Am 5. September wird Ludwig Sebus 101 Jahre alt. Ein ungeahntes Geschenk befand sich schon jetzt im Briefkasten der Karnevals-Legende.
Post aus China zum 101. GeburtstagLudwig Sebus zu Tränen gerührt – Sorge um Absender

Diese Zeilen erreichten Ludwig Sebus vor seinem 101. Geburtstag.
Copyright: Jan Wördenweber
Schon Wochen vor dem 5. September, an dem Ludwig Sebus 101 Jahre alt wird, lag viel Geburtstagspost in seinem Briefkasten. Darunter waren auch Briefe aus dem Ausland, wie die Kölner Karnevals-Legende begeistert erzählt. Neben Glückwünschen aus Österreich und den Niederlanden rührt ihn besonders ein Schreiben. Es stammt aus China. Der Absender erklärt, ein 20 Jahre alter Student aus Hangzhou zu sein – Hauptstadt der südostchinesischen Provinz Zhejiang, die rund 180 Kilometer südwestlich von Shanghai liegt.
Der Inhalt ist so außergewöhnlich wie das Leben Ludwig Sebus': Er sei durch einen Bericht auf den Kölner Krätzchen-Sänger aufmerksam geworden, so der Verfasser, interessiere sich für die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg, aber sei wie Sebus ein großer Freund des Friedens. Auf zweieinhalb Seiten wird ehrfürchtig auf die Lebensleistung des Kölners geschaut. Alle Versuche dieser Redaktion, Kontakt zum Verfasser herzustellen, der auf dem Briefumschlag zudem eine Telefonnummer hinterlassen hat, verliefen bislang erfolglos.
Ludwig Sebus erhält bewegende Post aus China
Eine Kölner Sinologin mutmaßt aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass der Verfasser womöglich Schwierigkeiten mit dem chinesischen Staatsapparat bekommen hat. Der Brief mit Poststempel vom 14. Juni strotzt nur so von der Sehnsucht nach Frieden, auch das Wort Krim fällt im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg. Derartige Anspielungen könnten schon dazu führen, dass Telefonnummern nicht mehr erreichbar sind. Kritik an Chinas Unterstützung von Putin ist in der Volksrepublik tabu. Zwar wird diese im Brief nicht direkt geäußert, aber oftmals reichten schon Anspielungen, so die China-Expertin.
„Ich hoffe, und wünsche mir, dass es dem jungen Mann gut geht“, sagt Ludwig Sebus. Selten habe ihn zuletzt ein Schreiben so gerührt wie dieses, sagt der Jahrhundertkölner. Sebus hat bereits mit einem Schreiben geantwortet. „Sollte er eines Tages in Deutschland sein, und ich bin noch am Leben, dann würde ich ihn sehr gerne treffen.“

Ludwig Sebus vor seiner Lieblingskneipe „Jussi“ in Bickendorf.
Copyright: Daniela Decker
Hier der Brief im Wortlaut– allein den Namen des Absenders nennen wir aus den oben genannten Gründen nicht.
Sehr geehrter Herr Sebus, guten Tag! Es ist mir eine große Freude, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Ich freue mich sehr, dass diese Zeilen schließlich zu Ihnen gelangen. Als Geschichtsfreund und Friedensliebender möchte ich ihnen meine Bewunderung aussprechen und zugleich eine kleine Bitte vorbringen.
(Es tut mir leid, dass ich kein Deutsch spreche. Daher habe ich einen Übersetzer benutzt. Sollte sich irgendwo eine unpassende Formulierung finden, bitte ich um Ihr Verständnis.)
Gestatten, Sie mir, mich kurz vorzustellen (…) Ich bin zwanzig Jahre alt und komme aus China. Ich studiere Mathematik an der Hangzhou Normaluniversität. Nach meinem Abschluss möchte ich Mathematiklehrer an einer Mittelschule werden. Ich habe großes Interesse an Geschichte, vor allem am Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig liebe ich den Frieden sehr. Nur wer den Krieg erlebt hat, kann die Kostbarkeit des Friedens wirklich zu schätzen wissen. Kriege bringen der Menschheit keinerlei Nutzen.

Der Poststempel des Briefs stammt vom 14. Juni.
Copyright: Jan Wördenweber
Sie haben Krieg, Trübsal und die Trümmer jener Zeit selbst erlebt. Später haben Sie mit Ihrer Musik den Menschen Freude geschenkt und für den Frieden geworben – dafür bewundere ich Sie zutiefst.
Ich habe Ihre Geschichte durch einen Bericht kennengelernt, Herr Sebus. Obwohl jene grausamen Jahre von Kriegsschatten überschattet waren, behielten Sie stets Ihre festen Werte. Sie stellten sich allein den Verhören der Gestapo, überlebten nur knapp das Feuergefecht an der Ostfront und schafften es auf wundersame Weise, trotz der eingestürzten Bergwerke im Kriegsgefangenenlager und des quälenden Hungers mit eiserner Willenskraft am Leben zu bleiben. Es war Ihre gestohlene Jugend – ein Leid, das sich die meisten Menschen kaum vorstellen können.
Sie sagten einst: „Dank Adolf Hitler hatte ich überhaupt keine Jugend. Er zerstörte meine Jugend völlig, als ich achtzehn Jahre alt war. Nichts auf der Welt ist wichtiger als die Freiheit und nichts ist schöner, als in einem demokratischen Land zu leben.“
„Unbezwingbare Seele geschenkt“
Was mich aber am meisten bewundert: Die harten Schicksalsschläge haben Ihre Hoffnung auf das Leben niemals zunichte gemacht. Im Gegenteil: Sie haben Ihnen eine so gelassene Einstellung und eine unbezwingbare Seele geschenkt.
Auch im kargen Lager auf der Krim schöpften Sie Freude inmitten des Leids. Nach all den tödlichen Gefahren haben Sie sich entschieden, mit Ihrem Gesang das verwüstete Köln zu heilen. Sie haben ein ganzes Jahrhundert voller Wechsel und Schicksalsschläge durchlebt, dennoch brennt in Ihnen bis heute die leidenschaftliche Suche nach Freiheit. Mit unvergesslichen Melodien wie „Die wisse Duuv“ rufen Sie die ganze Welt zum Frieden auf. An Ihnen sehe ich das Leuchten der menschlichen Natur: einen Optimismus, der über jedes Leid hinausgeht, eine reine Liebe zum Leben und einen aufrichtigen Aufruf zum Frieden.
Sie sind nicht nur ein großartiger Künstler, sondern auch ein lebendiger Zeitzeuge der Geschichte. Ihr ganzes Leben lang haben Sie uns gezeigt: Egal, welche Stürme man durchlebt, Liebe, Gesang und Frieden besitzen stets die größte Kraft!
Sehr geehrter Herr, ich habe noch eine kleine Bitte an Sie in diesem Brief. Ich füge diesem Brief einige Fotos von Ihnen bei. Ich wäre Ihnen äußerst dankbar, falls Sie diese unterschreiben könnten. Ihre signierten Fotos bedeuten mir sehr viel. Ich werde sie mein ganzes Leben gut aufbewahren. Falls es Ihnen möglich ist, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie auf der Rückseite der Fotos eine Nachricht hinterlassen könnten. Sei es ein aufmunterndes Wort, eine Lebensweisheit aus Ihrem langen und beeindruckenden Leben, Ihre Hoffnungen für den Frieden oder etwas anderes, das Sie teilen möchten. Vielen herzlichen Dank im Voraus! Ich habe bereits einen Rückumschlag beigefügt und freue mich sehr auf Ihre Antwort.
Abschließend danke ich Ihnen herzlich, dass Sie sich die Zeit nehmen, meinen Brief zu lesen. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und ein langes Leben. Nochmals erweise ich Ihnen meinen höchsten Respekt und hoffe, bald Ihre Antwort zu erhalten.
