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„Unerträgliche Bedingungen“Kölner Jugendämter stehen vor dem Kollaps

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Menschen mit Plakaten in der Hand und Trillerpfeifen wollen erreichen, dass Kinder in Köln besser geschützt werden.

Beschäftigte der Jugendämter der Stadt Köln demonstrieren vor der Sitzung des Jugendhilfeausschusses.

Mitarbeiter der Kölner Jugendämter schlagen Alarm: Der Personalmangel sei inzwischen so gravierend, dass man sich nur noch um die akute Fällen von Kindswohlgefährdung kümmern könne. Was jetzt dringend passieren müsste.

Mit ohrenbetäubendem Lärm verschafften sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kölner Bezirksjugendämter vor dem Rathaus Gehör. Drinnen tagte der Jugendhilfeausschuss. Und draußen wollten mehr als 100 Sozialarbeiter und Sozialpädagogen einen unüberhörbaren Hilferuf absetzen: „Jugendamt vor dem Kollaps – Kinderschutz vor dem Aus“ stand auf einem Schild. Und: „Braucht es erst ein Attendorn?“.

Die Bedingungen in den Kölner Jugendämtern beim Kinder- und Jugendschutz seien aufgrund des Personalmangels unerträglich, schilderte Ellen Steinhäuser, zuständige Verdi-Gerwerkschaftssekretärin die Situation.

Hohe Fluktuation und bis zu 50 Prozent unbesetzte Stellen in einzelnen Jugendämtern

Wie das genau aussieht, beschrieb eine Jugendamtsmitarbeiterin aus dem Rechtsrheinischen dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Wir haben in meinem Jugendamt 50 Prozent unbesetzte Stellen und dazu noch sehr viel Fluktuation“, sagt die Sozialarbeiterin, die anonym bleiben möchte und seit 33 Jahren aus Überzeugung ihre Arbeit macht. Der Druck sei riesig, weil jeder nur hoffe, dass nichts passiert. „Hoffentlich habe ich keine Akutsituation übersehen – mit dieser Belastung geht man ins Wochenende.“

Die Fälle in Attendorn oder Lügde stehen allen vor Augen. Längst könne man sich in Köln überhaupt nur noch um die akuten Fälle von Kindswohlgefährdung kümmern. Zeitnahe Beratungen und Hilfestellungen für Eltern – also alles, was unter Prävention falle, könne gar nicht mehr geleistet werden. „Und auch Plätze in Wohngruppen oder heilpädagogischen Einrichtungen finden wir für Kinder und Jugendliche in Akutsituationen nicht.“ Dass es keine Fallobergrenzen gebe, führe dazu, dass keiner die Arbeit mehr so machen könne, wie es den eigenen Qualitätsstandards entspreche. Bis zu 70 Familien würden von einer einzigen Kollegin oder Kollegen betreut. Auf die Überlastung werde mit Reduzierung der Standards reagiert. „Eigentlich müssten wir in allen Jugendämtern die weiße Fahne raushängen.“

Die Möglichkeit für Familien, Hilfen zur Erziehung wahrzunehmen, gibt es de facto derzeit nicht
Kevin de Baey, Mitarbeiter eines Kölner Jugendamtes

„Die Möglichkeit für Familien, Hilfen zur Erziehung wahrzunehmen, gibt es de facto derzeit nicht“, sagte Jugendamtsmitarbeiter Kevin de Baey auf der Kundgebung. Kinder, die in Akutsituationen in Obhut genommen werden, müssten in dieser hoch belasteten Situation stundenlang auf den Fluren sitzen, ehe sie in eine Erstaufnahmegruppe gebracht werden.

„Ist das die kinderfreundliche Kommune, derer sich Oberbürgermeisterin Reker an jeder Stelle öffentlich rühmt“, fragt de Baey bitter. Erst vor gut einer Woche hatte Reker verkündet, dass Köln als erste Kommune in NRW jetzt einen Kinderschutzentwicklungsplan erstelle, um den Kinderschutz systematisch zu verbessern.

Der Mangel bei den Kölner Jugendämtern wirkt sich auch in Kitas, Schulen und bei Familiengerichten aus

Hinzu kommt, dass sich die Überlastung und der Antrags- und Beratungsstau bei den Jugendämtern auf viele Bereiche auswirkt: In der Folge betrifft dies auch Kitas, Schulen, Vormunde und Familiengerichte. „Wir wollen eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, damit wir wieder den Job machen können, für den wir angetreten sind“, sagt de Baey. Konkret fordert Verdi mehr Personal statt der Aufgabe fachlicher Standards.

Außerdem brauche es dringend einen deutlichen Ausbau der Inobhutnahmeplätze für Kinder und Jugendliche. „Wir brauchen endlich einen Maßnahmenplan von Bund und Ländern, um mehr Geld in die soziale Arbeit fließen zu lassen“, fasst Steinhäuser von Verdi zusammen. Außerdem sei eine bessere Bezahlung zwingend, um dem Fachkräftemangel wirkungsvoll entgegenzuwirken. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben alle eine Hochschulausbildung und werden dennoch deutlich schlechter bezahlt als etwa Ingenieure.“

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