Der deutsch-israelische Psychologe Ahmad Mansour sprach über die Gefahren des Extremismus, er war einer der Gäste am Berufskolleg Lindenstraße.
Berufskolleg LindenstraßeKölner Schule feiert Europa mit Experten

Verschiedene Workshops und Vorträge standen auf dem Programm des Berufskollegs Lindenstraße am Europatag.
Copyright: Susanne Esch
Er war 13 Jahre alt, Sohn arabischer Israelis, kein guter Fußballer, aber ein guter Schüler. Der „Streber“ wurde gemobbt. Ahmad Mansour fand in der Krise während seiner Pubertät bei seinen Eltern keinen Halt, lernte aber einen Iman kennen, der sich um ihn kümmerte, ihn fragte wie es ihm ging, ihm zuhörte. „Er wurde eine Vaterfigur für mich“ erzählt Mansour im Berufskolleg an der Lindenstraße. Der Psychologe und Autor hält beim Europatag der Schule einen Vortrag zum Thema „Demokratieförderung und Extremismusprävention“ - und kann aus eigener Erfahrung erzählen, wie junge Menschen zu Extremisten werden.

Ahmad Mansour ist ein gefragter Extremismus-Experte. Er war zu Gast beim Europatag des Berufskollegs Lindenstraße.
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Mansour wurde als arabischer Israeli in eine kriegstraumatisierte Familie hineingeboren, wuchs mit der Überzeugung auf, dass Juden Feinde sind. Dem verständnisvollen Iman folgte er in die Koranschule und fand endlich Freunde, Zugehörigkeit. „Doch das war keine harmlose Gruppe“, betont Mansour. „Es war eine Muslimbruderschaft. Sie hatten Kontakte zur Hamas, wollten einen Scharia-Staat gründen. Ich habe gedacht, ich gehöre einer kleinen Elite an, von der Gott denkt, nur sie habe ihn verstanden.“ Er radikalisierte sich und aus dem gemobbten Jungen wurde ein mächtiger Jugendlicher.
Ahmad Mansour überlebte mit Glück einen Terroranschlag in Israel
Doch nach dem Abitur, verließ er seinen kleinen Heimatort, schrieb sich in Tel Aviv für Psychologie ein und da war er nun, als einziger Araber in einer Gruppe von Juden, „unter Feinden“, sagt Mansour. Aus ihnen wurden Freunde. „Wenn Menschen zusammenkommen, können sie Vorurteile abbauen“, betont er. Er las Freud, Machiavelli, Nietzsche – und distanzierte sich von der Muslimbruderschaft, mit Schuldgefühlen. Am Ende vertrieb ihn ein Anschlag, den er selbst nur mit Glück überlebte, aus seinem Heimatland 2004 nach Deutschland, wo er sein Studium beendete.

Ein Schüler des Berufskollegs an der Lindenstraße stellte Ahmad Mansour nach seinem Vortrag eine Frage.
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Nun berät er Eltern, deren Kinder sich radikalisieren, denn er versteht die Ursprünge. Die Gründe seien immer gleich, sagt Mansour: „Persönliche Krisen, Unzufriedenheit, die Suche nach Identität und Halt.“ Seit den Krisen ab 2020 sei es in der Welt noch schwieriger geworden zueinander zu finden, miteinander ins Gespräch zu kommen. Aggressivere Haltungen würden sich breit machen. Es gäbe Radikalisierungstendenzen in allen Gesellschaftsschichten, Antisemitismus, Antifeminismus, Rechts- und Linksextremismus.
Aber warum wirken radikale Theorien so attraktiv? Mansour benennt eine Ursache. „Wir befinden uns mitten in einer Revolution.“ Vor 15 Jahren habe man noch Radio gehört oder die Zeitung aufgeschlagen, um Beiträge von professionellen Journalisten zu lesen oder zu hören. Heute sehe man die Welt durch die Brille von Social Media, Tiktok und Instagram, beeinflusst durch Feeds von Influencern, die von Algorithmen bewusst überspitzt, und stets die eigene Meinung bestätigen würden. Man erlebe einen solchen Echokammereffekt, sehe so nur die Hälfte der Wahrheit. Attentäter würden sich heute nicht mehr in den Moscheen, sondern über Tiktok und Instagram radikalisieren. „Wir leben aufgrund von Social Media in einer postfaktischen Welt“, sagt Mansour.
Schüler müssen heute lernen, Fake News zu erkennen
Ein Mittel dagegen ist die Fähigkeit, Fake News von Fakten zu unterscheiden. Wie das funktioniert, lernen die Schüler und Schülerinnen ebenfalls am Europatag, der ein volles Programm zum Thema „Europa und Demokratie“ zur Auswahl stellt, bei einem Workshop, mit dem Onlinespiel „Fakefinder“ des SWR. In Chatrooms tauchen dabei Nachrichten auf, wie: „In Hamburg wurden Wohnungseigentümer für Geflüchtete enteignet.“ Handelt es sich um Fake News, um eine bloße Fehlermeldung, reine Satire oder eine Tatsache? Für die Recherche haben die Schüler und Schülerinnen die Wahl zwischen Fakten- und Quellencheck, Bildüberprüfung oder Internetrecherche. Eine Schülergruppe prüft zunächst die Quelle: Es ist das „Gatestone Institut“, ein rechtsextremer Thinktank, nicht sehr glaubwürdig. Der Faktencheck führt zum Ergebnis: Laut Correctiv handelt es sich um eine bewusst verbreitete Falschmeldung.
