Krebskranke Schüler in KölnFür Noah geht ein Roboter mit Kamera in den Unterricht – 17 Avatare im Einsatz

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Was gerade im Gymnasium Kreuzgasse erprobt wird, soll möglichst vielen langzeiterkrankten Schülerinnen und Schüler ermöglicht werden.

In der Klasse 6 am Gymnasium Kreuzgasse steht auf dem Pult ein kleiner weißer Roboter. Der etwa 30 Zentimeter große Avatar dreht den Kopf und zeigt gerade ein lachendes Gesicht. Normalerweise sitzt hier Noah (12). Seit einigen Wochen ist der 30 Zentimeter große Avatar quasi sein Stellvertreter in der Klasse. Der Sechstklässler muss sich aufgrund einer Krebserkrankung einer langwierigen Chemotherapie unterziehen. Das bedeutet für ihn, dass er sich in dieser Zeit keiner Ansteckungsgefahr für Infekte aussetzen soll. Er darf ein halbes Jahr nicht in die Schule, nicht ins Kino oder zum Sport. Sein Leben beschränkt sich auf die eigenen vier Wände zu Hause.

Der Avatar ist für ihn das Tor zu seinem alten Leben: Morgens verbindet er sich mit seinem Smartphone per App mit dem Avatar und kann so am Unterricht teilnehmen. Wenn er sich meldet, dann blinkt der Kopf des Avatars grün, um für ihn aufzuzeigen. Wenn andere sich melden oder die Lehrerin spricht, kann er den Kopf des Avatars auch dorthin ausrichten. In den Avatar sind Mikrofon und Kamera eingebaut, sodass Noah seine Klasse immer sehen kann.

Auch seine Stimmung kann er über die Augen des Avatars, die mal fröhlich und mal traurig blinken, mitteilen. „Ich fühle mich sehr wohl mit dem Avatar und fühle mich seither nicht mehr so alleine“, erzählt Noah. Dass er auf diese Art am Unterricht teilnehmen und den Stoff mitverfolgen kann, ist ein Vorteil. Viel wichtiger für ihn ist allerdings, dass er über den Avatar Kontakt zu seiner Klasse und seinen Freunden halten kann.

Der Roboter wird ganz natürlich in den Unterricht integriert

Die nehmen den Avatar in jeden Fachraum mit und stellen ihn dort an Noahs Platz. In der Pause bleiben jeweils zwei oder drei Kinder in der Klasse, um sich mit dem Avatar in eine Runde zu setzen, damit Noah auch abseits des Unterrichts mal quatschen kann. „Wir bringen ihn dann gerne zum Lachen“, erzählt Elisa, die mit ihm befreundet ist. Natürlich wäre schöner, wenn Noah tatsächlich hier wäre, meint sie. „Aber an den Avatar haben wir uns alle super schnell gewöhnt.“ Nach dem Unterricht bringt das „Avatar-Team“ den kleinen Roboter zurück zu seiner Ladestation, wo er am nächsten Tag wieder vor dem Unterricht abgeholt wird. „Das ist jetzt ganz natürlich, dass der Avatar Teil von unserer Klasse ist.“

Und Noah tue das richtig gut, erzählt sein Vater Otto-Wilhelm Scherer. „Er ist nicht so raus aus dem richtigen Leben.“ Vor einigen Jahren, als er schon mal eine Chemotherapie machen musste, da gab es solche Avatare nicht und alles sei ganz anders gewesen. „Da lief schulisch schnell gar nichts mehr und Noah hatte jeden Kontakt zu Schule und Klasse verloren.“ Durch den Avatar gebe es eine viel höhere Motivation, dranzubleiben an der Schule und am Lernen.

Schulleiter Klaus Kombrink-Detemble zieht nach den ersten Wochen eine positive Bilanz: „Das ist eine richtig tolle Sache und kein Vergleich zur Installation einer festen Kamera.“ Die soziale Eingebundenheit und das Interaktive seien viel größer, der Roboter – und damit der Schüler – ganz natürlich eingebunden. Auch Noahs Lehrerin ist von dem Avatar überzeugt. Er helfe nicht nur Noah, der so Teil der Klassengemeinschaft bleibe. Auch die Klasse lerne, ihn einzubeziehen und ein Stück Verantwortung zu übernehmen.

17 Avatare sind in Kölner Schulen im Einsatz

355 solcher Avatare sind nach Angaben der Herstellerfirma AV1 derzeit bereits bundesweit im Einsatz. Sie alle sollen langzeiterkrankten Kindern ermöglichen, Kontakt zur Schule zu halten und auch mit dem Lernstoff auf Stand zu bleiben. Von den kleinen Robotern in Deutschland sind allein 17 derzeit in Köln im Einsatz. Zu verdanken ist das dem Förderverein für krebskranke Kinder in Köln, der 15 Avatare mit Spendengeld angeschafft hat. Alle Roboter sind an unterschiedlichen Schulen von Patienten der Kinderonkologie im Einsatz. Außerdem hat die Kölner Klinikschule zwei Geräte im Einsatz.

Das Projekt ist so erfolgreich, dass die Stadt Köln derzeit prüft, eine größere Anzahl solcher Telepräsenzroboter für den Medienverleih des Kommunalen Medienzentrums der Stadt anzuschaffen. Dort könnten dann die Schulen die Geräte auch für aus anderen Gründen langzeiterkrankte Schülerinnen und Schüler ausleihen.

Avatare an Kölner Schulen: soziale Isolation wird durchbrochen

Für Dirk Zurmühlen vom Förderverein krebskranke Kinder sind die Avatare Teil eines ganzheitlichen Konzepts. Er selbst bringt den Roboter in die Schule und klärt die Klasse vorher über die Erkrankung und Behandlung ihres Mitschülers auf. „Krebs ist ein großes Tabuthema. Daher sollen die Mitschüler erst mal Gelegenheit haben, alle Fragen zu stellen, um Berührungsängste abzubauen“, berichtet Zurmühlen.

Denn die soziale Stigmatisierung der betroffenen Kinder aus Unsicherheit sei eine große Gefahr, wenn das nicht entsprechend begleitet werde. Außerdem müssen die Mitschüler quasi als Team mit ins Boot geholt werden, weil sie ja dafür verantwortlich sind, dass der Avatar täglich geladen wird und von Raum zu Raum mitgenommen wird.

Der Kontakt zu Klasse und Unterricht, die der Roboter gewährleistet, ist nur ein Baustein des Konzepts: Daneben gibt es auch etwa fünf Stunden Hausunterricht durch Fachlehrer, um Stoff aufzuarbeiten. Zurmühlen hat die Erfahrung gemacht, dass die Avatare sehr hilfreich sind, um die soziale Isolierung zu durchbrechen. Auch die Wiedereingliederung nach manchmal bis zu einem Jahr des Fehlens in der Schule, die oft sehr schwierig sei, gestalte sich nun dank der Avatare viel leichter. „Ich bin jedenfalls sehr froh, ich den Avatar habe. Trotzdem freue ich mich riesig, wenn ich nach den Sommerferien hoffentlich endlich wieder zur Schule gehen darf“, sagt Noah.

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