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Soziale Spaltung in Köln sichtbar
Warum viele Eltern ihre Kinder am Gymnasium anmelden – und trotzdem für die Hauptschule plädieren

Schülerinnen und Schüler sitzen nebeneinander im Klassenraum einer Grundschule.

Immer mehr Kölner Grundschülerinnen und Grundschüler bekommen eine Gymnasialempfehlung.

Die Stadt wollte herausfinden, welche Schulform Eltern wählen. Das Ergebnis offenbart eine zunehmende soziale Spaltung. Warum die Befürworter der Hauptschulen ihre Kinder am Gymnasium anmelden und warum das für die Gesamtschulen ein Problem ist.

Wie ticken die Kölner Eltern von Grundschuleltern, wollte die Stadt wissen. Mit einer groß angelegten Studie, für die Köln eigens das Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung beauftragte, sollte herausgefunden werden, wie Eltern entscheiden, auf welcher weiterführenden Schule sie ihre Kinder anmelden. Eigentlich ging es der Stadt darum, dadurch den Schulbau zielgenauer dem Bedarf anzupassen.

Was die Zahlen allerdings zutage beförderten, sind interessante Erkenntnisse über die Einstellung von Kölner Eltern zur Bildung ihrer Kinder: Kölner Eltern sind in der Mehrheit Verfechter des dreigliedrigen Schulsystems. In den vergangenen vier Jahren gingen laut der Kölner Schulstatistik knapp die Hälfte aller Viertklässler auf ein Gymnasium. Gleichzeitig bekommen immer mehr Kölner Viertklässlerinnen und Viertklässler eine Gymnasialempfehlung: In der letzten Anmeldephase waren es 45 Prozent.

Die Kluft geht an Kölner Schulen immer weiter auseinander

Zusammengenommen mit den bedingten Gymnasialempfehlungen sind es mit 58 Prozent weit über die Hälfte. Tendenz steigend: Vor vier Jahren waren es noch 42 Prozent uneingeschränkte Gymnasialempfehlungen. Gleichzeitig wird inzwischen jedem zehnten Kölner Erstklässler offiziell sonderpädagogischer Förderbedarf attestiert. Auch hier steigt die Tendenz. Das heißt, die Kluft zwischen leistungsstärkeren und leistungsschwächeren Schülern geht immer weiter auseinander.

Wer eine Gymnasialempfehlung bekommt, der geht laut der Kölner Schulstatistik auch in der Regel auf ein Gymnasium: Nur sieben bis neun Prozent der Kinder mit Gymnasialempfehlung werden in Köln auf einer Gesamtschule angemeldet. Auch von den Kindern mit eingeschränkter Gymnasialempfehlung werden deutlich mehr als die Hälfte auf einem Gymnasium angemeldet.

Der Zulauf zu den Gesamtschulen speist sich also überdimensional aus Kindern mit Real- und Hauptschulempfehlung. Von den Schülern mit Realschulempfehlung gehen 43 bis 47 Prozent auf eine Gesamtschule. Bei den Schülerinnen und Schülern mit Hauptschulempfehlung sind es 32 bis 38 Prozent. Das zeigt, dass das eigentliche Gründungskonzept der Gesamtschule - nämlich eine ausgewogene Leistungsdurchmischung – in Köln von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen nicht umgesetzt werden kann.

Damit Gesamtschulen wirklich gut arbeiten können, müsste es eine dort wahrnehmbare Gruppe von leistungsstarken Schülerinnen und Schülern geben, die die anderen mitzieht. Ein Positivbeispiel, wo das gelingt, ist etwa die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Gesamtschule Bonn-Beuel, von Inklusion ebenso überzeugend gelingt wie Begabtenförderung. Das zieht auch in größerer Zahl Kinder mit Gymnasialempfehlung auf die Schule.

In Köln gelingt derzeit allenfalls in Einzelfällen wie etwa der Heliosgesamtschule, die durch ihr besonderes Konzept als Universitätsschule leichter Schülerinnen und Schüler mit Gymnasialempfehlung gewinnen kann. An anderen Schulen beobachtet man einen sich selbst verstärkenden Mechanismus: Dadurch, dass überwiegend Kinder mit Real- und Hauptschulempfehlung angemeldet werden, kommen auch nur wenige mit Gymnasialempfehlung hinzu.

Kölner Gymnasialeltern als Hauptbefürworter der Hauptschulen

Dass das so ist, liegt eben daran, dass Kölner Eltern von leistungsstärkeren Kindern überwiegend strukturkonservativ denken: Man wählt das Gymnasium, weil man das dreigliedrige Angebot schätzt und auch, weil man augenscheinlich in der Mehrheit an sozialer und leistungsmäßiger Durchmischung nicht interessiert ist.

Dazu passt, dass in der Befragung von den Eltern auch der Hauptschule eine sehr wichtige Bedeutung beigemessen wurde. Nur: Unter den Befürwortern der Hauptschulen gaben fast drei Viertel an,  das eigene Kind an einem Gymnasium anmelden zu wollen. Segregationstendenzen nennen das die Macher der Studie: Will sagen, man bleibt am liebsten unter sich. Jeder in seiner Blase.

Da ist es stimmig, dass 70 Prozent der Eltern als wichtigste Kriterien für die Schulwahl - neben der Qualität der Lehrer und der Schulweglänge - die soziale Zusammensetzung an der Schule nennen. Die soziale Segregation, die meist schon in den Grundschulen besteht, setzt sich auch auf den weiterführenden Schulen fort, konstatieren die Forscher.

Gesamtschulen könnten Haupt- und Realschulen in Köln zu einem gewissen Grad ersetzen

Die Eltern-Befragung mit dem Titel „von4nach5“ wurde im Januar dieses Jahres durchgeführt. Sie ging an alle Kölner Eltern von Grundschulkindern. Die Eltern von knapp 16 Prozent der Kölner Schülerinnen und Schüler beteiligten sich. Im Hinblick auf die Schulplanungen der Stadt konstatierten die Macher in ihrem Fazit, dass Gymnasien für einen großen Teil der Kölner Eltern nicht durch Gesamtschulen zu ersetzen seien. Gesamtschulen seien vor allem für Eltern von Kindern mit Haupt- oder Realschulempfehlung eine attraktive Schulform. Daher ließen sich bis zu einem gewissen Grad Haupt- und Realschulen durch Gesamtschulen ersetzen.


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