Wenn eine Dose ins All fliegtSchülerinnen des Kölner Ursulinengymnasiums bauen einen Satelliten

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Fünf Schülerinnen stehen neben dem Satelliten

Zoe Münstermann, Julia Hamsen, Luise-Lotte Hollenbeck, Marla Kemser und Josefa Härtel (v. l.) planen, einen dosengroßen Satelliten in eine Höhe von rund 1000 Metern zu schießen.

Sechs Kölner Schülerinnen haben einen 11,5 Zentimeter langen Satelliten konstruiert. Sie beteiligen sich an europäischem Weltraum-Wettbewerb.

Über den Himmel hinaus: Sechs Schülerinnen des Ursulinengymnasiums haben einen dosengroßen Satelliten konstruiert, der mittels einer Träger-Rakete in eine Höhe von 1000 Metern geschossen werden soll. Während des Gleitfalls zur Erde reichert ein Generator Windenergie an, die dem Satelliten als zusätzliche Batterie dient. Als Blaupause dient den Zehnt- bis Zwölftklässlerinnen die Raummission der Philae-Sonde. Diese landete im November 2014 auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko und sollte Daten über die Beschaffenheit des interstellaren Objekts übermitteln.

Kölner Ursulinengymnasium: Mangelndes Licht hat keine Auswirkungen auf den Satelliten

Doch die Sonde verfehlte den ausgewählten Platz und kam erst in einer Felsspalte zum Halt. Aufgrund des mangelnden Sonnenlichts setzten die Solarzellen nach einigen Stunden die Signale zur rund 500 Millionen Kilometer entfernten Erde aus. „Und hier kommen wir ins Spiel“, erklärt Julia Hamsen. „Unser Satellit ist mit einem Rotor und einem Generator sowie einem fallschirmähnlichen Flattertuch versehen, der Windenergie speichert und in Strom umsetzt. Die Funktion würde durch mangelndes Licht nicht getrübt – vorausgesetzt, der Planet oder Himmelskörper, auf dem die Landung erfolgt, verfügt über eine Atmosphäre“, so die 18-jährige Schülerin.

Mitte März stellen die jungen Frauen ihr nur 11,5 Zentimeter großes Modell beim Bundeswettbewerb „CanSat“ vor. Auf einem Bremer Flugplatz treten Julia Hamsen, Zoe Münstermann, Josefa Härtel, Marla Kemser, Luise-Lotte Hollenbeck und Anna Gebhardt gegen neun weitere Teams an. Die Sieger vertreten Deutschland beim Europafinale. Für die Qualifikation hatten die Veranstalter zwei wesentliche Kriterien vorangestellt: Der selbstkonstruierte und programmierte Satellit muss Platz in einer kleinen Getränkedose finden und während des Einsatzes wissenschaftliche Messungen zum Luftdruck sowie der Temperatur erstellen. Die sekundäre Mission fußt auf den jeweils eigenen Ideen der Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Darüber hinaus fließen die Öffentlichkeitsarbeit sowie das Generieren von Sponsorengeldern zum wissenschaftlichen Unterfangen in die Bewertung der Experten-Jury ein.


Als „CanSat“ („Dosensatellit“) bezeichnen die Initiatoren des gleichnamigen bundesweiten Wettbewerbs einen von Schülerinnen und Schülern konstruierten Satelliten in Größe einer herkömmlichen Getränkedose, der während des Fluges wissenschaftliche Missionen erfüllen soll. Das Projekt wurde erstmals 2014 realisiert. Als Veranstalter fungiert das European Space Education Resource Office Germany (ESERO) in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). (tda)


"Mein Bruder meint zwar, ich sei ein Nerd, aber er sagt auch nette Dinge"

Im Team ist auch Zoe Münstermann, deren Interesse für die Naturwissenschaften durch ihre Lehrerfamilie geweckt wurde. „Physik, Chemie, Biologie oder Mathe haben mir eigentlich immer Spaß gemacht. Mein Bruder meint zwar, ich sei ein Nerd, aber er sagt auch nette Dinge“, zeigt sich die Abiturientin bezüglich ihres Images entspannt. Mitschülerin Julia empfindet die Einschätzung als Kompliment: „Es ist schließlich nichts Schlechtes daran, strebsam zu sein. Das bedeutet ja nur, dass ich Ziele habe und diese erreichen will“, sagt die Zwölftklässlerin.

Fach-Lehrerin Romina van Heek hebt unabhängig von der Platzierung den pädagogischen Wert des Projekts hervor: „Ganz wichtig ist die Erfahrung, so etwas auf die Beine stellen zu können, wenn man im Team arbeitet und größere in kleinere Probleme zerlegt. Ein mögliches Scheitern gehört dazu. Aber auch dann bleibt eine gute Zeit des Zusammenseins“, so van Heek. Hinsichtlich der Platzierung zeigen sich die Forscherinnen zuversichtlich.

Auch wenn bisherige Tests nur im Windkanal des „Ursulabors“ stattfinden konnten, ist die Crew vom Erfolg der Mission überzeugt. Dafür investierten die Teenager zahllose Stunden abseits des regulären Unterrichts in das Experiment. Ihren Optimismus vereinen die jungen Wissenschaftlerinnen im Symbolismus des auf „Set a light“ getauften Flugkörpers. Der phonetische Gleichklang mit dem englischen „Satellite“ , soll den Horizont der Wissenschaft erhellen.


Die erzbischöfliche Ursulinenschule ist ein vierzügiges Mädchengymnasium sowie eine Realschule mit Sitz in der Machabäerstraße 47. Die Bildungseinrichtung wurde 1639 gegründet und wird derzeit von über 1600 Schülerinnen besucht. Seit rund fünf Jahren steht auch den Realschulabsolventen der Zugang zur gymnasialen Oberstufe offen. Als einzige Einrichtung Kölns folgt das Ursulinengymnasium tradititionell nicht dem Konzept eines gemeinschaftlichen Unterrichts von Mädchen und Jungen. Dabei verweist die Schulleitung unter anderem auf bessere Fördermöglichkeiten für junge Frauen.

Einzige Ausnahme: Da die Realschule auch Jungen besuchen dürfen, können diese auch in die Oberstufe des Gymnasiums wechseln.

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