- Seit einem Jahr ist Bernhard Seiger Stadtsuperintendent in Köln.
- Seit 2018 sind in Köln weniger als 50 Prozent der Menschen Mitglieder einer der großen Kirchen.
- Ein Gespräch über Kirche in Corona-Zeiten und Bedrohungen für die Demokratie.
Köln – Herr Seiger, am Tag der Wahl zum Stadtsuperintendenten haben Sie von einer „Kirche im Umbruch“ gesprochen, vom notwendigen „Umbau unserer Kirche“. Wie steht es damit nach einem Jahr?
Das lässt sich nicht auf ein Jahr eingrenzen. Viele Institutionen haben damit zu tun, dass die Bindungen nachlassen, das ist ein Trend seit etlichen Jahren. Wir als Kirche befinden uns in der Krise, weil wir nicht mehr selbstverständlich gesetzt werden. Abzulesen ist das an den Austrittszahlen. Seit 2018 sind in Köln weniger als 50 Prozent der Menschen Mitglieder einer der großen Kirchen. Damit müssen wir leben. Mich schreckt das nicht, sondern ich denke, es ist eine Aufforderung an uns, möglichst glaubwürdig, ehrlich und dialogfähig zu sein.
Es gibt ja manche, die sagen: Den Menschen muss es erst dreckig gehen, damit Sie sich an Kirche binden.
Das empfinde ich als blasphemisch. Not und Verlust sind niemandem zu wünschen. Es gibt Menschen, die in der Corona-Krise ganz viel Nähe suchen, weil sie sie nicht in der vertrauten Weise erleben können. Das merken wir in Telefonaten, in Gesprächen. Corona ist ein großer „Beziehungskiller“, habe ich kürzlich treffend gehört. Viele sind zutiefst verunsichert und verstört, haben Existenzängste. Die Orientierungslosigkeit ist groß. Ich glaube, dass sich unsere Kirchen gerade in dieser Krise als Orte erweisen werden, wo man Zuversicht und Lebensermutigung findet. Das ist schließlich unsere Hauptbotschaft. Wir merken zum Beispiel, dass der Wunsch nach Taufen enorm groß ist, auch der nach Konfirmationen.
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Vieles war einige Zeit nicht möglich. Wie hat sich das praktisch ausgewirkt?
Man musste sich neue Formate ausdenken. Auf einmal sind wir Pfarrerinnen und Pfarrer Darstellerinnen und Darsteller vor der Kamera geworden. Wir hatten übrigens zeitweise mehr Besucher unserer Video-Gottesdienste als in den Präsenzgottesdiensten. Die Formate im Internet sind viel kürzer, also muss man sich auf das Essenzielle beschränken. Ich selber habe als Gemeindepfarrer gemerkt: Man kann viele Sachen auch in 20 Minuten unterbringen. Als Stadtsuperintendent musste ich viele Videokonferenzen leiten, an manchen Tagen sechs bis acht Stunden. Das erfordert viel Konzentration, und es fehlen all die Zwischentöne, die Pausen, der Blickkontakt, dafür braucht man die Präsenz. Der digitale Schub hat aber auch viel Positives gebracht. Absprachen laufen schneller, und inzwischen gibt es auch eine gute, etablierte Beratungsarbeit online.
Ist das Gemeindeleben alles in allem wieder wie früher?
Nein, auch wenn die Gottesdienste wieder in Kirchen gefeiert werden dürfen. Was ich extrem vermisse und uns allen fehlt, ist das gemeinsame Singen. Singen bringt die Menschen zusammen und schafft Nähe. In meiner Gemeinde werden jeden Sonntag nach dem Gottesdienst draußen die Lieder gesungen, die wir drinnen nicht singen konnten. Große Herausforderungen sind das Abendmahl und die Eucharistie, bei denen ein gläubiger Mensch innige Religiosität erlebt. Dieses Innige, Vertrauensvolle ist gestört, wenn lauter Vorsichtsmaßnahmen im Blick zu behalten sind. Ein anderes Problem: Wenn ich Konfirmandinnen und Konfirmanden segne, gehört die Handauflegung dazu. Hier haben wir eine Lösung gefunden: Nun segnen an vielen Orten Eltern ihre Kinder, indem sie ihnen die Hände auf den Kopf legen. Das ist auch bei Einschulungen eine wirklich gute Idee gewesen.
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Copyright: Matthias Heinekamp/Nikolas Janitzki/Tobias Hahn
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Waren alle Kontaktbeschränkungen aus Ihrer Sicht nötig?
Eine solche Situation wie im Frühjahr hat es noch nicht gegeben, und im Nachhinein ist man immer schlauer. Grundsätzlich gilt es abzuwägen zwischen den Freiheitsrechten des Einzelnen und der Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Das Ausleben der eigenen Bedürfnisse kann nicht alleiniger Maßstab sein. Zu den Punkten, über die man bei der Aufarbeitung sprechen muss, gehört sicher, dass man die Kontaktverbote in den Pflegeeinrichtungen derart restriktiv gehandhabt hat. Es hat dazu geführt, dass man kranke, sogar sterbende Menschen allein gelassen hat. Wolfgang Schäuble hat es auf den Punkt gebracht: Nicht die Gesundheit ist höchstes Gut des Grundgesetzes, sondern die Menschenwürde. Wir müssen aufpassen, dass die Gesundheit nicht zur obersten Religion wird. Weitergedacht heißt das: Dann wäre der Impfstoff ein Allheilmittel für die Welt. Damit überfordert man dieses wichtige Element der Gesundheitsfürsorge. Zum gelingenden Leben brauchen wir noch viel mehr: Vertrauen, Gemeinschaft, Bescheidenheit, Fürsorge füreinander, und viele trägt eben auch der Glauben.
Trotz Corona-Krise ist die Beteiligung an der Kommunalwahl zuletzt in Köln wieder gestiegen. Glauben Sie, dass das bei der Stichwahl am Sonntag auch so sein wird?
Ich hoffe, dass viele Menschen am Sonntag zur Wahl gehen und die Wahlbeteiligung hoch bleibt. Die Erfahrungen zeigen, dass sich die Menschen für das interessieren, was mit ihren Stadtteilen zu tun hat. Gerade in Corona-Zeiten merken wir, wie wichtig gute Nachbarschaft ist, das Leben in den Veedeln. Wählen zu gehen ist eine Wertschätzung dafür, dass sich andere ehrenamtlich für unsere Stadt engagieren. Leider ist oft das Gegenteil der Fall: Die Personalisierung von Unzufriedenheit hat zur Folge, dass sich Hass und Häme gegen Politiker verbreiten. Bei den Wahlen am 13.9. galt es, die demokratischen Parteien so stark zu machen, dass am rechten Rand nichts passiert. Das ist zum Glück so gekommen. In dem einen Jahr, in dem ich Stadtsuperintendent bin, sind Themen nach vorne gerückt, die in der Bevölkerung zwar latent da, aber nicht so greifbar waren: Rassismus, Antisemitismus und Antiislamismus. Von Halle bis Hanau. Zu Beginn meiner Amtszeit hätte ich nicht vermutet, dass sich das so schnell entwickelt.



