Nach Ausstieg der Deutschen BahnKölner kauft für sein Unternehmen einen Autoreisezug

Lesezeit 5 Minuten
Autoreisezug (2)

Autoreisezug

Köln – Natürlich hätte Niko Maedge auch die Deutsche Bahn AG fragen können – die Antworten sind ja ohnehin verbrieft: Nachtzüge mit Schlafwagen? „Total unwirtschaftlich“ – abgeschafft 2016; Autoreisezüge? „Seit Jahren nachhaltig defizitär“ – abgeschafft ebenfalls 2016.

Maedge hat aber nicht die Deutsche Bahn gefragt. Der Kölner hat stattdessen mit seiner Firma „Train4you“ einen Autoreisezug gekauft – 70 Reisezugwagen: Schlafwagen, Sitz- und Liegewagen, Bordrestaurants, Club- und Discowagen, Autotransport- und Gepäckwagen. „Eine schlaflose Nacht mit viel Rechnerei und Diskussionen hatte ich“, räumt er ein, aber dann war klar: „Ja, wir machen das. Wann, wenn nicht jetzt?“ Allzu oft stehen solche Züge nicht zum Verkauf.

Von Hamburg nach Österreich

Seit mehr als einem Jahr sind die Autozüge als UEX (Urlaubs-Express) jetzt unterwegs, von Hamburg nach Lörrach an der Schweizer Grenze oder in die österreichischen Feriengebiete. „Unsere erste Idee war es, die Strecke Hamburg-Verona fortzuführen“, sagt Maedge. Wie erhofft, gab es genug Interessenten aus dem nord- und ostdeutschen Raum und aus Skandinavien. In Folge dieser großen Nachfrage steht ab Freitag, 22. Juni, auch NRW erstmals wieder auf dem Fahrplan: Vom Terminal Düsseldorf aus verkehrt ein Autozug über Köln-Deutz auf der klassischen Nachkriegs-Traumroute Richtung Verona/Italien.

Alles zum Thema Deutsche Bahn

Niko Maedge, 38, hat eine genetisch festgelegte Affinität zum Eishockey: Vater Rainer ist nicht nur prominenter SPD-Politiker, sondern vor allem Präsident der Kölner Haie. Als gelernter Kommunikationswirt kümmerte sich Niko Maedge bereits als 20-Jähriger um das Fan-Ticketing beim KEC. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Fan-Züge zu Auswärtsspielen zusammenzustellen und zu ordern. Das machte Spaß – aber nicht, wie man denken könnte, wegen der Züge. „Das Organisieren hatte es mir angetan“, sagt er, „es ging mir mehr um das Event als um den Zug.“

„Bahn war nicht flexibel“

Maedge sammelte wertvolle Erfahrungen in der Organisation solcher Touren, sowie im Umgang mit der Deutschen Bahn. „Die Bahn war nicht sonderlich flexibel“, sagt Maegde, „als Großkonzern muss sie das nicht und kann es an manchen Stellen auch nicht.“ Also machte er sich ab 2002 selbstständig: „Da bin ich in den Sonderzug-Markt eingestiegen.“ Zunächst mit Wagen, Zügen, Personal und Infrastruktur der Bahn, ab 2005 dann aber mit Menschen und Maschinen von Verleihfirmen. Ja, das gibt es. Die Firma MEV zum Beispiel – Mannheimer Eisenbahn-Verkehrsgesellschaft – beschäftigt und verleiht Lokführer, Zugbegleiter und überhaupt das ganze Personal rund um Zug-Betrieb und -Wartung inklusive Betreuung und Ausbildung.

Seit 2006 bietet Maedges Firma wöchentliche Skizüge an: Hamburg-Köln-Österreich. Etwas billiger als die Bahn, die daraufhin „etwas verschnupft“ reagierte. „Man kommt mit der Bahn gut zurecht“, sagt Christian Oeynhausen, Sprecher von Train4you, „wenn man Dinge anbietet, die sie nicht im Programm hat. Wenn man ihr Konkurrenz macht, ist es schwierig.“

Niko Maedge

Niko Maedge

Zum Angebot gehören inzwischen Fahrten für Fußball- und Eishockey-Fans oder Sonderfahrten für Kirchentage. Die Charter- und Partyzüge fahren regelmäßig zum Oktoberfest und nach Norderney. Die Oktoberfestzüge fahren die Strecke Dortmund, Essen, Düsseldorf, Köln und Frankfurt und kommen morgens in München an – abends geht’s zurück. „Das Ziel ist der Zug“, sagt Maedge, es klingt wie ein Werbespruch und ist vielleicht auch einer.

Wagen schuldenfrei übernommen

Als 2015 ein niederländischer Autoreisezug-Anbieter den Betrieb einstellte, sah Maedge vor dem Hintergrund all seiner Erfahrungen eine Chance. Nach einem lukrativen Großauftrag verfügte sein Unternehmen über ausreichend Geld: „Wir konnten die Wagen schuldenfrei übernehmen.“ Das war wichtig, denn nun galt es, die Wagen instandzusetzen, Personal vorzuhalten, Strecken zu buchen, um nach dem Ausstieg der DB bald den Betrieb weiterzuführen. „Wir wollten auf dem Markt sein, bevor niemand mehr weiß, dass es Autoreisezüge noch gibt“, sagt Maedge.

Das war durchaus ein Problem: Die Einstellung des Betriebs durch die Deutsche Bahn war bundesweit ein großes Thema, hundertfach und überall erzählt. Dass Maedge und kooperierende Konkurrenten wie ÖBB (Österreichische Bundesbahn) und BTE (Bahn Touristik Express) den Autozug-Betrieb partiell fortführten, ging da etwas unter. In der Öffentlichkeit galt: Es gibt keine Autoreisezüge mehr. Schade eigentlich.

Dass ein Großkonzern wie die Bahn aus dem Autoreisezug-Verkehr aussteigt, hat Maedge nicht abgeschreckt. „Die Bahn konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft, auf ihre Kernzeiten und die Weiße Flotte aus ICEs und Intercitys“, sagt Oeynhausen, „da passen die sperrigen Autotransporte nicht mehr in den Fahrplan, nicht in die Personalplanung und nicht in die Wartungshallen.“

Verspätung ist kein Problem

Das aber kann ein kleinerer Anbieter leisten: Wäschemanagement, flexibles Personal, ambitioniertes Catering, Streckennutzung in der Nacht – für die Bahn kostenträchtige Probleme; für Maedge und seine Idee nicht: „Die Kunden sind bei Nachtfahrten nicht so zeitsensibel. Zwei Stunden Verspätung bedeuten nicht wie über Tag verpasste Termine – sondern mehr Zeit zum Ausschlafen und Frühstücken.“ Es ist Urlaub und es soll sich auch so anfühlen.

Die Bestellung der Strecken erfolgt nach fixen Koordinaten. „Wir benutzen die Trassen und Bahnhöfe der Bahn, klar“, sagt Maedge. Benutzt werden müssen aber auch die Laderampen – in Hamburg-Altona gibt es solch ein Terminal, in Düsseldorf, in Lörrach und in München. Für den innerdeutschen Betrieb sind das die verbliebenen Konstanten. Die Terminals in Berlin-Wannsee und Hildesheim sind kürzlich geschlossen worden, die Auffahrt Köln-Deutz musste vor einigen Jahren dem ICE-Anschluss weichen.

Zuladung gerne in Deutz angeboten

Das schmerzt den Kölner Maedge ein bisschen: „Natürlich hätte ich gerne die Auto-Zuladung in Deutz angeboten.“ Das geht nun nicht. Zwar halten die Züge in Deutz, motorisierte Kunden müssen aber nach Düsseldorf. Das Prozedere ist überschaubar: Bei Buchung müssen die genauen Maße – Länge, Breite, Höhe – des Fahrzeugs angegeben werden. Etwa zwei Stunden vor Abfahrt bekommt jedes Fahrzeug eine Nummer für die Reihenfolge, in der die Wagen auf den Waggons eingeteilt sind. „Gegen Schadensausschluss übernehmen wir auch das Einparken“, sagt Oeynhausen.

„Wir sind nicht die günstigste Art und Weise, um von A nach B zu kommen“, sagt Maedge mit Blick auf das Preissystem. Das hat Einfluss auf die Klientel. In der Vor- und Nachsaison sind es hauptsächlich Motorradfahrer, die mit ihren Maschinen in die Nähe der Alpen-Serpentinen wollen. In den Ferien aber sind es die Autos – und es sind die höherpreisigen. „Polos und Lupos findet man eher selten“, sagt Maedge. Es sind Fahrzeuge, die die Besitzer am Urlaubsort gerne zeigen. Sonst hätte man sie nicht mitgenommen.

Nachtmodus
KStA abonnieren