Eine Woche nach tödlicher MesserattackeAngespannte Stimmung im Kwartier Latäng

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Junge Leute halten kurz nach der Tat im August 2021 auf der Zülpicher Straße inne.

Köln – Wie angespannt die Lage auf der Zülpicher Straße ist, zeigt sich auch daran, dass keiner der Wirte mit Namen zitiert werden möchte. Zumindest nicht an diesem Freitagabend. „Wir haben hier ein paar Probleme auf der Straße und ich möchte mit meinem Namen nicht negativ auffallen“, sagt ein Barbetreiber. Die Probleme seien schon länger da, den Höhepunkt hätten sie aber am letzten Juliwochenende erreicht.

Kurz vor dem westlichen Ende der Barmeile liegen fünf Schritte lang weiße Rosen vor einem Restaurant, zwischen ihnen, Grabkerzen und Bilderrahmen. Sie zeigen Fotos des 18-Jährigen, der hier von einem 16-Jährigen an besagtem Wochenende mit einem Messer erstochen worden sein soll. Ein Porträtfoto, ein Klassenfoto, ein Mannschaftsfoto. Er spielte bei den U19 des 1. FC Düren in der Mittelrheinliga. Der mutmaßliche Täter wurde mittlerweile wieder frei gelassen, er war der Polizei bereits vor der Messerattacke als jugendlicher Intensivtäter bekannt. Auf der Fensterbank des Restaurants sitzt ein Freund des Verstorbenen; er fordert Passanten auf, nicht zu gaffen, sondern ehrlich zu gedenken. Zwei junge Frauen umarmen sich, eine von ihnen weint. Kurz hatte die Tat die Stadt in Atem gehalten, auch die Zülpicher Straße. Sechs Tage später nimmt die Party wieder ihren gewohnten Lauf, allerdings zeigen sowohl Polizei als auch Ordnungsamt verstärkt Präsenz. Einen Einsatz werden sie diese Nacht nicht haben.

Kölner Wirt beobachtet: Anzahl der Schlägereien wächst

„Seit wir wieder öffnen durften ist die Stimmung hier wesentlich aggressiver“, sagt ein Barkeeper. Auch er will seinen Namen nicht in der Zeitung gedruckt sehen. Eine Vorsichtsmaßnahme. Er steht vor einer Kneipe mit spanischem Namen und raucht – es ist seine Halb-Zehn-Pause. Alle Tische der Außengastro sind bereits besetzt. Im Vorbeigehen grüßen ihn Passanten, er arbeitet seit fünf Jahren auf der Straße: „Ich bin selbst Ausländer, aber es kommen jetzt mehr Ausländer her als vor Corona, das gibt mehr Schlägereien. Meist gehen dann Dritte rechtzeitig dazwischen“, so seine Beobachtung. Unsicherer fühle er sich wegen der Tat Ende Juli aber nicht. Er kenne hier genug Leute, die ihm helfen würden, sollte er in Schwierigkeiten geraten. „Wir aus der Gastronomie halten zusammen. Wir haben die gleichen Sorgen. Fast alle haben jetzt Sicherheitsmänner engagiert, wir haben jetzt auch zwei“, sagt er und macht eine Handbewegung in Richtung eines großen Mannes in schwarzer Kleidung.

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Die Polizei zeigt Präsenz in der Zülpicher Straße. Auf der Feiermeile im Kwartier Latäng gibt es zunehmend Probleme mit alkoholisierten Jugendlichen.

Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht ebenfalls ein Sicherheitsmann. Er arbeitet allerdings schon länger vor dieser Bar und kennt die Sicherheitsbedenken auf der Zülpicher Straße gut. „Vor einem Jahr gab es hier schon einmal eine Messerstecherei, aber die Männer waren älter und keiner ist gestorben. Der Messerstecher ist aber wieder frei, erst letzte Woche war der wieder hier unterwegs. Da fragt man sich auch, warum“, sagt er. Tatsächlich gab es eine Messerattacke vor einem Jahr auf der Meile, bei der ein 33-jährige Mann acht Stichverletzungen erlitt. Er überlebte. „Dass der jetzt so jung war, ist schrecklich. Aber seit der Pandemie kommen eben immer mehr Halbstarke her, viele sind unter 18 Jahre alt“, sagt er, während er eine leere Weinflasche vom Gehweg räumt.

„Es hätte auch wo anders passieren können“

Die Klientel komme ihnen auch jünger vor, sagen die Masterstudenten Paula E., Jan W. und Philipp M. Sie wohnen in einer WG im dritten Stock, 150 Meter von dem Ort der Tat entfernt. „Die Nachricht hat mich schockiert, aber ich glaube, dass sie mehr mit den Menschen als mit der Straße zusammenhängt. Es hätte auch wo anders passieren können“, sagt E. Als Problemviertel würden sie das Kwartier Latäng nicht bezeichnen. Dabei geht keiner der Drei noch auf der Zülpicher Straße feiern. Jan W. lebt seit seinem Bachelor in Köln. Früher sei er hier viel unterwegs gewesen: „Ich bin der Straße vielleicht entwachsen. Was mir auffällt ist, dass es jetzt in der Früh mehr heftige Streitereien gibt. Und die Poser-Autos von den Ringen fahren jetzt hier, das ist neu“, sagt er. Auch ihn habe die Tat zum Nachdenken gebracht, doch um seine Sicherheit fürchte er nicht. „Weil die Gastronomen ihre Einbußen aus der Pandemie ausgleichen wollen, steht hier überall Außengastro. Es fehlt an Platz und das bietet mehr Potenzial für Streits“, vermutet der Student.

Während er und seine Mitbewohnerin sich nicht sicher sind was man ändern könnte, denkt Philipp M. über ein ganzheitliches Konzept nach: „Polizeipräsenz aufstocken könnte gerade nach so einer Tat helfen, aber auch mit den Gastronomen sollte man sich enger abstimmen.“ Wegziehen kommt für keinen der WG-Bewohner infrage.

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Um Mitternacht ist die Meile noch voller geworden, sodass viele auf die Straße ausweichen. Scherben liegen auf Gehweg und Asphalt, ein tiefgelegter BMW fährt in Richtung Universität. Vor dem Kiosk am Bahnhof Süd stehen Leute eng beieinander und trinken Bier. Eine fünfköpfige Gruppe hat eine Musikbox dabei, es läuft Hip Hop. Sie unterhalten sich über ihre Sommerferienplanung und die Lehrer im nächsten Schuljahr.

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