Seit 15 Jahren wohnt der Publizist im Pantaleonsviertel. Bei einer Fahrradtour durch das Viertel zeigt er dessen Besonderheiten.
Mein VeedelMit Martin Stankowski rund um St. Pantaleon

Martin Stankowski steht mit Schwester Elya vor dem Karmelitinnenkloster im Pantaleonsviertel.
Copyright: Inge Swolek
An der schweren Holztür des Karmelitinnenklosters St. Maria vom Frieden klingelt Martin Stankowski. „Mit einer der zehn Ordensschwestern habe ich mich verabredet“, sagt der Kölner Publizist und Geschichtenerzähler. Die barocke Kirche liegt mitten im Pantaleonsviertel. Kurz darauf öffnet sich die Klosterpforte. Schwester Elya tritt heraus. Was sie zu erzählen hat, führt erstaunlich schnell mitten hinein in den Alltag des Veedels. „Ich gehe am Kloster los, an der Berufsschule vorbei, über das Martinsfeld und durch den Max-Dietlein-Park. Dann wieder zurück. Das ist meine Route. Täglich. Einmal am Tag.“
Seit zwei Jahren dreht Schwester Elya diese Runde. Und sammelt dabei Müll ein. „Die Leute werfen alles weg: Kippen, Altglas – inzwischen stellen sie sogar ihren ganzen Hausmüll einfach auf die Straße. Früher bin ich mit einem Sack ausgekommen. Heute brauche ich zwei.“ Martin Stankowski kennt solche Geschichten, seit 15 Jahren wohnt er im Pantaleonsviertel. Er weiß, wo im Veedel der Schuh drückt – mit offenen Augen und Ohren fährt er mit seinem Rad durch die Straßen und beobachtet das Treiben aus nächster Nähe.

Der 82-Jährige findet den 30 Meter langen Holztisch vor dem Humboldt-Gymnasium sehr kommunikativ.
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„Ich wohne auf einer Insel“, sagt der 82-Jährige, „Umarmt von den Bächen, der Nord-Süd-Fahrt, den Ringen. Wir sind hier eingekesselt von großen Verkehrsachsen, aber abgeschnitten vom Durchgangsverkehr. Und es gibt null Gentrifizierung.“ Dann schwingt sich Stankowski aufs Fahrrad, um seine Insel zu zeigen. Vom Kloster geht es zunächst Richtung Ulrichgasse, vorbei am Berufskolleg, dann rechts zum Kartäuserwall. „Diese Grünfläche wird von vielen gar nicht richtig wahrgenommen. Dabei steht hier seit fast zehn Jahren der längste Tisch von Köln. Entstanden als Kunstobjekt von Boris Sievert im Rahmen der Aktion StadtLabor.“
Der Tisch ist 30 Meter lang, Menschen aus dem Veedel haben die Patenschaft übernommen und kümmern sich um Reparaturen und den Müll. Er gehört einfach dazu und wird täglich genutzt. „Wenn ich hier abends vorbeifahre, sitzen die Nachbarn dort und trinken Bier. Morgens treffen sich die Schüler des Humboldt-Gymnasiums am Tisch, nachmittags sind es die Penner. Es gibt in Köln kaum einen Ort, der kommunikativ so sehr besetzt ist.“ Weiter geht es in die Waisenhausgasse. Stankowski hält vor einem Kiosk, den es an dieser Ecke seit 30 Jahren gibt.

Martin Stankowski ist Stammgast im Kiosk von Ibrahim Biryar in der Waisenhausgasse.
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„Hier bekommt man bis nachts Schokolade, Zigaretten, Wein und Bier – alles wichtige Genussmittel. Ein Ort, an dem man plaudern und seine heimlichen Süchte befriedigen kann“, sagt er augenzwinkernd. Kaum sitzen wir wieder auf dem Fahrrad, bleibt Stankowski erneut stehen. Diesmal vor einer hohen Mauer an der Ecke Trierer Straße, vor St. Pantaleon. „Hier kann man sich gut vorstellen, was man einen Immunitätsbezirk um eines der vielen Klöster nennt: Hinter der Mauer lebten Mönche, abgeschirmt von der Außenwelt. Heute ist St. Pantaleon leider Zentrum des Opus Dei, einer reaktionären kirchlichen Strömung. Eine Insel auf meiner Insel.“

Am Zaun rund um eine große Grünfläche hängen Transparente. Sie sind Ausdruck des Protests gegen das geplante Drogenhilfezentrum, das hier entstehen soll.
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Weiter geht es zum „umstrittensten Spielplatz der Stadt“, wie Stankowski sagt. Er winkt und fährt los. Auf einer als Spielplatz deklarierten, aber bislang weitgehend ungenutzten Fläche plant die Stadt ein Drogenhilfezentrum. Der Platz wirkt aufgeräumt: frischer Rasen, eine Tischtennisplatte, Bobbycars, Spielzeug. An den Zäunen hängen Protestplakate. „Das alles wurde hier proaktiv hingestellt. Die Tischtennisplatte, das ganze Spielzeug – das gab es vor der Diskussion nicht. Der Spielplatz ist zu einer Art Waffe geworden.“
Das Pantaleonsviertel liegt wie eine Insel umgeben von großen Verkehrsachsen wie der Nord-Süd-Fahrt und den Bächen
Das geplante Drogenhilfezentrum spaltet das Veedel. Stankowski hält wenig von den Argumenten der Gegner. „Die Menschen wollen nichts mit Kranken zu tun haben, haben Angst um den Wert ihrer Immobilie und schieben die Kinder als Grund vor. Von den genannten tausenden Schülern sind die meisten Berufsschüler, es gibt eine Grundschule, und die Gymnasien liegen am Rand und außerhalb des Viertels.“ Wir fahren weiter. Egal, in welche Straße man schaut: Vieles sieht ähnlich aus. Architektonische Höhepunkte sind rar. Nach dem Krieg war vieles zerstört, das Viertel wurde neu aufgebaut. Geblieben ist der Charme der 50er-Jahre.

Auf der Steinstraße im Pantaleonsviertel gibt es nur Fahrradparkplätze.
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„In einigen Straßen hat die Stadt aus Autoparkplätzen Fahrradstellplätze gemacht, leider nicht einen Baum gepflanzt. Wir haben aber viele kleine Handwerksbetriebe – zwei Autowerkstätten, eine Schreinerei, einen Laden für Rollläden, einen Polsterer.“ Die Häuser haben ihre Tore zur Straße, dahinter liegen oft überraschend große Innenhöfe. In einem davon ist Stankowski Stammkunde: Bei der Autowerkstatt der Brüder Grommisch wird seit mehr als 100 Jahren geschraubt. „Es sieht aus wie in einem Museum. Aber die sind gut. Wenn das Auto ein Elektroproblem hat, dann können die beiden garantiert helfen.“

In der museal anmutenden Autowerkstatt von Dirk Grommisch ist man auf Elektronik spezialisiert.
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Geschäfte und Restaurants sucht man im Pantaleonsviertel dagegen vergeblich. Das einzige Café ist seit der Pandemie geschlossen worden. Geblieben ist die Kaffeerösterei. Ulli und Rainer Deppe sind seit 13 Jahren die „Kaffeeprinzen“ des Viertels.
Im ehemaligen Stollwerck-Kontor liegt das Schreibbüro, ein Coworking-Space für Autoren, gefördert von der Stadt Köln
Die Radtour endet in der Steinstraße. Hier liegt das Schreibbüro, gefördert vom Kulturamt der Stadt Köln: ein Coworking-Space für Autoren. Wo früher Stollwerck-Schokolade verpackt wurde, entstehen seit 2017 Romane, Drehbücher, Übersetzungen und Gedichte. Zehn Schreibtische gibt es, ein Platz kostet 35 Euro im Monat. Die Plätze sind begehrt, es gibt eine Warteliste. Auch die Bestsellerautorin Melanie Raabe hat hier geschrieben.

Martin Stankowski besucht gerne die Ausstellungen in der Galerie von Kirsten Floss
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Martin Stankowski hat noch ein letztes Highlight auf seiner Veedels-Tour: die Galerie Floss & Schultz. Auch sie versteckt sich hinter einem Tor in einem Hinterhof. Alle sechs Wochen wechselt die Ausstellung, die Künstler kommen aus der ganzen Welt. „Das ist nicht so ein Hop-on-Hop-off-Ding“, berichtet Galeristin Kirsten Floss. „Hier finden Gespräche statt, Treffen zwischen Künstlern, Sammlern und Kunstinteressierten. Und wir haben ein Publikum, das immer wiederkommt.“ „Genau“, sagt Stankowski. „Es gibt immer ein Gläschen. Und auch ein zweites. Ich komme mit meiner Frau sehr gerne hierher. Ein Veedelstreff ist die Galerie nicht. Aber ein Ort, an den man gerne geht, an dem man spannende Menschen trifft – ganz ohne Schwellenangst.“
Martin Stankowski empfiehlt:
1) Autowerkstatt Grommisch, Ankerstraße 6-102) Kaffeerösterei „die Kaffeeprinzen“, Martinsfeld 53 a3) Galerie „Floss & Schultz“, Steinstraße 374) Den Kiosk in der Waisenhausgasse, Waisenhausgasse 58
Zur Person
Martin Stankowski, Jahrgang 1944, ist Publizist, Rundfunkautor und Geschichtenerzähler. Sein Buch: Der andere Stadtführer ist längst ein Klassiker. Stankowski arbeitete als Journalist und Moderator unter anderem für den WDR. Mit den Kabaretisten Jürgen Becker und Rainer Pause stand er auf der Bühne. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem KölnLiteraturPreis.