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Interview

Kölner Schriftsteller Kermani
„Irgendwie bin ich ein Chronist dieser schrecklich wunderbaren Stadt geworden“

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Navid Kermani

Navid Kermani

Navid Kermani liest beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus seinem jüngsten Roman „Sommer 24“ und spricht über Reisen in die USA und den Sudan.

Herr Kermani, wir sind kurz vor dem Sommer 26. Auch wenn die Tagespolitik in Ihrem Roman nur das Hintergrundrauschen bildet – haben Sie mal abgeglichen, was aus Ihren Überlegungen im „Sommer 24“ geworden ist?

Dass Donald Trump wiedergewählt würde, war damals schon abzusehen – aber nicht das Ausmaß der Katastrophen, die er anrichtet. Und keine der damals schon virulenten Krisen ist gelöst: Nahost, Ukraine, Sudan… Mit den Massakern in Iran und dem anschließenden Krieg ist ein weiterer globaler Großbrand hinzugekommen, der mich mit meinem iranischen Hintergrund besonders beschäftigt. Dass Amerika die westliche Sicherheitsgemeinschaft offen aufkündigt, stellt unser bisheriges europäisches Lebensmodell in Frage. Dass ein US-Präsident mit der Vernichtung einer ganz Zivilisation droht, hätte ich mir vor zwei Jahren nicht ausmalen können – ebenso wenig, dass der deutsche Bundeskanzler als einziger westlicher Politiker eine solch monströse Ansage auch noch verteidigt. Alles in allem würde ich sagen: Die dunklen Vorahnungen im Buch wurden von der Realität noch übertroffen.

Gerade sind Sie von einer Reportagereise aus dem Sudan zurückgekehrt, wo die – wie es immer heißt – größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart ihren Lauf nimmt.  Findet man dann überhaupt noch in den Alltag zurück?

Irgendwie schon, aber wie genau, weiß ich nicht.

Und was bringen Sie aus dem Sudan mit?

Um nur einen Punkt herauszugreifen: Dieser Krieg, der als vergessen gilt, hat ebenfalls sehr viel mit uns zu tun. Denken Sie nur daran, woher das Gold in unseren Tresoren kommt, das immer wertvoller wird: zu einem guten Teil illegal aus Sudan, wo es den Krieg finanziert. Vielleicht vergessen wir den Krieg Sudan bewusst.

In „Sommer 24“ beschreibt der Ich-Erzähler Navid es so: „Ich haushalte mit meinen Gefühlen und freue mich in Krisengebieten darauf, bald wieder in Deutschland zu sein: meine Liebsten in den Arm zu schließen, aber auch auf die warme Dusche und das saubere Bett“. Und weiter: „Zurück bleibt von der Reportage oder allen Reportagen zusammen lediglich eine Grundstimmung der Melancholie.“

Das trifft es schon ganz gut, wenn ich das jetzt wieder höre. Man ist ein bisschen neben der Spur, wenn man aus dem Krieg im Sudan zurück in Köln ist, und nicht mehr so recht gesellschaftsfähig. Aber irgendwann verläuft sich das, man freut sich wieder über das Schöne und regt sich über all das auf, was vergleichsweise unwichtig ist.

Als da wären: die Zustände in Köln, zum Beispiel. Davon handelt Ihr nächstes Buch.

Ja, im Herbst erscheint eine Anthologie mit meinen wichtigsten Texten und Romanpassagen über Köln. Ich hätte auch nicht gedacht, dass es so viele sind. Irgendwie bin über die Jahre dann doch ein Chronist dieser schrecklich wunderbaren Stadt geworden.


Lesung und Gespräch

Über Literatur und Politik, die Erkenntnisse aus seinen jüngsten Reisen in die USA und den Sudan sowie über die unüberwindliche Liebe zu seiner Heimatstadt Köln und dem 1. FC Köln spricht Navid Kermani mit Joachim Frank, Chefkorrespondent des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Donnerstag, 28. Mai, um 19 Uhr statt in der Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger, Amsterdamer Straße 192.Tickets zu 25 Euro (inkl. VVK) gibt es hier.