in ungeeigneten Wohnungen oder lebten übergangsweise bei Eltern, Bekannten oder sogar weiterhin mit dem Ex-Partner zusammen. „Das sind Übergangslösungen, die sich oft über Jahre hinziehen.“ Ungeeignet bedeutet dabei häufig: zu klein, ohne Platz zum Spielen oder für Hausaufgaben und qualitativ mangelhaft, also schlecht gedämmt, kalt und feucht. Und oft auch: zu weit entfernt von Schule, Kita oder sozialem Umfeld.

Katharina Sieben hat sich in ihrer Masterarbeit mit dem Thema Wohnraum für Alleinerziehende auseinandergesetzt.
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Dabei ließe sich auch bestehender Wohnraum anpassen. Katharina Sieben hat das am Beispiel einer Wohnsiedlung in Köln-Buchheim untersucht. Sie analysierte bestehende Grundrisse und entwickelte Vorschläge, um sie alleinerziehendenfreundlicher zu gestalten. Zwei Probleme fielen ihr dabei besonders häufig auf: zu viele Durchgangszimmer und zu wenig Stauraum.
Durch die Trennung von Wohnbereich und Küche könnte ein zusätzlicher Individualraum geschaffen werden. Eine Erweiterung der Flure würde es zudem ermöglichen, Zimmer zu erreichen, ohne andere zu stören. Zusätzlich war es bei dem Beispiel möglich, Abstellflächen durch die Planung von Einbauschränken oder durch die Reduzierung der einzelnen Zimmergrößen zu schaffen.
Fast doppelt so häufig von Einsamkeit betroffen
„Alleinerziehende gehören auch immer wieder zur Gruppe der verdeckt Wohnungslosen“, sagt Britta Körschgen, Leiterin des Fachbereichs Gutes Wohnen bei der gemeinnützigen Stiftung Alltagsheld:innen, die sich bundesweit für die Rechte von Alleinerziehenden einsetzt. Gemeint sind Menschen, die bei Freunden oder Familie auf dem Sofa schlafen.
Im Vergleich zu Paarhaushalten seien Alleinerziehende zudem fast doppelt so häufig von Einsamkeit betroffen. Gemeinschaftliche Wohnformen könnten hier gegensteuern. Unterstützung in der Kinderbetreuung, geteilte Spielsachen oder gemeinschaftlich genutzte Räume bieten nicht nur finanzielle Vorteile, sondern auch soziale Netzwerke. Auch Tandem- oder Clusterwohnungen bieten diese Vorteile.
Bei Clusterwohnungen bestehen mehrere kleine, private Wohneinheiten – meist mit eigenem Bad – und große Gemeinschaftsbereiche zum Kochen, Essen und Leben. Tandemwohnungen hingegen bestehen aus zwei abgeschlossenen Wohnungen mit einer Verbindungstür, die gegenseitige Betreuung erleichtert, ohne dass Kinder ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen.
Ein Problem bleibt jedoch: Solche Projekte erfordern viel Zeit und Engagement in der Planung. Alleinerziehende haben dafür oft kaum Kapazitäten, sagt Körschgen. Es brauche daher Akteure, die stellvertretend planen. In Wien übernimmt diese Rolle seit Jahren der Verein Juno, der Wohnprojekte für Alleinerziehende initiiert und begleitet. Die Stiftung Alltagsheld:innen arbeitet daran, ähnliche Konzepte in Deutschland zu etablieren. Einzelne Projekte gibt es bereits. Die Bewerbergruppe in Köln-Poll haben sie ebenfalls bei der Konzeptentwicklung beraten.
Das Projekt in Köln-Poll ist noch nicht beschlossen. Sollte der Rat der Stadt zustimmen, könnte der Bau frühestens 2027 beginnen. Bezugsfertig wären die Wohnungen in etwa fünf Jahren. Für viele Alleinerziehende ist das eine lange Zeit.

